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Erinnerung an Nazi-Greueltaten

„Den Kindern die Würde zurückgeben“: Warum ein Heimatforscher für ein Grabmal in Pürten kämpft

Andreas Bialas wünscht sich auch auf dem Pürtener „Unschuldig-Kinder-Friedhof eine Gedenktafel, die an das Schicksal der Ausländerkriegskinder erinnert.
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Andreas Bialas wünscht sich auch auf dem Pürtener „Unschuldig-Kinder-Friedhof eine Gedenktafel, die an das Schicksal der Ausländerkriegskinder erinnert.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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In den letzten Kriegsjahren ließen die Nazis Kinder ausländischer Zwangsarbeiter elendiglich krepieren und verscharrten sie. Warum für Heimatforscher Andreas Bialas ein Grabmal ein Symbol der Hoffnung und Menschlichkeit ist.

Waldkraiburg/Mehring – Was ist das für ein Gefühl, auf Sterbelisten von Kindern aus dem Zweiten Weltkrieg unvermittelt den eigenen Familiennamen zu lesen? Auf Listen, die für Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Völkermord stehen?

Am 18. April 1945 verstarb in einer „Pflegestätte“ die Polin Aniela Bialas, offiziell an Verdauungsstörungen. Sie wurde 14 Tage alt. Am 24. April starb am gleichen Ort ihre Zwillingsschwester Joszefa, ebenfalls Verdauungsstörungen. Sieben Tage später waren die Amerikaner im Landkreis Mühldorf; Krieg und Terror waren vorbei, die „Pflegestätte“ aufgelöst. Zu spät für die beiden Polinnen. Für sie war es ein Todeslager.

Gänsehaut und weiche Knie

Für den Andreas Bialas (60) war das vor fünf Jahren ein Schock. „Ich habe Gänsehaut bekommen und weiche Knie. Ich habe sofort geforscht, ob ich mit ihnen verwandt bin.“ Die Antwort ist Nein. „Aber das spielt eigentlich keine Rolle.“

Seit 33 Jahren lebt er in Deutschland; er ist Heimatforscher aus Passion und beim Mühldorfer „Verein für das Erinnern – KZ Gedenkstätten Mühldorfer Hart“ Sprecher der Ortsgruppe Kindergrab Burgkirchen. Er erinnert immer wieder an die Greueltaten der Nazis an den Ausländerkindern in den Landkreisen Mühldorf und Altötting. Er setzt sich für Verständigung und Frieden ein. „Früher war das Verhältnis zwischen Polen und Bayern sehr gut. Doch dann kam Adolf Hitler und machte einen Schnitt.“

Im Zweiten Weltkrieg mussten geschätzt 4000 Ausländer in den Landkreisen Mühldorf und Altötting Zwangsarbeit verrichten, in drei von vier Fällen auf Bauerhöfen (siehe Kasten). Bialas: „Das war Sklavenarbeit.“ Nicht überall, aber größtenteils.

Die Zwangsarbeiterinnen – meist 15 bis 25 Jahre jung – wurden immer wieder schwanger: sei es durch Missbrauch und Vergewaltigung, sei es in Folge einer Liebesbeziehung. Bis 1942 wurden sie dann abgeschoben oder mussten abtreiben; ab 1943 mussten sie in Lagern entbinden und gleich wieder arbeiten. Ab 15. April 1944 erfolgte dies für die Landkreise Mühldorf und Altötting zentral in der Ausländerkinder-„Pflegestätte“ Burgkirchen – auf Weisung des Mühldorfer NSDAP-Kreisleiters Fritz Schwägerl .

„Pflegestätte“ war ein Todeslager für Kinder

„Den Müttern wurde versprochen, dass man sich um die Kinder kümmert“, erzählt Bialasa. Die Wirklichkeit sah anders aus: Für die Babies gab es, wenn überhaupt, am Tag einen halben Liter, oftmals verdünnte Milch und „eineinhalb Stück Zucker. Mehr war es nicht. Sie wurden in Lappen gewickelt, haben geschrien und gestunken. Sie waren mit Wunden übersät, teilweise bis auf die Knochen.“

Die Ausländerkinder-„Pflegestätte“ – sie war ein Todeslager.

Der erste Tote war Edmund Duda. Er starb am 30. Juli 1944, offiziell an Verdauungsstörungen. Er war das erste von 159 toten Kindern. Offiziell an Rachitis, Magenbeschwerden, Herz- oder Lebensschwäche. „Die Kinder sind in den unbeheizten Baracken qualvoll verendet.“

Aus dem Holzlager der DSC kamen 52 Kinder nach Burgkirchen; 29 starben. Nikolai Schkredj war der letzte Tote. Er starb am 29. April 1945, offiziell an Verdauungsstörungen. Er lebte 29 Tage. Fünf Tage später waren die Amerikaner da und lösten das Lager auf.

Und dann wurden sie verscharrt, ohne Grabstein, ohne Würde. Die meisten in Burgkirchen, aber auch auf dem Gelände der Deutschen Sprengchemie (DSC) Kraiburg sowie ein paar auf dem Friedhof für unschuldige Kinder in Pürten.

Wegweiser für die Zukunft

In Burgkirchen erinnert seit 1953 ein Grabmal an die Kinder. In Pürten gibt es nichts. Nichts erinnert zum Beispiel an Janina Modziewska, die am 20. Juni 1994 offiziell an Herzschwäche starb. Sie wurde siebeneinhalb Monte alt. Heimatforscher Bialas wünscht sich auch in Pürten ein Grabmal. „Ich möchte den Kindern durch die Erinnerung einfach ihre Würde zurückgeben. Ein Denkmal wäre eine große Ehre für die Kinder.“

Bialas geht es nicht um Schuld: „Das ist erledigt. Es waren nicht alle Unmenschen. Es gab auch Hilfe. Es geht mir nur um das Leid der Kinder.“

Ein Grabmal ist auch eine Mahnung. „Es erinnert uns, dass wir äußerst vorsichtig sein sollten, wenn uns jemand verspricht, dass wir etwas Besonderes sind.“

Das berühre die Jugendlichen. Die sind bei seinen Vorträgen immer sehr überrascht. „Sie können es nicht begreifen und stellen viele Fragen.“ Sie fragen dann auch daheim nach, ob es auf dem eigenen Hof ebenfalls Zwangsarbeiter gab. „Wenn ich einen Bauernhof erbe, erbe ich auch die Geschichte. Die belastet, wenn sie verschwiegen wird.“ Erinnerung als Heilung.

Bialas: „Nur wenn die Jugend kommt, haben wir die Zukunft gesichert. Es geht um die Menschlichkeit.“

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