Der Herr über 500 Meter Geschichte

Stadtarchivar Konrad Kern blättert in alten Unterlagen des Standesamtes Kraiburg, die ebenfalls im Speicher des Waldkraiburger Rathauses, dem Stadtarchiv, liegen. Dort sammelt er seit 25 Jahren alle Unterlagen zur Geschichte Waldkraiburgs und seiner Ortsteile. Foto hsc
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Stadtarchivar Konrad Kern blättert in alten Unterlagen des Standesamtes Kraiburg, die ebenfalls im Speicher des Waldkraiburger Rathauses, dem Stadtarchiv, liegen. Dort sammelt er seit 25 Jahren alle Unterlagen zur Geschichte Waldkraiburgs und seiner Ortsteile. Foto hsc

Er arbeitet in der Vergangenheit, lebt in der Gegenwart und denkt für die Zukunft. So beschreibt Stadtarchivar Konrad Kern seine Aufgabe. Seit 25 Jahren leitet er das Stadtarchiv Waldkraiburg.

Waldkraiburg - "Jeder Bürger sollte sich ein Stück weit mit der Geschichte seines Ortes identifizieren." Davon ist Stadtarchivar Konrad Kern überzeugt, der dazu mit seiner Arbeit rund um die geschichtlichen Zusammenhänge in und um Waldkraiburg einen Beitrag leisten möchte.

Wenn man mit Konrad Kern spricht, wird schnell klar, dass er seine Arbeit liebt. Wenn er über die Geschichte von Waldkraiburg erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten und es ist beeindruckend, wie viele Zahlen, Daten und Fakten er quasi aus dem Ärmel schütteln kann. "Es ist ein beglückendes Gefühl, wenn ich jemand eine Auskunft geben kann, die für ihn wichtig ist." Da hilft er beispielsweise einem Anrufer weiter, der als Einjähriger im sogenannten Holzlager war und anhand von Listen oder einem Lageplan herausfinden will, wann seine Eltern in das Lager gekommen sind. Gleichzeitig erfährt er auch gleich noch, dass dieses Lager nur ein Durchgangslager war, in dem viele Menschen nur ein paar Tage gelebt hatten.

Der Stadtarchivar ist Herr über rund 500 laufende Regalmeter an Unterlagen, die die Geschichte Waldkraiburgs dokumentieren. Er freut sich dennoch über den Anruf von Pfarrer Dr. Haderstorfer, dem ehemaligen Waldkraiburger Stadtpfarrer, der seine Erinnerungen an die Waldkraiburger Zeit aufgeschrieben hat und ihm zukommen lassen möchte. Das Gleiche gilt für Originaldokumente, die ihm Hertha Rösler, die Schwiegertochter von Bürgermeister Rösler, dem Gründer der Stadt Waldkraiburg, anbietet. Darunter waren auch Briefe aus dessen tschechischer Gefangenschaft.

Kern ist es aber auch wichtig, dass er die Ortsteile Ebing, Pürten und St. Erasmus nicht aus den Augen verliert. "Dort leben zwar nur sieben Prozent der Bevölkerung der Stadt Waldkraiburg. Wenn man aber die Geschichte in Betracht zieht, dann haben die drei Orte ein ganz anderes Gewicht", so Kern.

Als der gebürtige Ampfinger seine Schule abgeschlossen hatte, sah es gar nicht danach aus, dass er einmal als Kommunalarchivar tätig werden würde. Zwar sei ihm die Liebe zur Geschichte irgendwie in die Wiege gelegt worden. "Als Kind habe ich bereits gerne Atlanten oder Karten studiert", so Kern. Dennoch begann er eine Lehre als Konditor, merkte aber sehr schnell, dass dieses Metier nicht das seine ist. Im Berufsbildungswerk Waldwinkel wurde er zum Bürokaufmann ausgebildet, stand danach aber wieder vor der Frage: "Was soll ich jetzt tun?" Mehr durch Zufall, erinnert er sich, habe er von jemanden erfahren, dass dieser die Archivschule in München besucht. Kurzerhand entschloss er sich, dort ebenfalls sein Glück zu versuchen. Das Ausleseverfahren schloss er 1987 als Fünftbester ab und begann dann die zweijährige Ausbildung. In dieser praxisnahen Ausbildung habe er erlebt, wie in einem Staatsarchiv gearbeitet wird und sah sich bereits auf dem gleichen Weg.

Doch das Schicksal hatte etwas anderes für ihn vorbereitet. Am Tag, als er seine Prüfungsergebnisse abfragen wollte, wurde er vom damaligen Schulleiter Professor Dr. Hermann Rumschöttel gefragt, ob er nicht Archivar in Waldkraiburg werden möchte. Mit dem Gedanken, in einer Stadt zu arbeiten, in der er niemanden kennt, die und deren Geschichte er ebenfalls nicht kennt, musste er sich erst anfreunden, empfand es aber dann als Herausforderung, in einer Kommune zu arbeiten, wo es bisher kein Archiv im klassischen Sinn gab. Als er seine Arbeit begann, fand er zwar einige Festschriften oder Auflistungen vor, mehr aber auch nicht. So gab es beispielsweise keine Silbe über das Pulverwerk oder die Waldkraiburger Ortsteile. Allerdings hatte er Glück, dass "Gott sei Dank niemand etwas weggeworfen hat", erinnert sich Kern an seine Anfangszeit. Da war ihm klar, dass er erst ein Archiv aufbauen musste. Sein Ziel war es, ein vernünftiges Stadtgeschichtsbuch zusammenzustellen und irgendwann ein Museum zu haben, wo die Stadtgeschichte dokumentiert ist.

Zwei Helfer hatte Kern damals, die ihm mit ihrem Wissen und ihren Kontakten viele Türen geöffnet hatten: Der damalige Bürgermeister Jochen Fischer und Erika Ransch, die die Archive von Haida, Bömisch-Leipa und Dauba betreut. Zudem habe er "jeden Winkel im Speicher des Rathauses durchwühlt" und dabei Dinge zutage gefördert, von denen viele nicht gewusst hatten, dass es sie überhaupt noch gibt. Kern erinnert sich beispielsweise an das Archiv der Industriegemeinschaft, das er so entdeckt hat. Unter Mörteldreck und alten Autoreifen habe er aber auch im Keller des ehemaligen Verwaltungsgebäudes, wo heute die Polizei ist, die Originalpläne des Pulverwerkes gefunden.

Gerade die positiven Rückmeldungen haben ihn stets in seiner Arbeit bestärkt. So konnte er beispielsweise auch die wahre Geschichte des Kraiburger Bahnhofes erforschen und mit der Legende aufräumen, dass die Kraiburger den Bahnhof nicht wollten. "Genau das Gegenteil ist der Fall, nachweislich seit 1861 wollte der Markt Kraiburg einen Bahnanschluss am Ort haben." Sie können noch einen Nebensatz hinzufügen: "Und dieser Bahnhof mitten im Wald sollte 1937 für den Bau des Pulverwerks entscheidende Bedeutung erlangen."

In der Schriftenreihe des Fördervereins Stadtmuseum, "Unser Waldkraiburg", begann Konrad Kern die Geschichte Waldkraiburgs auch der breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, eine Reihe weitere Publikationen kamen hinzu. Und heute ist eine historische Einordnung ohne eine Rückversicherung bei Kern nur schwer vorstellbar. Dabei helfen ihm auch seine Kontakte, die er nach wie vor nach München hat. Zudem betont er, dass das Archiv kein Selbstzweck sei, sondern davon lebe, dass jemand kommt und sich für die Geschichte Waldkraiburgs interessiert. hsc

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