Heimische Politiker stärken türkischer Gemeinde den Rücken

„Seit Jahren, oft schon in dritter Generation, leben unterschiedliche Nationen in Waldkraiburg harmonisch zusammen“, sagt Landtagsabgeordneter Dr. Marcel Huber.

Waldkraiburg – „Woher kommt dieser Hass? Was passiert hier eigentlich?

Haben wir hier überhaupt noch eine Zukunft?“ – Mit diesen Worten bringt Nurseda Baskent ihre Fassungslosigkeit nach den Anschlägen auf türkische Läden in Waldkraiburg zum Ausdruck. Die Dialogbeauftragte der türkisch-islamischen Gemeinde in Waldkraiburg beteiligte sich an einer Gesprächsrunde, zu der Landtagsabgeordneter Dr. Marcel Huber und Landrat Max Heimerl Vertreter der Stadt, des Moscheevereins Ditib und des Vereins „Mühldorf ist bunt“ im Freiraum 36 in Waldkraiburg geladen hatten.

Damit wollten die politisch Verantwortlichen der verschiedenen Ebenen ein Zeichen der Solidarität setzen. „Seit Jahren, oft schon in dritter Generation, leben unterschiedliche Nationen in Waldkraiburg harmonisch zusammen. Diese feige Anschlagsserie hat uns alle tief erschüttert. Deshalb wollen wir diesem Treiben und dieser antitürkischen Haltung vehement entgegentreten“, fasste Landtagsabgeordneter Huber die Intention des Treffens zusammen. Landrat Heimerl ging darauf ein, dass sein erster offizieller Termin als Landrat die Mahnwache am 2. Mai gegen Hass, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit in Waldkraiburg war. Er zollte den Vertretern der türkischen Gemeinschaft großen Respekt, wie besonnen und differenziert sie sich in dieser schwierigen Zeit verhalten haben. Dies auch zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nicht feststand, wer hinter den Anschlägen steckt. Weiter bescheinigte Heimerl Bürgermeister Robert Pötzsch, der Polizei und den Ermittlungsbehörden einen äußerst professionellen Umgang mit der Situation.

Heimerl: „Derartige Anschläge richten sich nicht nur gegen unsere türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, sondern gegen uns als Gesellschaft und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Wir möchten über Waldkraiburg hinaus als Landkreis Gesicht zeigen und deutlich machen, dass wir alle hinter der Gemeinschaft hier in Waldkraiburg stehen.“

Schule mit 85 Prozent Migrationsanteil

Bürgermeister Pötzsch resümierte, dass viele Mosaiksteine positiv ineinandergegriffen hätten und so die Stimmung ruhig blieb. „Wir waren mit den Betroffenen im Gespräch und so gelang es, Vertrauen zu entwickeln. Auch wenn jetzt der mutmaßliche Täter gefasst ist, werden wir diesen Vorfall nicht einfach abhaken. Es ist wichtig, auch in Zukunft an einer funktionierenden Gemeinschaft der unterschiedlichen Kulturen zu arbeiten.“ Sobald es die Corona-Lage erlaubt, ist eine Gemeinschaftsaktion im Haus der Kultur geplant, um dieses Signal nach außen zu tragen.

Die Kulturbeauftragte der Stadt und Rektorin der Grundschule an der Graslitzer Straße, Lydia Partsch, berichtete von ihrem Alltag an einer Schule mit 85 Prozent Migrationsanteil. „Wir sind ein buntes Volk in einer Multikultistadt. Gerade bei den Kindern funktioniert die Integration vorbildlich, ganz unvoreingenommen auch über Mimik und Gestik.“ Auch die Grundschüler hätten die Vorfälle beschäftigt.

Richard Fischer vom Verein „Mühldorf ist bunt“ betonte, dass Waldkraiburg zusammen stehe. „Wir haben es den Menschen, die hier wohnen, zu verdanken, dass sie Waldkraiburg zu dem gemacht haben, wie es heute dasteht.“ Hass und Gewalt gegen andere Kulturen sei nicht neu, nur die Dimension und die Gewaltbereitschaft haben sich geändert.

Hartmuth Lang, Sprecher von „Mühldorf ist bunt“ signalisierte weiterhin Gesprächsbereitschaft. Bisher wurden Veranstaltungen wie das Fastenbrechen gemeinsam begangen. Für den verkaufsoffenen Sonntag im Oktober ist ein Aktionstag im Gespräch.

Ahmet Baskent, Vorsitzender der Ditib-Gemeinde in Waldkraiburg, bedankte sich für den Rückhalt. Die Gemeinde sei sehr froh darüber, dass Politik und Medien hinter ihr stünden. Seine Tochter Nurseda sieht sich als Dialogbeauftragte als Bindeglied zwischen Stadt, Behörden und der türkischen Gemeinde. Und damit schließt sie den Kreis auf ihre erste Reaktion auf die Anschläge und betont: „Ja, es gibt eine Zukunft und wir müssen gemeinsam im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung daran arbeiten.“

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