Ein Jahr Corona im Landkreis Mühldorf

Andreas Zahn erkrankte früh am Coronavirus und verlor durch die Pandemie seinen Vater

Andreas Zahn mit seinen Eltern Annelies und Harri. Die Familie hatte eine der ersten Corona-Todesfälle zu beklagen, Harri starb wenige Tage nach der Einlieferung in die Klinik im April 2020.
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Andreas Zahn mit seinen Eltern Annelies und Harri. Die Familie hatte eine der ersten Corona-Todesfälle zu beklagen, Harri starb wenige Tage nach der Einlieferung in die Klinik im April 2020.
  • Raphaela Lohmann
    vonRaphaela Lohmann
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Andreas Zahn steckte sich zu einem Zeitpunkt mit dem Coronavirus an, als viele Menschen noch dachten, es werde die Region nicht erreichen, als es noch keine Maskenpflicht gab. Es war auch die Zeit, als er seinen Vater zum letzten Mal sah.

Mühldorf/Waldkraiburg – Andreas Zahn infizierte sich früh mit dem Corona-Virus, nur einige Tage nach dem ersten bestätigten Corona-Fall im Landkreis. „Bis dahin waren in Bayern die ersten Infizierten nicht schwer erkrankt. Sich anzustecken war eher eine theoretische Möglichkeit“, erinnert er sich. Doch aus der Theorie wurde Praxis und wie herausfordernd diese werden kann, erfährt er am eigenen Leib.

Zwei Wochen bis zur Erholung

„Ich war noch nie so krank. Es war eine absolute Erschöpfung verbunden mit starken Kopfschmerzen, Geruchs- und Geschmacksverlust. Bin ich einmal aufgestanden, musste ich mich sofort wieder hinlegen.“ Erst nach über 14 Tagen ging es körperlich allmählich aufwärts. „Die Erholung hat sich über Wochen gezogen“, sagt der 57-Jährige.

Bald gab es den ersten Toten in Rosenheim, ein Mann im mittleren Alter. „Erst dann war klar, wie gefährlich die Krankheit werden kann. Erschreckend waren die völlig unterschiedlichen Verläufe.“ Zeitgleich mit Andreas Zahn erkrankten seine Eltern. „Corona war zu dem Zeitpunkt präsent und wir haben aufgepasst. Aber wohl nicht so, wie es angemessen gewesen wäre.“

Eine Maskenpflicht gab es noch nicht, die Testkapazitäten waren gering. Die Corona-Infektion nahm bei Harri Zahn und seiner Frau Annelies einen schweren Verlauf – als lebensbedrohlich empfanden sie die Situation zunächst aber nicht. „Meinem Vater ging es sehr schlecht, aber er konnte selbst noch zum Krankenwagen gehen“, sagt er. Es war das letzte Mal, dass Andreas Zahn seinen Vater sah.

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Zustand drastisch verschlechtert

Aus der Klinik kamen keine guten Nachrichten. Einmal telefonierte die Familie noch mit ihm, dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand seines Vaters drastisch. „Mir ging es selbst körperlich so schlecht, dass ich die lebensbedrohliche Situation meines Vaters zunächst nicht realisiert habe“, sagt der Biologe.

Bis aus dem Krankenhaus die Nachricht kam, dass sein Vater eine künstliche Beatmung abgelehnt hatte. Zuvor hatte das Virus mehrere Organe angegriffen. Am 2. April, wenige Tage nach der Einlieferung in die Klinik, starb Harri Zahn mit 86 Jahren. „Das war schockierend, damit hatte niemand von uns gerechnet.“ Harri Zahn gehörte zu den ersten Todesopfern im Landkreis. Innerhalb eines Jahres sind 128 Menschen infolge des Corona-Virus verstorben. Nach Ansicht von Andreas Zahn würden davon die meisten ohne die Infektion noch leben.

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Für Zahn ist es unfassbar, dass Menschen Corona herunterspielen oder gar leugnen. „Meinem Vater wurden etliche Lebensjahre gestohlen. Dass es Menschen gibt, die dem Leben der Älteren keinen Wert beimessen, das tut sehr weh.“

Zahlen aus dem Mühldorfer Gesundheitseinamt belegen diese Einschätzung Zahns. Fast drei Viertel aller Corona-Toten im Landkreis war über 80 Jahre alt, obwohl sie nur ein Viertel der Infizierten ausmachten.

Schnelle Minimierung der Fallzahlen

Als Biologe bewertet Andreas Zahn die Corona-Pandemie auch aus naturwissenschaftlicher Sicht: Die Strategie, im Winter die Fallzahlen schnell zu minimieren, wäre richtig gewesen „Das ist einfache Mathematik.“

Auch knapp ein Jahr nach dem Tod seines Vaters bleibt die Frage, ob man Corona ernster hätte nehmen müssen. „Wir sind Corona aus dem Weg gegangen, aber im Nachhinein gibt es Punkte, an denen man besser hätte aufpassen müssen.“ Eine Ansteckung hatte man zu dem frühen Zeitpunkt noch nicht als reale Gefahr angesehen. Als Harri Zahn starb, gab es erst 217 bestätigte Fälle im Landkreis. „Die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, war gering.“

In der ersten Phase seien „Politik und Gesellschaft mit der völlig neuen Situation überfordert“ worden. Doch danach hätte die Politik mehr tun können: „Im Herbst hat man auf die Wissenschaft nicht gehört, das Vorgehen der Politik war zur entscheidenden Zeit zaghaft und widersprüchlich.“ Man hätte Mobilität stärker einschränken, und früher mehr Testkapazitäten auf die Reihe bringen müssen, um diffuse Ausbrüche schneller erkennen zu können und die Ausbreitung aggressiver Virusmutanten zu verhindern. „Das hat man verschlafen und jetzt wird uns die Pandemie noch lange beschäftigen.“

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