Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Zuwanderung und Corona

Impfen, Testen, Informieren: Hoher Migrantenanteil in Waldkraiburg fordert Gesundheitsbehörden

Der Höchststand vom 24. April mit einer Inzidenz von 700 ist zwar überwunden, bis zuletzt waren aber die Infektionszahlen in Waldkraiburg laut einer Statistik des Landratsamtes nach wie vor sehr hoch. Landratsamt
+
Der Höchststand vom 24. April mit einer Inzidenz von 700 ist zwar überwunden, bis zuletzt waren aber die Infektionszahlen in Waldkraiburg laut einer Statistik des Landratsamtes nach wie vor sehr hoch.
  • Hans Grundner
    VonHans Grundner
    schließen

Ist der hohe Anteil an Zuwanderern eine Erklärung dafür, dass Waldkraiburg zum Corona-Hotspot wurde? Harte Fakten und Zahlen stützen diese These nicht. Doch eine Herausforderung für die Behörden ist der hohe Migrationsanteil gleichwohl.

Waldkraiburg – Während die Infektionszahlen im Landkreis langsam sinken, bleibtWaldkraiburg Corona-Hotspot. Der Höchststand vom 24. April mit einer 7-Tage-Inzidenz von über 700 ist überwunden, doch Anfang der Woche war der Wert mit 230 doppelt so hoch wie im übrigen Landkreis. Wie kommt’s? Erklärt der hohe Anteil an Zuwanderern diese Werte, wie oft behauptet wird? Über 100 Nationalitäten sind in der Stadt vertreten, fast ein Viertel der Bevölkerung hat keinen deutschen Pass.

Behörde führt keine Statistik

Harte Fakten und Zahlen stützen diese These nicht. Das Gesundheitsamt führt keine statistischen Erhebungen zu Impfungen und Testungen unter dem Gesichtspunkt von Nationalitäten oder Zugehörigkeiten zu Migrationsmilieus. Ein Zusammenhang zu den hohen Infektionszahlen in der Stadt ist also nicht zu belegen. Eine Herausforderung für die Behörden ist der hohe Migrationsanteil gleichwohl.

Wegen Arbeits- und Wohnverhältnissen höheres Erkrankungsrisiko

Belegt ist, dass – nicht nur in Waldkraiburg –viele Migranten wegen der Arbeits- oder Wohnverhältnisse ein höheres Risiko haben, an Corona zu erkranken. Wer in einer Asylbewerberunterkunft lebt oder sich mit anderen Schlachthofmitarbeitern kleine Wohnungen teilen muss, hat mit Abstandsgeboten eher ein Problem als Kleinfamilien im 200 Quadratmeter-Einzelhaus.

Landratsamt: Keine Probleme bei den Testungen

Aus der Betreuung von Menschen in Asylunterkünften durch die Integrationsberatung weiß das Landratsamt aber: Personen in Unterkünften leben nicht isoliert, sie haben in der Regel teil am Alltagsleben der Gesellschaft. Das heißt, sie arbeiten, absolvieren eine Ausbildung, Kinder besuchen die Schule oder die Notbetreuung. Das bedeutet zugleich: Die Menschen bewegen sich in Umfeldern, in denen getestet wird. „Zu Problemen bei den Testungen kommt es unseres Wissens nicht.“ Auch Bewohner von Unterkünften würden dies „problemlos akzeptieren und kooperieren“.

Impfmythen und Verschwörungstheorien wie in der einheimischen Bevölkerung

Impfmythen und Verschwörungstheorien sind in migrantischen Milieus ebenso wie in der einheimischen Bevölkerung verbreitet, nicht zuletzt wegen Sprachbarrieren aber noch schwerer zu entlarven.

Dass Verschwörungstheorien kursieren, bestätigt Marius Turcu, Pfarrer der rumänisch-orthodoxen Gemeinde. Noch vor den Türken bilden die Rumänen seit einigen Jahren die größte ausländische Community in der Stadt. Beim Impfen seien sie „zurückhaltend, vor allem daheim in Rumänien“, sagt Turcu. Es herrsche großes Misstrauen. AstraZeneca sei „nicht gut angesehen“. Dabei sei Corona ein „Riesenthema“ in Rumänien. Es habe sehr viele Covid-Tote gegeben.

Eine Reihe von Gemeindemitgliedern sei jedoch bereits geimpft. Und ein Umstand werde die Impfquote in den nächsten Wochen wohl erhöhen, glaubt Turcu, der selbst an Corona erkrankt war: „Wer im Juni und Juli heimfahren will, lässt sich sicher impfen.“

Beratungsteams decken alle relevanten Sprachen im Asylbereich ab

Wie kommen die Behörden an Menschen mit Migrationshintergrund heran? Am besten funktioniere das im direkten Gespräch, so das Landratsamt. Sprachbarrieren seien kein Hindernis. Die Teammitglieder der Integrationsberatung sprechen Englisch, Französisch, Arabisch, Farsi, Dari, Pashto, Urdu und decken damit alle relevanten Sprachen im Asylbereich ab. Unterstützt werden sie von Migranten, die gut Deutsch können.

Auch gedruckte Materialien stehen zur Verfügung. Der Bayerische Integrationsbeauftragte hat Plakate in 17 Sprachen und Impfbriefe in zehn Sprachen aufgelegt.

Russia Today wirbt nicht für AstraZeneca ode Biontech

Viktor Nuss hegt Zweifel, dass Flyer und Plakate viel bringen. Der ehemalige Vorsitzende der Russlanddeutschen weiß von Landsleuten, die sich fast nur im Internet und russischen TV-Sendern informieren. „Dort wirbt niemand für AstraZeneca und Biontech.“

Während AstraZeneca auch unter Zuwanderern und Migranten einen schlechten Ruf hat, gilt Sputnik V in einigen russlanddeutschen Kreisen als Wundermittel.

Impfreisen nach Moskau

Dort dreht sich alles um „Sputnik V“. Schon der legendäre Name sei für viele Werbung genug. Tatsächlich habe er gehört, dass auch Leute aus Waldkraiburg eine der Impfreisen nach Moskau angetreten hätten, die im Internet verkauft werden.

Er selbst hat die Sonderimpfaktion im Eisstadion genutzt. „Eigentlich wollte ich auf Biontech warten“, sagt er. Dann habe aber auch seine Frau trotz gewisser Vorbehalte AstraZeneca akzeptiert. Ein schwerer Erkrankungsfall in der Nachbarschaft „hat uns die Entscheidung erleichtert“. Sie war goldrichtig, findet er: „Man atmet etwas freier, wenn man hört, welche Lockerungen es für Geimpfte gibt.“

Sie standen in der Vergangenheit immer wieder als mögliche Infektionsherde im Fokus: die Asyleinrichtungen in Waldkraiburg und der Schlachthof, in dem gut die Hälfte der Beschäftigten aus Südosteuropa kommt.

Wie das Landratsamt auf Anfrage mitteilt, beginnen die mobilen Teams des Impfzentrums in der Ankerdependance nach dem Ramadan, der in dieser Woche zu Ende ging, mit den Erstimpfungen. In den dezentralen und Gemeinschaftsunterkünften werde derzeit die Impfbereitschaft eruiert. Aufgrund von Falschinformationen und Impfmythen sei die Nachfrage „äußerst gering“. Das Team der Integrationsberatung kläre die Bewohner regelmäßig über Infektionsgeschehen, Hygienemaßnahmen und Regeln auf, zuletzt auch über Test- und Impfmöglichkeiten und das Prozedere bei der Anmeldung.

Eine Impfquote bei den Beschäftigten in den Schlachthöfenist dem Gesundheitsamt nicht bekannt. Aus dem Kontakt mit den Leitungen der Betriebe wisse man aber, dass Interesse der Mitarbeiter vorhanden ist und auch das offene Impfangebot in Waldkraiburg angenommen wurde. Des Weiteren ist geplant, im Unternehmen zu impfen, sobald auch die Betriebsärzte in die regulären Impfungen einbezogen sind.hg

Dem Gesundheitsamt ist kein Infektionsfall im Zusammenhang mit dem Ramadan bekannt

Dass das Fastenbrechen im Ramadan, der grade zu Ende gegangen ist, Ausgangspunkt für Infektionen sein könnte, ist aus Sicht des Landratsamtes nicht auszuschließen. Ein Infektionsfall, der darauf zurück zuführen sei, sei „dem Gesundheitsamt aber nicht bekannt“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage.

Ahmet Baskent, der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde in Waldkraiburg, weiß von einigen Corona-Erkrankungen unter Muslimen. Die Ansteckung sei, so weit bekannt, aber meist in der Arbeit passiert. Dass die Gebetszusammenkünfte eine Rolle spielen, hält er für sehr unwahrscheinlich. Das tägliche Nachtgebet im Ramadan habe wegen der Ausgangssperre nur fünf Mal stattfinden können. An den Freitagen habe man wegen der Abstandsregeln ein zweites Gebet in der Moschee angeboten, der Besuch sei gering ausgefallen. Und zu den abschließenden Festtagen habe die Gemeinde ausdrücklich darauf hingewiesen, wegen Corona auf große Treffen zu verzichten.

Die Impfquote unter Gemeindemitgliedern kann Baskent, der nach eigenen Angaben bereits mit Biontech geimpft ist, nichts sagen. „Bei uns ruft jedenfalls niemand gegen das Impfen auf.“hg

Mehr zum Thema

Kommentare