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HEIMATVERTRIEBENE IN WALDKRAIBURG

Vor 70 Jahren kam der erste Zug

Ein Bildaus der alten Heimat zeigt die Eltern und Geschwister von Anni Gareis (Zweite von rechts), die im April 1946 zu den ersten Sudetendeutschen gehörten, die am Bahnhof Kraiburg ankamen. privat
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Ein Bildaus der alten Heimat zeigt die Eltern und Geschwister von Anni Gareis (Zweite von rechts), die im April 1946 zu den ersten Sudetendeutschen gehörten, die am Bahnhof Kraiburg ankamen. privat

Vor 70 Jahren, am 23. April 1946, erreichte der erste Zug mit Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland den Bahnhof Kraiburg. Was sich damals kaum jemand vorstellen konnte: Dieses Ereignis sollte ein wichtiger Schritt, ein Meilenstein auf dem Weg zur Stadt Waldkraiburg werden. Vier Jahre später wurde die Gemeinde gegründet. Dass sich das Rüstungswerk mit seiner Infrastruktur für die Ansiedlung von Flüchtlingen und Betrieben hervorragend eignete, erkannte als einer der Ersten der sudetendeutsche Unternehmer Emil Lode.

Waldkraiburg– Heimatvertriebene aus der Marienbader Gegend waren die Ersten, die am 23. April am Bahnhof Kraiburg ankamen und im sogenannten Holzlager untergebracht wurden. Unter ihnen war auch die achtjährige Anni Gareis, die mit ihren Eltern und fünf Geschwistern aus Tepl kam. Wie so viele andere Deutsche, allein 1946 mehr als zwei Millionen, war sie aus der Tschechoslowakei „ausgewiesen“ worden. Das Unrecht, das das nationalsozialistische Deutschland während der Besatzungszeit an Tschechen begangen hatte, richtete sich jetzt pauschal gegen die Deutschen, unabhängig von ihrer persönlichen Schuld oder Unschuld.

Es blieb kaum Zeit, das Nötigste zusammenzupacken. 50 Kilo Habseligkeiten durfte jeder Vertriebene mitnehmen, erinnert sich die Waldkraiburgerin, die ihr „Puppele“ dabei hatte. In Viehwaggons wurden die Menschen verladen. „33 Personen in einem Waggon, der von außen zugesperrt wurde.“ So habe es die Mutter später immer wieder erzählt. An einem Bahnhof, vermutlich in Regensburg, wurde Halt gemacht, Suppe gefasst. Zehn Jahre im Holzlager gelebt

An die Ankunft am Bahnhof Kraiburg kann sich Anni Gareis nicht mehr erinnern. „Es war halt alles nur Wald.“

Die Neuankömmlinge wurden auf das Lager verteilt. Gemeint ist das Holzlager im Süden des heutigen Stadtgebiets, in dem während der Kriegszeit Fremd- und Zwangsarbeiter für das Rüstungswerk untergebracht waren. Drei Tage zuvor war ein Zug mit Heimatvertriebenen noch nach Mühldorf zurückdirigiert worden, weil die Baracken noch nicht beziehbar waren, wie sich Walter Spiegl aus dem Egerland erinnert.

Am 25. April folgte ein weiterer Transport mit Vertriebenen aus dieser Region, am 29. April kam ein Zug aus der Gegend von Neutitschein in Mähren.

„Das Holzlager war ein Regierungsdurchgangslager“, so Stadtarchivar Konrad Kern. Die Menschen kamen dort in dieser Zeit vorübergehend unter und wurden dann auf Bauernhöfe im Umkreis verteilt. „Im Holzlager blieben nur jene dauerhaft, die eine Arbeit im Werk gefunden haben.“ 1200 bis 1700 Personen wurden in dem Lager in den Monaten zwischen April und September betreut. Aus eigener Kraft versuchten die Menschen die Baracken notdürftig wieder aufzubauen und menschenwürdig zu gestalten, schreibt die kürzlich verstorbene Gertrud Johna-Meyer in einem Beitrag für das Stadtbuch. Erst 1947 wurden die Massenquartiere umgebaut, um ein menschlicheres Wohnen zu ermöglichen, 1948/49 wurden die Behausungen endlich winterfest gemacht.

