Kampf dem Leerstand in Waldkraiburg: Einzelhändler fordern von Citymanagement schnelle Maßnahmen

Wie kann die Waldkraiburger Innenstadt gestärkt werden? Die Stadt will sich fürs Citymanagement Hilfe von außen holen. Händler und Verbände sehen das überwiegend positiv, fürchten aber, dass es bis zur konkreten Umsetzung zu lange dauert.

Waldkraiburg– Keine Frage, Waldkraiburg hat ein großes Problem mit den Leerständen. In vielen Ladenflächen im Zentrum geht schon seit einigen Jahren das Licht nicht mehr an. Bald wird auch das Schuhgeschäft Leder seine Türen für immer schließen. Im Sommer haben mit dem Café Brosch und dem Café Chablis zwei Gastronomiebetriebe zugemacht.

Die Stadt will dieser Tendenz nicht tatenlos zusehen und setzt auf Unterstützung eines externen Dienstleisters. Der sollte nicht nur etwas gegen die Leerstände unternehmen, sondern auf der Grundlage von Erfahrungen in anderen Städten und Regionen Konzepte für eine Aufwertung und Stärkung der Innenstadt entwickeln und bei der Umsetzung mitwirken. Ein Innenstadtmanagement soll Ansprechpartner für die Stadt und für Einzelhändler, Vermieter und weiteren Akteure und Institutionen sein, die in und von der Innenstadt leben. Die Hoffnung, einige dieser Aufgaben könnte nach der Auflösung der Stadtmarketing GmbH vor drei Jahren die Stadtverwaltung mit übernehmen, hat sich nicht erfüllt. Deshalb sollen sie nun mit Mitteln aus der Städtebauförderung an ein Unternehmen outgesourct werden.

Ausschuss legt Aufgaben fest

Schon vor einem Jahr bestand im Stadtentwicklungsausschuss weitgehend Einigkeit darüber, diesen Weg zu gehen. In der Sitzung am Mittwoch um 18 Uhr im Rathaus sollen die Aufgaben definiert werden, um die Dienstleistung auszuschreiben, zunächst 16 Wochenstunden für ein Jahr mit der Option für eine dreijährige Verlängerung.

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Externer Dienstleister hilft bei Citymanagement

Wird das nur ein laues Citymanagement-Lüftchen oder eine kräftige Brise, die in der Innenstadt wirklich etwas voranbringen kann? Das ist für Dr. Andreas Holzapfel die entscheidende Frage. Grundsätzlich begrüßt der Vorsitzende des Gewerbeverbandes die Initiative. Er spricht sich dafür aus, den Auftrag so eng wie möglich zu fassen. Es müsse um die Fortentwicklung des Einzelhandels in der Stadt gehen. In diesem Bereich sei das Potenzial „durchaus ausbaufähig“. Als mögliche Aufgaben nennt er konkrete Maßnahmen, um das Image und das Profil der Innenstadt zu steigern, die Belebung der Innenstadt und die Steigerung der Kundenzufriedenheit durch „Einkaufserlebnisse“.

Seine große Befürchtung: Dass es zu lange dauert, bis es zur konkreten Umsetzungsphase kommt. Die neu geplante Projektgruppe müsse sich erst wieder finden. „Das gilt umso mehr, wenn externe Dienstleister beauftragt werden. Bleibt da noch Zeit und Geld übrig für die Umsetzung?“ Holzapfel, der sich lange für den Erhalt der Stadtmarketinggesellschaft stark gemacht hatte, empfiehlt: Ein externer Dienstleister sollte die „gute Basis“ aufgreifen, die die GmbH erarbeitet habe.

