AKTUELLES INTERVIEW

„Das Freijahr wird mein Renner“

Sie gehört zum Inventar im Pfarrverband – das sagt Agathe Renner (56) schmunzelnd über sich selbst. Die Kirchenmusikerin, Chorleiterin und Musikschullehrerin nimmt sich ein Jahr Auszeit, macht ein Sabbatical. Der Begriff stammt aus den USA und leitet sich vom biblischen Sabbatjahr ab. kla
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Sie gehört zum Inventar im Pfarrverband – das sagt Agathe Renner (56) schmunzelnd über sich selbst. Die Kirchenmusikerin, Chorleiterin und Musikschullehrerin nimmt sich ein Jahr Auszeit, macht ein Sabbatical. Der Begriff stammt aus den USA und leitet sich vom biblischen Sabbatjahr ab. kla

Die große Freiheit auf Zeit: ein Jahr weg vom Job, weg vom Alltag. Agathe Renner erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch und macht ein Sabbatical, ein Freijahr. Endlich hat sie Zeit, für sich und ihre Kinder, die inzwischen erwachsen sind.

Waldkraiburg – Agathe Renner ist der Typ Mensch, der schlecht Nein sagen kann und gerne viele Aufgaben übernimmt. Die Kirchenmusikerin arbeitet für den Pfarrverband Waldkraiburg – für die Kirchen Maria Schutz, Pürten und St. Erasmus – und sie unterrichtet an der Sing- und Musikschule Klavier und Kirchenorgel. Wenn die Schüler Ferien haben, herrscht in den Kirchen Hochsaison. Keine Zeit also, um zur Ruhe zu kommen.

Frau Renner, Sie haben sich entschieden, ein Sabbatical, ein Freijahr zu machen. Warum?

Da kam in den letzten Jahren viel zusammen. Ich hatte viel zu verarbeiten, etwa eine Scheidung. Das war nicht einfach, ich hab es aber überwunden. Meine Mutter ist plötzlich verstorben und ich stand allein da. Und nie hatte ich wirklich viel Zeit für meine Kinder, die inzwischen erwachsen sind. Ich will bewusst mehr Zeit mit ihnen verbringen. Und Zeit für mich und meine Hobbys haben.

Was machen Ihre Kinder?

Simone ist 30 und arbeitet in München als PR-Managerin, Katrin ist 26 und absolviert in Neubrandenburg ein Studium im Bereich Naturschutz und Landnutzungsplanung. Sie ist unsere Biotante (lacht). Leider habe ich es in dem Jahr, seit sie dort ist, noch nicht geschafft, sie zu besuchen. Und Niklas ist 17, er macht gerade die FOS und wird bald volljährig. Zu seinem Abschluss machen wir vier eine gemeinsame Reise nach Kuba und einen Hamburg-Trip zu „König der Löwen“ holen wir auch nach.

Sie packen also nicht alleine Ihren Rucksack und sagen für ein Jahr „Ich bin dann mal weg“?

Ich würde nie alleine losziehen, ich bin gesellig und will meine Erlebnisse teilen mit lieben Menschen. Ich möchte gemeinsam mit meinen Kindern etwas erleben. Die Zeit daheim werde ich bewusst genießen und meine Akkus aufladen. Ein dreiwöchiger Trip mit Freundinnen nach Südafrika im Herbst ist noch gebucht. In dieser Zeit hat meine Tochter Katrin Semesterferien und ist hier, damit Niklas Ansprache hat. Aber der ist schon groß und vernünftig.

Zeit mit Ihren Kindern – die ist Ihnen wichtig. Woran liegt es, dass diese gemeinsame Zeit bisher zu kurz kam?

