Erlebbare bayerische Industriekultur

Zu den ersten Besuchern der Ausstellung "Hartes Brot - Gutes Leben?" im Stadtmuseum gehörte die neue Kulturreferentin Margit Roller (Zweite von links). Die Wanderausstellung des Bezirks Oberbayern ist bis zum 12. August zu sehen.
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Zu den ersten Besuchern der Ausstellung "Hartes Brot - Gutes Leben?" im Stadtmuseum gehörte die neue Kulturreferentin Margit Roller (Zweite von links). Die Wanderausstellung des Bezirks Oberbayern ist bis zum 12. August zu sehen.

Waldkraiburg - Eine erlebbare bayerische Industriekultur bietet das Stadtmuseum mit der Wanderausstellung des Bezirks Oberbayern "Hartes Brot, Gutes Leben - Arbeitswelten von 1830 bis in die Moderne".

Museumsleiterin Elke Keiper und Stadtarchivar Schlaglichtartig enthüllen sich beim flüchtigen Blick des Besuchers durch die Ausstellung "Hartes Brot, Gutes Leben - Arbeitswelten von 1830 bis in die Moderne" die Kennzeichen oberbayerischen Arbeitswelten. Sie waren lange durch Gegensätze zwischen den harten Lebensbedingungen eines Großteils der Bevölkerung und dem Wohlstand der Unternehmer und der Vermögenden im Zeitraum 1830 bis hin in der Moderne geprägt.

Auf den Ausstellungstafeln sieht der Betrachter etwa Symbole des wirtschaftlichen Aufschwungs wie den Vierzylinder-Turm von BMW in München oder Trabantenstädte wie in Neuperlach, das Bild des Millionsten Gastarbeiters in der bayerischen Landeshauptstadt im November 1969 neben dem Foto verzweifelter hungernder Arbeiter nach Kriegsende 1919.

Aber auch Abbildungen einer Fabrikantenfamilie in ihrer Luxuskarosse in den nicht für alle Goldenen Zwanziger Jahren einerseits und der trostlosen Nähsäle verschiedener Betriebe im Nachkriegs-Waldkraiburg andererseits fehlen nicht.

Bürgermeister Siegfried Klika fand anerkennende Worte für die Wanderausstellung des Bezirks Oberbayerns, die Dank der Mühen der Museumsleiterin Elke Keiper und des Stadtarchivars Konrad Kern die Industriegeschichte der Region zusätzlich spannend in Szene gesetzt haben.

Besonders die ergänzenden Objekte und Fotografien aus der Historie Waldkraiburgs und seiner Umgebung fallen da ins Auge. Keine Selbstverständlichkeit seien beispielsweise solche Rechte wie Arbeits-, Mutter- oder Kündigungsschutz, meinte Klika. Er ging auf die einzigartige Schicksalsgemeinschaft von Arbeitern und Unternehmern als Grundlage des sich erfolgreich entwickelnden Wirtschaftsstandortes Waldkraiburg nach 1945 ein. Das spiegle sich auch in der Ausstellung wider und berechtige zum Stolz auf die erbrachten Leistungen. Deshalb sprach sich der Redner dafür aus, dass möglichst viele der 4200 Schüler der Stadt die Exponate anschauen sollten.

Die Begeisterung der jungen Stadt im Grünen für die Industriekultur habe sie bereits bei den Kulturtagen 2005 in Waldkraiburg zu spüren bekommen, schilderte die stellvertretende Bezirkstagspräsidentin Friederike Steinberger ihre nachhaltigen Eindrücke von den "motivierten Menschen, die hier leben".

Sie würdigte die Leistungen der heimatlosen Flüchtlinge in Waldkraiburg, die außer dem Willen zum Neuanfang und ihrem handwerklichen Können nichts Nennenswertes besessen hätten. Den historischen Hintergrund der hiesigen Industriekultur hob auch Elke Keiper in ihrem Wortbeitrag hervor, wobei sie auf vorhandene Ausstellungen im Stadt-, Glas- und Industriemuseum (Bunker 29), die das Thema ebenfalls tangierten, hinwies. Auf Grund leider nur weniger erhaltener Objekte aus der Zeit der 50er- bis 70er- Jahre freue sie sich, hier Zeitzeugeninterviews mit Vertretern unterschiedlicher Industriebetrieben per Video präsentieren zu können, die dankenswerterweise Erika Fischer geführt habe.

Auch an die größte Baustelle Europas während des Innkanalbaus von 1919 bis 1923 sei mit zwei Informationstafeln erinnert worden, erklärte Keiper den Besuchern wie Gästen aus Politik und Wirtschaft. Dabei vermittelte sie eine Vorstellung der ungeheuren Dimension der Arbeiten.

Zufrieden äußerte sich auch Bezirksrat Prof. Jan Murken über die Gestaltung der Ausstellung an ihrem zwölften Standort. Er schilderte deren Entstehungsprozess und die Anstrengungen der interfraktionellen Arbeitsgruppe von Bezirksräten unter Leitung von Barbara Kuhn, der es vor allem um die Darstellung der Entwicklung von ganz Oberbayern, vom rohstoffarmen, bäuerlich geprägten Landstrich zu einem High-Tech-Standort ging.

Der Redner lud die Ausstellungsbesucher auf eine Zeitreise in drei Abschnitten ein: Vom Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, von 1890 bis 1945 sowie von 1945 bis heute.

Statt eines Ausstellungskatalogs empfahl er ein im Sonderdruck des Bezirks Oberbayerns erschienenes gleichnamiges Buch mit Porträts bedeutender Unternehmer und Erfinder sowie mit Beiträgen über 33 Orte der Industriekultur und teilweise historischen Fotos.

Entgegen aller Vorurteile plädierte Jan Murken vehement für die Erhaltung von Industriedenkmälern, da sie gemäß der Denkmalsdefinition einen besonderen Wert für die Erinnerung der Menschen besäßen. Anknüpfend an die Audiostation mitten in der Ausstellung, an der die Besucher 22 Arbeiterlieder hören können, machte er auf den Singabend mit Ernst Schusser von Volksmusikarchiv und -pflege des Bezirks am 2. August 2012 aufmerksam.

An das weitere Begleitprogramm zur Ausstellung wird hier in der Zeitung rechtzeitig erinnert.

kch/Waldkraiburger Nachrichten

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