„Ich hab keine Angst vor dem Sterben“

„Für mich ist es eine Ehre, Menschen bis zum Ende zu begleiten“, sagt Petra Seidl-Britzl (rechts), die früher unter Hochdruck in der Notaufnahme arbeitete und daran verzweifelte, dass man keine Zeit für Patienten hat. Jetzt ist sie Palliativ-Care-Fachkraft und genießt es, ebenso wie ihre Kollegin Yvonne Zur, für Sterbende da sein zu können, ohne dauernd auf die Uhr sehen zu müssen. Der Baum des Lebens im Hintergrund ziert eine Wand in der Hospizinsel. Anna-Hospiz-Verein

„Im Moment hab ich keine Angst vor dem Sterben, ich weiß aber nicht, wie es sein wird, wenn es dann so weit ist“, sagt eine Bewohnerin der Hospizinsel. Die 81-Jährige leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs und konnte nicht mehr in ihrem Haus bleiben. In der Hospizinsel genießt sie die familiäre Atmosphäre und Zeit, die man für sie hat.

Waldkraiburg – „Im Moment des Todes öffne ich das Fenster, damit die Seele rausfliegen kann. Ich hab das Bild eines Schmetterlings im Kopf“, sagt Petra Seidl-Britzl. Die Palliativ-Care-Fachkraft ist Pflegerin und Krankenschwester, arbeitete früher in der Notaufnahme. „Da herrschten Hektik und Druck. Selbst wenn du noch so bemüht bist, kannst du nichts geben, was zusätzlich Zeit kostet. Das war sehr unbefriedigend“, erzählt die quirlige 47-Jährige, die ein lebensbejahender und geselliger Typ ist. Umso schöner sei es, Zeit zu haben für die Patienten und die Angehörigen. Ein Luxus.

Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrer Tätigkeit in der Hospizinsel im „Adalbert Stifter Seniorenwohnen“ erzählt. Seit der Eröffnung Mitte Mai sind hier 15 schwerkranke Menschen wohl umsorgt verstorben. Vier Plätze gibt es in der Einrichtung derzeit – und auch schon eine Warteliste.

Etwas ziehend war der Anfang, zu gering der Bekanntheitsgrad der neuen Einrichtung. So knüpfte der Anna-Hospizverein Kontakte zu den Krankenhäusern in Mühldorf und Altötting und zu den Sozialdiensten.

Inzwischen besichtigen andere Einrichtungen, etwa das stationäre Hospiz in Vilsbiburg, die Insel, die im Altenheim am Münchner Platz angesiedelt ist – in einer eigenen Einheit, gestaltet wie eine Wohnung, erklärt Mitarbeiterin Yvonne Zur.

„Viele Angehörige haben oft große Angst, wenn sie das Wort ,Hospiz‘ hören. Sie befinden sich im Ausnahmezustand, in einer Extremsituation, können die Versorgung einfach nicht mehr leisten“, so Seidl-Britzl. Sie und ihre Kolleginnen nehmen sich dann viel Zeit, um sich die Leidensgeschichten beim ersten Gespräch anzuhören. „Wenn diese Ängste abgebaut sind, sind die Angehörigen berührt, wie würdevoll wir hier betreuen. Die Resonanz hinterher, wenn die Patienten verstorben sind, ist total positiv.“

Hubert Forster, Leiter des Seniorenheims, das die Hospizinsel gemeinsam mit dem Hospizverein betreut, sagt aber, dass es Grenzen bei der Aufnahme gibt. „Bei zu komplexen Krankheitsbildern können wir das nicht meistern. Etwa bei ALS, wenn der Patient nicht selbst läuten kann, wenn er eine Beatmungsmaschine braucht, oder etwa schizophren ist und fixiert werden müsste“, so Forster.

Seidl-Britzl klärt die Anfragen der Angehörigen oder der Palliativstationen zunächst telefonisch. Wenn sie zweifelt, prüft sie den Fall, kontaktiert den behandelnden Arzt, ob die Hospizinsel geeignet ist, denn nachts ist nur der normale Nachtdienst des Altenheims da.

Wenn sich jemand so sehr stabilisiert, klären die Palliativ-Care-Mitarbeiter, ob ein Wechsel ins Heim möglich wäre, um den Platz für Menschen freizumachen, die ihn dringender brauchen.

Die durchschnittliche Verweildauer hänge vom Zustand und vom Krankheitsbild ab. „Der Gast, der am längsten hier war, ist nach zwei Monaten verstorben“, so Seidl-Britzl, die es als etwas Besonderes empfinde, wenn sie jemanden begleiten darf.

Wie die 81-jährige Dame, die am Pankreas-Karzinom leidet und die mit ihrem Sohn gemeinsam entschied, dass sie ins Hospiz geht. Sie war schon mehrfach schlimm gestürzt, erst daheim und dann nochmal in der Klinik. Heute würde sie den Malteser-Hausnotrufknopf immer am Körper tragen, entweder am Handgelenk oder um den Hals. „Seien Sie nicht leichtsinnig, auch wenn Sie sich noch so fit fühlen“, lautet ihr Tipp.

