Rosenheimer Sucht-Experte warnt Eltern: "Es ist perfide, wie Kinder ins Glücksspiel abdriften"

Das Smartphonedient längst nicht mehr nur zur Kommunikation, sondern wird von vielen Jugendlichen für digitale Spiele genutzt. Wer spielt, sollte die manipulierenden Mechanismen kennen. Tobias Hase/DPA
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Das Smartphonedient längst nicht mehr nur zur Kommunikation, sondern wird von vielen Jugendlichen für digitale Spiele genutzt. Wer spielt, sollte die manipulierenden Mechanismen kennen. Tobias Hase/DPA
  • Raphaela Lohmann
    vonRaphaela Lohmann
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Online-Spiele werden bei Jugendlichen immer wichtiger. Viele von ihnen spielen regelmäßig mehrmals pro Woche. Doch das digitale Spielen birgt auch Gefahren. Suchttherapeut Ben Grünbichler von neon Rosenheim spricht im Vorfeld eines Vortragsabends in Waldkraiburg über Risiken und eine sinnvolle Mediennutzung.

Waldkraiburg – Das Smartphone ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Neben der Kommunikation nimmt die Nutzung digitaler Spiele eine immer größere Rolle ein. Damit steigt auch die Gefahr einer Spielesucht. Ein Vortrag am Gymnasium Waldkraiburg setzt sich im Rahmen der Suchtprävention mit dieser Thematik auseinander.

Was ist an Online-Spielen auszusetzen?

Spiele sind Teil der Erwachsenen- und Jugendkultur und wie bei Freizeitbeschäftigungen ist zunächst einmal nichts dagegen einzuwenden. Aber: Wer zockt, sollte es genießen und die Mechanismen kennen, denen man auf den Leim gehen kann. Das sollte man sich beim Konsum bewusst sein.

Welche Mechanismen sind das?

Spiele sind meist so aufgebaut, dass sie nach einer beendeten Runde mit möglichst wenig Aufwand weitergespielt werden. Ein Ludic-Loop (Spielschleife) muss aktiv unterbrochen werden und das kostet Kraft. Für die Nutzer geht es um ihren sozialen Status. Das Prinzip „Last Man Standing“ – „Ich bin der letzte Überlebende“ – erhöht den Wettkampfcharakter. Wenn im Team gespielt wird, entsteht Gruppendruck. Einer will immer spielen und keiner will seine Freunde im Stich lassen. Durch den sozialen Druck ist es nicht so leicht, sich selber zu regulieren.

Worauf zielen die Spielemacher ab?

Vielen Spieleherstellern geht es darum, dass die Nutzer viel Zeit und Geld – auch bei kostenlosen Games – investieren. Ein Beispiel: Etwa 30 Prozent der Spieler nutzen Fortnite kostenlos, 70 Prozent hingegen zahlen. Dabei geht es nicht um spielerische Vorteile, sondern allein um optische. Ein anderes Kostüm kann beispielsweise 20 Euro kosten. Die Rechnung der Entwickler geht auf: Etwa 70 Prozent der Zahler haben durchschnittlich rund 80 US-Dollar investiert. Das ist mehr, als teure Spiele kosten.

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Wieso sind die Nutzer dazu bereit?

Die Nutzer verlieren den Überblick. Einerseits wird mit einer In-Game-Währung bezahlt und andererseits gibt es kein Gesamtkonto, mittels dem Spieler ihre Ausgaben überblicken können. Das Spiel „Coin Master“ enthält Merkmale eines simulierten Glücksspiels. Es ist perfide, wie Kinder ins Glücksspiel abdriften und sich das Geld aus der Tasche ziehen lassen.

Was können Eltern tun?

Eltern sollten sich über jedes Spiel informieren, das ihre Kinder spielen wollen. Die Altersfreigabe ist nicht immer hilfreich. Ein Spiel ist nicht unbedingt harmlos, nur weil es ohne Altersgrenze ist. Grundsätzlich sollten Konsolen, Smartphone und PC so eingestellt werden, dass der Kauf und die Installation eines Spiels, nur über eine Freigabe der Eltern erfolgen kann.

Bei welchen Indizien müssen Nutzer vorsichtig werden?

Bei kostenlosen Spielen ist oft ein Haken dabei. Meist bezahlen die User dann mit Ihren Daten. Im Umkehrschluss heißt es aber nicht, dass bezahlte Spiele nicht trotzdem manipuliert sind.

Kinder brauchen Begrenzungen: Wie viel Spiel pro Tag ist in Ordnung für Kinder?

Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil Kinder in ihrer Entwicklung unterschiedlich sind. Manche können sich selbst beschränken, andere wiederum nicht. Als Eltern soll man hinterfragen, wie gut sich das eigene Kind entwickelt hinsichtlich Schule, Freundschaften und Hobbys. Geraten Hobbys in den Hintergrund, werden die schulischen Leistungen schlechter, dann sollte sich etwas ändern. Ganz wichtig: Kinder brauchen sowohl Begrenzungen, als auch Eltern, die als medienmündige Vorbilder fungieren und Selbstständigkeit fördern.

Wann spricht man von Sucht?

Mit dem Begriff „Sucht“ sollte man vorsichtig sein. Gerade während der Pubertät lässt sich nicht alles durch die Suchtbrille erklären, da exzessives Verhalten auch entwicklungsbedingt sein kann. Anzeichen für eine Suchterkrankung sind zum Beispiel der Kontrollverlust hinsichtlich Art und Umfang der Nutzung, wichtige Pflichten und Interessen werden vernachlässigt, trotz negativer Konsequenzen wird das Spiel weiter genutzt oder das Auftreten negativer Zustände bei Einschränkungen des Medienkonsums.

Gibt es Zahlen, wie viele Kinder spielesüchtig sind?

Wann bei Jugendlichen von Sucht zu sprechen ist, ist schwierig. Jugendliche sind exzessiv, sie brauchen klare Regeln. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein bis zwei Prozent der Jugendlichen als süchtig gelten. Medien-Erziehung ist ein großes Thema und es braucht Wissen – über die übrigen Erziehungsthemen hinaus. Das ist heute nicht mehr so einfach. Allein der Druck, dem Wunsch nach einem Smartphone nicht nachzugeben, ist eine schwere Nummer.

Tipps für die Medienerziehung

Die drei Landkreis-Gymnasien laden am Mittwoch, 22. Januar, um 19 Uhr zu einem Elternabend an das Gymnasium Waldkraiburg ein. Ein Sozialpädagoge der Präventions- und Suchthilfeeinrichtung „neon“ aus Rosenheim referiert über „Internet und Videospiele: Tipps für Eltern in der Medienerziehung“. Der Experte geht auf verschiedene Fragen ein: Können Videospiele abhängig machen? Kostenfalle: Free to play. Wie sieht sinnvolle Medienerziehung aus? Worauf sollten Eltern achten, wo gibt es Hilfe?

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