Spieler aus 13 Nationen

Einst „Skandalclub“ und Musterbeispiel der Integration: Der FC Waldkraiburg löst sich auf

So fing es an: das Mannschaftsfoto des FC Türkspor aus dem Jahr 1987. Damals trat der frisch gegründete Verein in der C-Klasse an, wo es manchmal hoch her ging bei Auswärtsspielen; