Vor Gericht

Im Suff Polizeibeamte in Waldkraiburg attackiert: Haftstrafe für 35-jährigen Trostberger

Sechs Anklageschriften und 15 Zeugenvernehmungen musste das Gericht in dem Prozess gegen den gebürtigen Trostberger abarbeiten.
+
Sechs Anklageschriften und 15 Zeugenvernehmungen musste das Gericht in dem Prozess gegen den gebürtigen Trostberger abarbeiten.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
    schließen

„Hilflos“ saß er an einer Hauswand: ein drogen- und alkoholkranker Mann, der am 11. Januar 2020 plötzlich ausrastete und auf Polizeibeamte in Waldkraiburg los ging. Jetzt musste sich der gebürtige Trostberger (35) für diese und zahlreiche weitere Straftaten vor Gericht verantworten.

Traunstein/Altenmarkt/Trostberg/Waldkraiburg – Sechs Anklageschriften mit Aggressionsdelikten unter Alkohol und Drogen lagen einem gebürtigen Trostberger (35) zur Last. Das Schöffengericht am Amtsgericht Traunstein verhängte gegen den Mann eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren drei Monaten und ordnete die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Unter den Straftatbeständen waren Nötigung, Beleidigung, Körperverletzung, Widerstand, tätlicher Angriff gegen Polizeibeamte und fahrlässiger Vollrausch.

Mehrfach Polizisten beleidigt und angegriffen

Staatsanwalt Alexander Foff hatte dem 35-Jährigen untere anderem vorgeworfen, in Truchtlaching und Altenmarkt ohne Fahrerlaubnis Auto gefahren zu sein, einmal davon alkoholisiert in Schlangenlinien. Im Mai 2019 kam es zu einem Polizeieinsatz in Altenmarkt, als seine Freundin wegen häuslicher Gewalt um Hilfe gebeten hatte. Der Angeklagte empfing die Helfer mit lautstarken Beleidigungen, wie Bodycam-Aufnahmen dokumentierten.

Im Juni 2019 kam es zu einem Vorfall mit dem nichtangeleinten, schon früher auffälligen Hund des Mannes. Das Tier sprang an einer Passantin hoch und biss sie in den Oberschenkel. Im Juli 2019 soll der 35-jährige in einem Tumult mit Nachbarn einem Mann eine Nasenbeinfraktur und eine Schädelprellung beigebracht haben. Einen verstauchten Daumen und eine Schädelprellung trug ein Mitarbeiter einer Apotheke in Trostberg im Januar 2020 davon. Der Hintergrund: Der Angeklagte hatte ein verschriebenes Drogenersatzmedikament nicht sofort erhalten.

„Hilflose Person“ rastet plötzlich aus

Im sechsten Anklagekomplex war der 35-Jährige in Waldkraiburg am 11. Januar 2020 als „hilflose Person“ gemeldet worden. Zwei Beamte fanden ihn gegen 18 Uhr an einer Hauswand sitzend. Als sie ihn in Schutzgewahrsam nehmen wollten, rastete er plötzlich aus und schlug um sich. Erst mit Hilfe von Pfefferspray konnten die Beamten den Mann überwältigen.

Zwei Monate später kam es in Trostberg zu einem ähnlichen Vorfall. Der durch Alkohol und Drogen zugedröhnte 35-Jährige beleidigte Beamte als „Hurensöhne“ und bedrohte sie mit einem Pflasterstein. Fünf Polizisten konnten ihn schließlich in Gewahrsam nehmen.

Vorwürfe heruntergespielt: „Ich red‘ halt manchmal blöd daher“

Der Angeklagte mit acht Eintragungen im Strafregister spielte die Vorwürfe herunter. Wörtlich sagte er: „Ich red‘ halt manchmal blöd daher.“ Von dem Geschehen in Waldkraiburg wisse er gar nichts mehr. Er habe eine Kiste Bier und eine Flasche Wodka getrunken: „Ich muss drei Tage im Koma gelegen sein. Ich weiß nur noch, dass ich auf der Intensivstation aufgewacht bin.“ Er habe sich in einer Lebenskrise befunden, keine Substitution bekommen: „Da musste ich mit dem Saufen anfangen.“

Gutachter: Kaum ein Suchtmittel ausgelassen

Mittlerweile absolviert er in Nordbayern eine Soziotherapie. Seine Bewährungshelferin betonte, das Ausmaß seiner Suchterkrankung sei ihm wohl nicht bewusst. Der psychiatrische Sachverständige, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum Gabersee, erklärte, der mehrfachabhängige Mann habe bei Suchtmitteln „nicht viel ausgelassen, was es auf dem Markt gibt“. Bei den meisten Taten sei die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert gewesen.

Lesen Sie auch:

Betrunken am Volksfest randaliert

Staatsanwalt Foff plädierte auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Der 35-Jährige sei „in sehr kleinem Ausmaß geständig“. Negativ wirkten die Vorahndungen, eine offene Bewährung, die hohe Frequenz der Taten, das Aggressionsproblem des Angeklagten, insbesondere mit der Polizei. Verteidiger Michael Vogel aus Traunstein wertete einige der Taten weniger schwer, sprach in einem Fall sogar von „Notwehr“. Manches sei der Suchterkrankung geschuldet. Eine Freiheitsstrafe zwischen ein und zwei Jahren mit Bewährung sowie Unterbringung sei ausreichend.

Zwangstherapie im Bezirksklinikum

Das Schöffengericht schloss sich im Strafmaß zumeist dem Staatsanwalt an. Vorsitzender Thilo Schmidt hob heraus, auch bei einer bewährungsfähigen Strafe bis zu zwei Jahren hätte es keine Bewährung gegeben. Die Unterbringung sei anzuordnen gewesen. Das bedeutet: Die aktuelle Soziotherapie hat mit der angeordneten Unterbringung nichts zu tun. Wenn das Urteil rechtskräftig ist, muss der 35-Jährige zu einer Zwangstherapie in ein Bezirksklinikum. Bricht er sie ab, muss er ins Gefängnis.

Kommentare