Externe Lösung kostet weniger Geld

Bei Willi Engelmann, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Handel und Handwerk, rennt die Stadt mit ihrem Vorhaben offene Türen ein. Ausdrücklich begrüßt er die externe Lösung. Die „interne Lösung“ Stadtmarketing GmbH sieht er kritisch: „Da wurde ein Apparat aufgebaut. Das hat richtig viel Geld gekostet.“ Die neue Struktur könne man nach einiger Zeit überprüfen, einstellen oder mit einem anderen Partner fortsetzen. Das finanzielle Risiko sei bei einer 60-prozentigen Förderung überschaubar: So würden von den Gesamtkosten für den externen Dienstleister von rund 50.000 Euro im Jahr rund 30.000 Euro vom Freistaat übernommen werden.

Einzelhändler: Mieten im Zentrum zu hoch

Eine zentrale Aufgabe für das Innenstadtmanagement sieht er darin, die Leerstände zu ermitteln und das Kataster auf aktuellem Stand zu halten, Kontakt zu Vermietern zu knüpfen und deren Flächen am Markt anzubieten. Und noch eins: Ein Citymanager dürfe nicht müde werden, „den Vermietern deutlich zu machen, dass die Mieten nicht in den Himmel wachsen“. Nicht nur aus Sicht des AHHW-Vorsitzenden ist das Mietniveau bei Einzelhandelsflächen in der Innenstadt ein Schlüsselproblem.

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In Einzelfällen bis zu zwölf, gar 15 Euro pro Quadratmeter werde pro Quadratmeter verlangt, sagt Alexander Schäftlmaier, Co-Geschäftsführer von Intersport Schäftlmaier. „Nicht nur für Existenzgründer ist das einfach zu viel.“ Die Mieten seien zu hoch, und die Investitionsbereitschaft der Vermieter zu gering, meint Josef Sahlstorfer, Inhaber des gleichnamigen Ringfoto-Geschäfts, der nach schlechten Erfahrungen mit seinem Vermieter im Vorjahr von der Prager Straße an die Bayernbrücke gezogen ist. 

Radlhändler Georg Weidl aus Waldkraiburg-Süd spricht von „horrenden Forderungen“. Er habe schon vor zwei Jahrzehnten versucht, einen Laden im Zentrum zu finden und entnervt aufgegeben. Viel habe sich seitdem nicht geändert, glaubt er. Existenzgründern wäre wohl am meisten geholfen, „wenn die Stadt die Miete bezuschusst“, findet Andrea Schmieder vom gleichnamigen Handarbeiten-Geschäft. Doch, das weiß auch sie, „das ist natürlich nicht möglich“.

Alexander Schäftlmaier (links), Co-Geschäftsführer des gleichnamigen Sportartikelgeschäfts, kann sich vorstellen, dass ein externer Citymanager Impulse für eine gemeinsame Online-Verkaufsplattform setzen könnte. Josef Sahlstorfer (rechts) fürchtet, dass an den über Jahren gewachsenen Problemen im stationären Einzelhandel insgesamt und speziell in Waldkraiburg auch ein externer Dienstleister nicht in wenigen Jahren etwas ändern könnte. Grundner/Gurasch

„Sechs bis acht Euro Miete pro Quadratmeter, mehr geht nicht“

„Sechs bis acht Euro“ für Gewerbeimmobilien im Zentrum, mehr geht nicht“, findet Willi Engelmann. „Dann wäre die Innenstadt wieder konkurrenzfähig, auch mit den Märkten im Außenbereich.“

Was er noch von einem Citymanager erwartet: Als Bindeglied zwischen Stadt und Einzelhandel könnte dieser „vielleicht auch etwas bei der Weihnachtsbeleuchtung voranbringen“. Eine Unterstützung bei der Organisation von Veranstaltungen wie den vier verkaufsoffenen Sonntagen wäre hilfreich. Ideen für neue Veranstaltungsformate erwartet sich Andrea Schmieder. „Ein Externer ist nicht so betriebsblind.“ Voraussetzung sei freilich, dass er sich auf die Stadt und ihre Besonderheiten „wirklich einlässt“.