Die gepflegte Frau mit der Kurzhaarfrisur und den wachen Augen sitzt am Frühstückstisch der Hospizinsel. Die Räumlichkeiten sind wie eine Wohngemeinschaft angelegt, in der Küche trifft man sich zum Ratschen und Essen. Auch wenn sie gar keinen Appetit hat, manchmal aber Gelüste, nach Wiener Schnitzel oder Weinbergschnecken.

„Ich fürchte, Letzteres gibt unsere Seniorenheim-Küche nicht her. Zur Not könnte ich die Schnecken aber nicht mal selbst zubereiten“, lacht Seidl-Britzl, die sich bemüht, Wünsche zu erfüllen. Auch weil die Patientin sehr abgemagert ist. Schuld ist der Krebs, der ihre Bauchspeicheldrüse zerstört.

Aus Angst vor einer Vollnarkose und den Risiken lehnt die Frau, die einen Herzschrittmacher hat, eine OP ab. Das Schicksal war hart zu ihr, Krebs nahm ihr mehrere Familienmitglieder. Als die Schwiegertochter den Kampf gegen Krebs verlor, zog sie die beiden Enkeltöchter auf.

„Ich bin sehr stolz auf sie, die eine macht gerade ihren Doktor in Medizin, die andere bald in Physik“, sagt sie strahlend.

Nun kommt die Nichte aus Frankfurt und zieht ein paar Tage ein, mietet sich für den Besuch in eigens gestalteten Besucherzimmern wie ein Hotelgast im Altenheim ein. „Damit sie mit mir Zeit verbringen und in meiner Nähe sein kann“, sagt die alte Dame am Küchentisch.

Ein zentraler Ort, an dem es oft lebhaft zugeht. „Wir reden hier nicht nur übers Sterben, sondern über Gott und die Welt“, sagt die 81-Jährige. Wenn jemand dann seinen letzten Weg, manchmal auch seinen letzten Kampf hinter sich hat, findet ein Ritual statt. Vor dessen Tür stellen die Hospiz-Mitarbeiterinnen ein Tischchen mit einer Kerze auf und dekorieren ihn mit Gegenständen, die der Verstorbene gerne mochte, wie Rosen oder Muscheln.

Supervision und Seelsorge auch für das Team wichtig

„Für alle wird sichtbar, was geschehen ist. Manche sind sehr traurig und werden einmal mehr mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert“, sagt Petra Seidl-Britzl. Anschließend wird das Zimmer mit einer Kräutermischung ausgeräuchert. „Nach dem Tod sind eine eigenartige Energie und Geruch im Raum. Rituale sind wichtig – auch für uns.“

Regelmäßig bekommen die Mitarbeiterinnen Supervision und tauschen sich aus. Sie werden gut aufgefangen, wie sie sagen. „Unsere Seelsorgerin, die Vikarin Inga Nun, die hat echt was auf dem Kasten“, freut sich Yvonne Zur, die heute mit Petra Seidl-Britzl Dienst hat. Die 39-jährige Zur sagt, auch bei ihr fließen manchmal Tränen. „Aber das macht uns authentisch – bei aller professionellen Distanz“, ergänzt Seidl-Britzl.

Distanzierte Menschen suchen beim Sterben Nähe

Der Sterbeprozess sei individuell. Viele der Patienten spüren ihr Ende kommen, obwohl sie einen guten Tag haben. Menschen, die ein Leben lang distanziert und reserviert waren, suchen plötzlich Nähe und Berührung, wollen, dass man ihre Hand hält. Manchmal die ganze Nacht, weil sie sehr unruhig sind. Dann ist eine „Sitzwache“ möglich.

Zur erzählt, wie sie erlebt, dass Sterbende vieles noch vor ihrem Tod verarbeiten. Tiefe Ängste, traumatische Erlebnisse. „Das macht sehr nachdenklich und man lernt immer von diesen Menschen etwas dazu“, so Zur.

Bei ihr daheim, wo ein pubertierendes Kind der Mittelpunkt ist, werden „Tod und Sterben“ nicht ausgeblendet. Die Familie unterstützt sie, weil ihr die Arbeit so am Herzen liegt. „Zur Entspannung brauche ich Action, gehe zum Zumba und schau mir auch mal gruselige Filme an“, beschreibt Zur ihr Kontrastprogramm.

Kollegin Petra Seidl-Britzl kommt beim Walken oder Yoga runter, planscht in ihrem Pool und ist gerne in Gesellschaft. Weder im Gespräch mit ihren Söhnen (23 und zehn) noch mit Freunden ist ihre Tätigkeit ein Tabu. „Sie sind neugierig und wir reden offen drüber“.

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