64. JAHRESKONZERT

Faszination Orchester

Leidenschaft Orchester – die teilen Manfred Gleim und Sabine Libera. Die beiden sind Mitglieder der Orchestergemeinschaft Waldkraiburg und mit dem gesamten Ensemble am Sonntag, 20. November, um 18 Uhr im Haus der Kultur live zu erleben. Der Bratschist leiht sich den Bogen der Cellistin fürs Foto. kla
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Leidenschaft Orchester – die teilen Manfred Gleim und Sabine Libera. Die beiden sind Mitglieder der Orchestergemeinschaft Waldkraiburg und mit dem gesamten Ensemble am Sonntag, 20. November, um 18 Uhr im Haus der Kultur live zu erleben. Der Bratschist leiht sich den Bogen der Cellistin fürs Foto. kla

Eigentlich ist der Ertelt schuld, dass der Gleim seit 1983 in der Orchestergemeinschaft Waldkraiburg Bratsche spielt. Eine klitzekleine „Erpressung“ führte dazu, dass der Dirigent seinen ehemaligen Schulkollegen ins Boot holte. „Ich wollte mir mal eine Bratsche ausleihen. Er sagte: Aber nur, wenn du im Orchester mitspielst“, erinnert sich Manfred Gleim schmunzelnd. Heute ist er Schatzmeister, Bratschist und ein sehr guter Geschichtenerzähler. Am Sonntag kann man ihn und viele tolle Talente live im Haus der Kultur erleben.

Waldkraiburg – Junges Gemüse und alter Hase in Sachen Orchester – das wollte die Zeitung für ein Interview an einem Tisch vereint haben. Und so kam es zu einer sehr lustigen Begegnung mit Manfred Gleim, 75 Jahre, und Sabine Libera, 16 Jahre.

Der Bratschist und die Cellistin treffen sich jeden Donnerstag zwischen 19 und 21 Uhr mit den anderen Orchestermitgliedern im Haus der Kultur zur Probe. Dann wird musiziert: Bach, Mozart, Haydn und was das klassische Repertoire sonst noch so hergibt.

Vor der Probe kommt es vor, dass Gleim, ehemaliger Realschullehrer, auch mal ehemaligen Schülerinnen am Gang in der Musikschule begegnet. Das sind dann Mamis, die ihre Kinder hier unterrichten lassen.

Und da erfährt man ganz nebenbei, was der Gleim für ein Lehrer war. Einer, der mit seinen Schülern gewettet hat – dass sie bessere Noten in Rechnungswesen zambringen, als sie sich selbst zutrauten. Und dabei gewann er gerne mal Ritter Sport Zartbitter-Schokolade. Oder aber er nahm Schülern CDs ab. „Die Toten Hosen – Reich & Sexy“ zum Beispiel. Am Schuljahresende habe er die Rückgabe versprochen. Tat dies aber nicht. Lieber gab er der Schülerin das Geld für die CD, weil ihm die Musik der Punkband so gut gefiel.

„Daran kann ich mich jetzt aber nimmer erinnern“, lacht er und Sabine Libera muss auch schmunzeln. Denn sonst musizieren die beiden eher miteinander, als Anekdoten auszutauschen. Und davon kann Manfred Gleim eine Menge erzählen und seine 16-jährige Orchesterkollegin lauscht ihm aufmerksam.

„Ich musste auf Bratsche umsatteln, was mir nicht so unrecht war, denn ich schwärmte für eine Monika, die auch Bratsche spielte.“ Manfred Gleim

Gleim war Flüchtlingskind aus dem Sudetenland und besuchte seinerzeit das Gymnasium Freising mit Klaus Ertelt, einem schlesischen Flüchtlingsbuam. Sie spielten im Schulorchester, Ertelt Cello und Gleim die zweite Geige.

Der Orchesterleiter, ein recht autoritärer Typ, suchte Bratschisten und wählte Gleim aus; er musste umsatteln. „Das war mir gar nicht so unrecht, denn ich schwärmte für ein Mädchen namens Monika, die lernte auch Bratsche. Wir waren dann die einzigen zwei Bratschisten“, erzählt er augenzwinkernd. Mehr wurde nicht daraus.

Später trafen sich Ertelt und Gleim in Waldkraiburg wieder – beide wurden Lehrer und Ertelt leitete inzwischen das Orchester in der Stadt. „Ich wollte mir mal eine Bratsche ausleihen. Dann sagte er mir, ich krieg eine, aber nur, wenn ich mitspiele. Und seitdem bin ich dabeigeblieben“, berichtet der 75-Jährige.

Sabine Libera ist 16 und besucht derzeit das Ruperti-Gymnasium. Mit sieben Jahren begann sie Cello zu spielen. „Ich hörte meinen jetzigen Lehrer, Paul Adrian Deutsch, Cello spielen. Das war so schön, ich wollte das auch können“, schwärmt sie. Erst sei die Mama dagegen gewesen. Sie dachte, Sabine würde nach kurzer Zeit das Interesse verlieren. „Jetzt ist sie froh, dass ich weitergemacht habe.“ Sabine ist erste Preisträgerin bei „Jugend musiziert“ auf Regionalebene und zweite auf Landesebene.

Das Cello fasziniere sie, das Spielen im Sitzen mit einem Streichinstrument, die verschiedenen Klänge.

Mit den Bogentechniken kann sie unterschiedliche Lautstärken erzeugen, weicher oder härter – je nach Führung des Bogens. Sie lässt ihn springen, zieht ihn oder zupft damit die Saiten.

Um so gut wie Sabine Libera oder Manfred Gleim zu werden, muss man fleißig üben. Mit der allwöchentlichen Orchesterprobe ist es nicht getan, sagt Gleim. „Man sollte sein Instrument auch mal daheim in die Hand nehmen, sonst wird man steif.“

Sabine nickt beipflichtend. Sie vergleicht es damit: Wenn sie am Ende der großen Ferien wieder einen Stift in die Hand nehmen muss, dann ist das Schreiben erstmal krakelig und ungewohnt. Die Musikschule hat dann auch Ferien. „Nach ein bis zwei Wochen Cello-Pause merke ich, ups, diese Stelle ging doch schon mal ganz gut. Ja, man wird steif.“

Die Griffe sitzen dann einfach nicht hundertprozentig, weiß Gleim.

Sabine sagt, sie bringe gerne Opfer dafür, dass sie Cello spielen kann und viel Zeit ins Üben investieren muss. Zum Beispiel wenn ihre Freunde ohne sie losziehen. „Ich bereue nichts“, sagt sie bestimmt.

„Übrigens: Neue Mitspieler sind bei uns jederzeit willkommen“, wirbt der Bratschist. Vor allem Streicher werden gebraucht, und zwar „jede Menge“. Das Orchester hat eine Stammbesetzung von etwa 20 Musizierenden.

„Wir sind als Orchestergemeinschaft ein Verein und brauchen immer Geld. Wir freuen uns also auch über unmusikalische Fördermitglieder“, sagt er in seiner Funktion als Kassier.

Am kommenden Sonntag, 20. November, um 18 Uhr kann man Gleim, Libera und den Rest des Ensembles live beim 64. Jahreskonzert im großen Saal im Haus der Kultur erleben.

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