Anni Gareis sollte mit ihrer Familie bald nach der Ankunft auf einem großen Hof in der Nähe einquartiert werden. „Den ganzen Tag hat man uns vor dem Haus warten lassen“, ohne die Familie einzulassen. Sie kamen nach Ebing ins Schulhaus, der Schulbetrieb war eingestellt. Das Klassenzimmer war nun ihr Zuhause, das sie mit vielen anderen teilen musste.

Als sie 1948 ins Holzlager, „Baracke 8“, zurückkehrten, war das Flüchtlingslager zu einer kleinen Siedlung geworden, mit einer achtklassigen Volksschule, Kirche, Lebensmittelgeschäften, ersten Handwerkern, sogar einer Kantine mit angeschlossenem Theatersaal. „Für Kinder war das sehr schön“, sagt Anni Gareis. „Die Leute haben zusammengehalten, und nicht so viel geschimpft wie heute.“ Zehn Jahre lebten sie im Lager, ehe sie ein Haus in der Bayerlandsiedlung in Waldkraiburg-Süd, das ihr Vater, ein Postbeamter, gebaut hatte, bezogen.

Da war Waldkraiburg längst auf dem Weg zur Stadt. Einer, der dieses Potenzial schon im April 1946 erkannte, als auf dem Boden Waldkraiburgs nicht viel mehr als ein großes Rüstungsgelände, ein Bahnhof, zwei kleine Siedlungen und zwei Lager standen, war Emil Lode, ein Spediteur aus Haida in Nordböhmen. Auf der Suche nach Räumlichkeiten zur Gründung einer Fabrik war er durch Hinweise aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium auf das Gelände aufmerksam geworden. Am 26. März 1946 betrat er als erster heimatvertriebener Sudetendeutscher „Waldkraiburger Boden“. Und schon wenige Tage später, am 4. April 1946, verfasste er eine Denkschrift an die bayerische Staatsregierung, in der er die Möglichkeiten aufzeigt, die das Areal für eine organisierte Ansiedlung von Landsleuten bot.

Das „Projekt Kraiburg“

Das Dokument ist verschollen. Eine weitere Denkschrift Lodes an die Regierung vom November 1946 ist dagegen erhalten geblieben. Darin setzt er sich eindringlich für den Erhalt des Werkes ein, dafür, dass die Gebäude für Firmen freigegeben werden. Und Lode zeigt die Möglichkeiten auf, die sich durch die moderne Infrastruktur des Werkes mit Fernheizung und Elektroeinrichtungen und die Nähe der Wohnlager für Arbeitskräfte bieten. „Selten werden die Voraussetzungen zur Industrieansiedlung so günstig liegen.“

Der Verfasser der Denkschrift malt eine Drohkulisse an die Wand, die Gefahr der Demoralisierung der Heimatvertriebenen, ihrer Radikalisierung, des Abschwenkens der Flüchtlinge zum Kommunismus. Mit dem „Projekt Kraiburg“ biete sich die Chance, „der großen Masse arbeitswilliger Menschen Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, sie durch Arbeit in ihrer neuen Heimat zu verwurzeln und ihnen das Gefühl einer, wenn auch bescheidenen Existenz zu geben“.

Die Schrift Lodes habe „sicher mit dazu beigetragen“, dass sich die Staatsregierung für das Projekt Waldkraiburg eingesetzt habe, glaubt Stadtarchivar Kern. „Das war seine Vision“, sagt Walter Lode, der Sohn Emil Lodes (1906 bis 1986). „Das ist die Weitsicht eines Unternehmers.“

Sein Vater Emil war es auch, der den Baumeister und späteren Bürgermeister Hubert Rösler auf das Werk Kraiburg aufmerksam machte. Rösler setzte die Visionen in erstaunlich konkrete Pläne um. Nach und nach kamen wichtige Unternehmerpersönlichkeiten in die Stadt und bauten an dem neuen Gemeinwesen mit.

Sein Vater, der auch dem Stadtrat angehörte und Gründungsmitglied der Industriegemeinschaft und der Wohnungsgenossenschaft war, habe die spätere Entwicklung Waldkraiburgs sehr positiv gesehen, sagt Walter Lode. „Überrascht war er nicht.“

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