Freude und Unvernunft: Nicht immer halten sich Besucher der Seniorenheime an die Regeln

Abstand halten, auch wenn man seine Angehörigen am liebsten nach Wochen in den Arm nehmen würde. Noch müssen sich Besucher in Pflegeheimen an Regeln halten, um die Bewohner vor dem Coronavirus zu schützen. Tresp

Endlich wieder Besuch vom Enkel: Wochenlang waren die Seniorenheime für Besucher geschlossen, seit kurzem dürfen Angehörige wieder unter Auflagen besucht werden. Doch die Lockerungen sorgen nicht nur für Freude.

Waldkraiburg/Kraiburg/Heldenstein – Maske auf, Abstand einhalten und möglichst im Freien treffen – die Regeln für einen Besuch in einem Seniorenheim sind streng, aber immerhin sieht man nach Wochen seine nächsten Angehörigen wieder persönlich. Mehr als sechs Wochen blieb Bewohnern eines Pflegeheims nur noch das Telefon.

Entsprechend groß waren bei den ersten Treffen die Emotionen auf beiden Seiten. „Die Leute sind so dankbar, dass sie hier sind und ihre Angehörigen wieder sehen können“, erzählt Maria Pojda, die das St. Nikolaus Alten- und Pflegeheim in Kraiburg leitet. Die Besucher seien emotional angespannt: Sie können zwar nach Wochen wieder ihre Eltern oder Großeltern sehen, aber Berührungen sind vorerst noch verboten. „Es fällt vielen schwer, dass die persönliche Zuwendung fehlt. Gerade demente Bewohner verstehen diese Situation nicht.“

Besuch nur nach Voranmeldung

Vorzugsweise im Park des Seniorenheims dürfen Bewohner ihre Angehörigen für bis zu einer Stunde treffen. Bei schlechtem Wetter ist auch ein von außen zugänglicher Besuchsraum eingerichtet. Die Tische sind so organisiert, dass Bewohner und Angehörige den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. Ein körperlich Kontakt ist nicht erlaubt. Maximal drei Besucher sind gleichzeitig auf dem Gelände des Pflegeheims, jeder bekommt zunächst vom Personal eine Einweisung, was zu beachten ist. Ein Besuch ist nur nach Voranmeldung möglich. „Mit gewisser Spannung haben wir die ersten Treffen erwartet und hatten kein gutes Gefühl“, sagt Maria Pojda. Doch die emotionalen Reaktionen der Bewohner und deren Angehörigen zeigen deutlich, wie dankbar alle für ein bisschen soziale Nähe sind.

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Keine Besuche von Angehörigen, keine Feste und kaum Beschäftigungsangebote: Das Leben in den Seniorenheimen war in den vergangenen Wochen auf ein Minimum reduziert worden. „Die Bewohner haben unter der Situation gelitten“, sagt Robert Geisberger vom Pflegeheim Bayerischer Hof in Waldkraiburg. Auch den Besuch des Friseurs haben manche Bewohner vermisst. Um so größer ist die Freude bei allen Beteiligten, sich wieder gegenüberzustehen.

Anstatt die Oma zur Kaffeezeit zu überraschen, ist jetzt genau geregelt, welche Route die Besucher durchs Gebäude nehmen und wann sie ihre Angehörigen sehen können. „Besuche sind nur mit einem Termin möglich“, sagt Geisberger. Trotz Sicherheitsabstand versuche man dennoch, das Mögliche wärmstens zu gestalten. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass sich die Besucher an die gesetzlichen Vorgaben halten. „Manche sind zwar hinsichtlich der Regeln anderer Meinung, halten sich aber trotzdem daran.“

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Auch die Besucher im Seniorenpflegeheim reagieren größtenteils verständnisvoll auf die neuen Regeln. Dennoch ist es gerade in der Anfangszeit immer wieder zu Problemen gekommen. Manche zeigen sich einsichtig, andere hingegen möchten am liebsten ihren Angehörigen auf dessen Zimmer besuchen. „Ich verstehe die Angehörigen und ihre Emotionen. Aber den Mundschutz abzunehmen, den Angehörigen in den Arm zu nehmen oder gar zu küssen, das geht einfach nicht“, klagt Leiterin Gerlinde Tresp. Das Personal weise die Besucher zwar daraufhin, doch manche würden auch ein weiteres Mal die Vorgaben nicht einhalten.

Den Ärger über die strengen Vorgaben bekommen dann die Mitarbeiter des Pflegeheims zu hören. „Wir werden von den Leuten beschimpft. Wir wollen doch nicht die Leute ärgern, sondern versuchen mit allen Mitteln, das Coronavirus aus dem Pflegeheim rauszuhalten und auf diese Weise unsere Bewohner zu schützen“, sagt Gerlinde Tresp. Dass Angehörige dies nicht verstehen wollen, sei für sie nicht nachvollziehbar. Die Unvernunft ist oft groß: Ein Besucher habe sogar versucht, sich über den Hintereingang in das Seniorenheim zu schmuggeln.

Besuchskonzept schnell abgestimmt

Nach dem wochenlangen Besuchsverbot in den Pflegeheimen war die Sehnsucht den Angehörigen in den Pflegeheimen groß: Das Telefon sei kaum noch still gestanden, nachdem bekannt wurde, dass die Besuchsregeln für Pflegeheime gelockert werden. „Wir haben relativ schnell ein Besuchskonzept mit dem Gesundheitsamt abgestimmt“, sagt Gerlinde Tresp. Begrenzte Besuchszeiten, eine maximale Besucherzahl, Maskenpflicht – auch hier gelten die bekannten Regeln. Trotzdem war ihr nicht ganz wohl vor dem ersten Besuchswochenende, das auch noch mit Muttertag zusammenfiel. „Das war ziemlich kurzfristig und wir wurden regelrecht überrannt.“ Die Besuche verlangen den Pflegeheimen ein Mehr an Logistik ab, denn Mitarbeiter würden die Treffen beobachten.

Werden auch weiterhin zu viele Besucher die Vorgaben ignorieren, bleibt Gerlinde Tresp nicht viel Handlungsspielraum. „Wenn die Leute nicht vernünftig sind, müssen wir die Besuchszeiten wieder einfrieren. Wir haben unseren Bewohnern gegenüber eine Verantwortung.“

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