Jubiläum in Krisenzeiten: Was Waldkraiburger SPD-Mitglieder in der Partei hält

Trotz alledem. Walter Kraus und Gert Hilger stehen fest zur SPD. Es gibt so Vieles, worauf die Partei und ihre Mitglieder stolz sein könnten, finden sie. Grundner
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70 Jahre Ortsverein Waldkraiburg feiert die SPD an diesem Freitag. Ein Jubiläum in Krisenzeiten, nach Wahlschlappen, Sinkflug in den Umfrage und Groko-Jammer. Gert Hilger und Walter Kraus, zwei SPD-Urgesteine, erklären, warum sie trotz alledem stolz zu ihrer Partei stehen.

Waldkraiburg – S P D – drei Buchstaben, die heute in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem für eins stehen: die Krise der Volksparteien. Wie im politischen Jammertal scheint sich die Partei selbst vorzukommen. Eine Wahlschlappe nach der anderen hat sie zuletzt einstecken müssen. Und im jüngsten Bayerntrend ist sie auf jämmerliche sieben Prozent geschrumpft.

In solchen Situationen rührt sich bei vielen Menschen reflexartig ein Fluchtinstinkt. Nichts wie weg? Walter Kraus und Gert Hilger käme das nicht in den Sinn.

Einmal Sozialdemokrat, immer Sozialdemokrat!

Einmal Sozialdemokrat, immer Sozialdemokrat! „Aus der SPD und der Gewerkschaft tritt man nicht aus, da stirbt man heraus“, sagen die beiden langjährigen Mitglieder im Ortsverein Waldkraiburg, der am Freitag sein 70-jähriges Bestehen im Haus der Kultur feiert.

Schwarz auf weiß steht’s im Parteibuch: 108,84 Euro Jahresbeitrag hat Walter Kraus 2018 an die SPD abgeführt. So hoch ist der Rentnertarif. „Das Geld hat mich noch nie gereut“, sagt der 87-jährige. Kein Euro. Daran hat sich seit seinem Parteieintritt vor 51 Jahren nichts geändert.

Die SPD ist Teil der Familiengeschichte

Neben der Gewerkschaftsarbeit, die Kraus geprägt hat, war die Familiengeschichte ein entscheidender Grund für diesen Schritt, einer, der vor dem Hintergrund der neuen politischen Entwicklungen in Deutschland und der Welt wieder eine traurige Aktualität hat. Kraus kommt aus einer typischen sudetendeutschen Arbeiterfamilie. Der Vater war Hauskassier des Ortsvereins. Als 1938 die Nazis das Sudetenland „heim ins Reich holten“, wie das hieß, wurde er wie viele andere Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler von sogenannten „Freikorps-Leuten“ und Anhängern der Sudetendeutschen Partei festgesetzt. „Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater mit dem Lkw abgeholt wurde.“ Manche kamen ins Gefängnis, sogar ins Konzentrationslager. Das ist dem Vater erspart geblieben, der allerdings beschattet und später in eine Firma nach Berlin versetzt worden sei.

Ein Roman hat ihn politisiert

Gert Hilger, auch er ein Aktivposten der Gewerkschaftsarbeit, hat einen anderen Zugang. Der 73-Jährige kommt aus einem sehr konservativen Elternhaus. Politisch desinteressiert und konservativ hat er das Klima am Gymnasium in Niederbayern in den 1960er-Jahren in Erinnerung. Seinen Lebensweg ganz wesentlich geprägt habe ein Buch: Richard Llewellyns Roman „So grün war mein Tal“ über den Kampf von Bergarbeitern in Wales. Dass er 1982 SPD-Mitglied wurde, schreibt Hilger auch dem damaligen SPD-Bürgermeister Josef Kriegisch und einigen anderen „beeindruckenden Waldkraiburger Sozialdemokraten“ zu.

Ortsverein hatte über 500 Mitglieder

Die Zeiten waren schon einmal besser für die „alte Tante SPD“, auch im Ortsverein Waldkraiburg, der mit Josef Kriegisch 18 Jahre lang einen erfolgreichen Bürgermeister, in den 1970er-Jahren die stärkste Rathausfraktion stellte und vor einem halben Jahrhundert über 500 (!) Mitglieder zählte. 68 sind es heute.