Durch meine zwei Jobs als Lehrerin an der Musikschule und Kirchenmusikerin ist die Woche sehr zerrissen. Ich pendle zwischen Unterrichtsstunden sowie meinem Einsatz als Chorleiterin und Organistin hin und her, spiele bei Beerdigungen und an Feiertagen die Messen. An Heiligabend zum Beispiel muss ich dreimal ausrücken: um 15.30 Uhr Kindermette, um 21 Uhr Pürten und um 22.30 Uhr Maria Schutz.

Da wird es schwierig, miteinander in der Familie Weihnachten zu feiern.

Ja. Als meine Kinder noch klein waren, hab ich mich gevierteilt. Ich war ständig unter Zeitdruck, hab dauernd auf die Uhr geschaut. Wir mussten schnell essen und schnell Bescherung machen. Als meine Töchter älter waren, haben die schon mal den Baum geschmückt, um mich zu entlasten. Heuer werde ich Weihnachten mit meinen drei Kindern in den Bergen verbringen, mit Skifahren, Wellness und ohne Termindruck.

Sie mussten bisher immer den Spagat schaffen, eine gute Mutter zu sein, eine gute Musiklehrerin und eine ebenso gute Kirchenmusikerin. Wie sehr hat Sie das unter Druck gesetzt?

Der Druck ist groß, ich kann nie abschalten, bin nie fertig mit etwas. Es muss ja immer alles 100 Prozent sein, meine Schüler sollen alles haben, ich darf nichts vergessen. Daher hab ich den Kopf nie ganz frei.

Das klingt nach Stress pur. Was versprechen Sie sich von dem Freijahr noch – außer Zeit mit Ihren Kindern?

Ich hoffe, frisch gestärkt zu sein. Ich will mein Leben neu strukturieren. Aber ich habe noch nicht raus, was ich ändern kann und will. So darf es aber nicht weitergehen. Ich werde auch älter. Früher habe ich alles leichter gerissen. Jetzt kommt man mehr und mehr zum Nachdenken. Der Dalai Lama sagt sinngemäß, der Mensch nutzt erst seine ganze Energie, um Geld zu verdienen. Und dann braucht er sein ganzes Geld, um seine Gesundheit in Ordnung zu bringen.

Gehen Sie ausschließlich mit einem lachenden Auge ins Freijahr??

Nun, als ich mich für das Sabbatjahr entschieden hab, hatte ich meinem Chor und meinen Schülern gegenüber ein schlechtes Gewissen, als würde ich sie im Stich lassen. Doch alle haben sehr rührend reagiert und die Chorsänger haben mir beim Patrozinium in Pürten ein Segenslied gesungen, das sie eigens umgeschrieben haben. Ich musste heulen, so schön war es, diese Wertschätzung zu erfahren. Der Chor ist wie eine zweite Familie für mich.

Wie regeln Sie Ihre Auszeit finanziell?

Bei der Musikschule nehme ich ein Jahr unbezahlten Urlaub. Damit ich nicht mitten unterm Schuljahr weg bin, beginnt mein Sabbatjahr zum 1. September. Meinen Unterricht übernimmt eine Kollegin, die drei Jahre weg war und nun zurückkehrt. Mein zweiter Arbeitgeber, die Kirchenverwaltung und Pater Stiegler, haben sehr verständnisvoll reagiert. Im vergangenen Jahr ließ ich mir nur den halben Lohn von der Kirche auszahlen und die zweite Hälfte ab jetzt. Ich hab auch einiges angespart, damit ich mir das leisten kann. Man kommt auch mit weniger Geld aus.

Wie werden Sie die Zeit nutzen?

Ich möchte meine Spanischkenntnisse vertiefen. Und nicht immer nur vor lauter Stress am Tag des Kurses im Schnelldurchlauf die Hausaufgaben machen. Ich will das in Ruhe festigen. Ich nähe auch sehr gern, das tut mir unheimlich gut. Meine Töchter wünschen sich schon lang ein selbst genähtes Dirndl und Niklas kriegt ein Jankerl. Jetzt hab ich endlich auch mal Zeit für mich. Das Sabbatjahr wird mein Renner.

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