Hilfe bei gemeinsamer Online-Plattform

Wie Engelmann bringt Alexander Schäftlmaier auch die Schaffung einer gemeinsamen Online-Plattform ins Gespräch. Intersport Schäftlmaier zählt zu den Geschäften, die in diesem Bereich relativ gut aufgestellt sind. Bislang arbeitet der Einzelhändler mit einem Dienstleister zusammen, möchte in Zukunft aber den Online-Handel selber organisieren. 

Das Citymanagement könnte die Einzelhändler zusammenbringen und unterstützend beim Aufbau einer Waldkraiburger Plattform wirken mit allen Produkten, die hier noch angeboten werden: Sportartikel, Bücher, Schuhe, Taschen, Elektroartikel. Er spricht damit auch ein großes Defizit im Angebotsmix der Einkaufsstadt und Betätigungsfeld für einen Citymanager an: Waldkraiburg, das vor 15, 20 Jahren im Modebereich breit aufgestellt war, hat außer C & A kein Bekleidungsgeschäft mehr.

„Wir reden zu viel und probieren zu wenig“

„Unser Problem liegt darin, dass wir zu viel reden und zu wenig probieren und durchsetzen“, sagt Gastronom Serhat Yazici, Mitinhaber des „Centrale“ am Stadtplatz. Yazici glaubt zwar, dass vor allem der Einzelhandel von einer solchen professionellen Unterstützung profitieren könnte. Interessiert hätte es ihn aber schon, was ein Fachmann von außen zu seiner Idee einer Eventhütte an Weihnachten gesagt hätte, die im Stadtrat abgelehnt wurde.

Wertvoll wäre aus Sicht von Yazici zudem Beratung und Hilfe in ganz praktischen Dingen: Wie geht man vor, wenn m an eine Werbetafel aufhängen möchte? Wie kann man die Schaufenstergestaltung optimieren, wie sich online besser präsentieren? Da wären Rückmeldungen von einem Profi von außen sinnvoll.

Geld lieber in Topevents stecken?

Eines sollte klar sein, findet Andreas Holzapfel: Erfolgreich wird das „Citymanagement“ nur, wenn alle Akteure, „Kaufleute, Kunden, Stadt, Verbände usw.“ zusammenwirken. Es brauche „Hirnschmalz, Herzblut, viel Kommunikationsarbeit und die Bündelung von Aktivitäten“. Der Vorsitzende des Gewerbeverbands: „Das wird ein sehr träger Prozess, der sehr viel Geduld verlangt.“

Ob es für ein externes Citymanagement nicht längst zu spät ist, das fragt sich Josef Sahlstorfer. Der Fotograf und Fotohändler, der treu zum Standort Waldkraiburg steht und früher selbst im Vorstand der Aktionsgemeinschaft mitarbeitete, verweist auf die enormen Herausforderungen für den stationären Einzelhandel durch das veränderte Einkaufsverhalten. 

Dazu kommen spezielle Waldkraiburger Probleme: die geschichtlich begründete, fehlende Einbindung ins Umland, die inhomogene Struktur der Bevölkerung, das Fehlen von Geschäften für den höherwertigen Bedarf. „Allein im innersten Stadtkern sind wir bei 20 Leerständen, es fehlen Leuchttürme, die überregional wirken.“ Diese über viele Jahre gewachsene Situation lasse sich auch von einem professionellen Citymanagement nicht in wenigen Jahren verändern. „Das ist eine Sisyphusarbeit.“ Auch er habe kein Patentrezept, sagt Sahlstorfer und wirft die Frage auf, ob es nicht besser sei, sich das Geld für einen externen Citymanager zu sparen und es statt dessen in Angebote zu stecken, die eine gewisse Strahlkraft haben, etwa in herausragende Kulturereignisse oder Veranstaltungen, die es schon einmal wie das Jugendkulturfestival oder das internationale Turm- und Wasserspringen.

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