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„Mein Grundprinzip ist Solidarität“, sagt Hilger, der es sehr bedauert, dass die selbstverständliche Einheit zwischen Gewerkschaft und SPD-Mitgliedschaft verloren gegangen sei. Das ist aus seiner Sicht ein Grund für die Misere der Sozialdemokratie, deren Ursachen freilich viel tiefer sitzen. Fundamentale gesellschaftliche Veränderungen spielen mit. Den klassischen Industriearbeiter, der Jahrzehnte lang Basis für die Erfolge der SPD waren, gibt es nicht mehr. „Jeder kommt sich heute so vor, als sei er sein eigener Unternehmer, deshalb glaubt man, es brauche weder Gewerkschaft noch SPD.“

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Und manche laufen gar Parteien hinterher, die wie die AfD bisher noch nicht mal in der Lage war, ein Rentenkonzept vorzulegen. Hilger schüttelt den Kopf. Die SPD hat Konzepte für die Rente und für die vielen anderen Politikfelder. Doch sie hat auch ein Wahrnehmungs- und Vermittlungsproblem, glaubt der Waldkraiburger. Mühelos könnte er Errungenschaften auflisten, die es ohne die SPD in der Großen Koalition nicht gegeben hätte: den Mindestlohn, die Grundrente, zuletzt auch die Verbesserung der Situation der Paketboten... Hilger: „In der Öffentlichkeit wird das nicht wahr genommen.“

Die Partei hat ein Vermittlungs- und ein Führungsproblem

Dabei gebe es so Vieles, was die Partei herzeigen könnte. Ganz zu schweigen von den historischen Leistungen, auf die Sozialdemokraten mit großem Stolz zurückblicken. Hilger erinnert daran, dass ein linker Sozialdemokrat, Kurt Eisner, den Freistaat Bayern gegründet hat, ein Sozialdemokrat, Otto Wels, im März 1933, als sich der braune Terror schon in den Straßen breitmachte, eine mutige Reichtagsrede gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis hielt. Und nach dem Krieg war es wieder ein Sozialdemokrat, Wilhelm Hoegner, der als „Vater der bayerischen Verfassung“ gelten könne. Nicht zu vergessen Willy Brandt, erster SPD-Bundeskanzler und Namensgeber einer Medaille, die Walter Kraus schon hat und Gert Hilger bei der 70-Jahr-Feier erhalten wird.

Ob Steinbrück oder Gabriel – „das hat nicht wirklich gepasst“

Keiner hat die Partei länger geführt als Brandt. Keiner hat sie glaubwürdiger verkörpert. Heute hat die SPD ein großes Führungsproblem. „Wir brauchen wieder ein Zugpferd an der Spitze“, sagt Gert Hilger. Ob Steinbrück oder Gabriel – „das hat nicht wirklich gepasst“.

Und Andreas Nahles? „Mir hat nicht gefallen, wie man mir ihr umgegangen ist, in den Medien, in der Öffentlichkeit, aber auch in der eigenen Partei und Fraktion“, sagt Walter Kraus.

„Wenn es brennt irgendwo im Land, dann ruft man nach Gewerkschaften und SPD“, sagt er. Und es klingt verbittert. Der Wähler honoriere nicht, dass die Sozialdemokraten Verantwortung übernommen haben. Auch 2017 nicht, als die Verhandlungen für die Jamaika-Koalition gescheitert waren und es ohne SPD keine Regierung gegeben hätte. „Aus staatspolitischer Räson hat sich die SPD selbst in die Bredouille gebracht“, findet Hilger, der damals für die GroKo war, heute aber, wie so viele Sozialdemokraten, auf einen „Reinigungs- und Erneuerungsprozess in der Opposition“ setzt.

Hilger: Die SPD kann wieder den Kanzler stellen

Hat die Partei also mehr als eine große Vergangenheit, hat sie auch eine Zukunft? Die beiden SPD-Urgesteine sind Optimisten. „Ich denke, die Bürger werden das Potenzial der SPD wieder erkennen“, glaubt Gert Hilger. Einen SPD-Bundeskanzler oder SPD-Bürgermeister hält der Waldkraiburger nach wie vor für realistisch. Bei einem bayerischen Ministerpräsidenten ist er etwas skeptischer.

Die SPD ist schon ganz unten. Sieben Prozent im Bayerntrend. Walter Kraus schöpft daraus Hoffnung. „Tiefer darf und tiefer kann es nicht mehr gehen.“

Mit einem Neujahrsempfang feiert der Ortsverein am morgigen Freitag ab 17.30 Uhr im Haus der Kultur sein 70-jähriges Bestehen. Über die Geschichte des Ortsvereins Waldkraiburg spricht Zweiter Bürgermeister Richard Fischer. Höhepunkt der Veranstaltung ist die Verleihung der Willy-Brand-Medaille durch Markus Rinderspacher, Vizepräsident des Bayerischen Landtags.

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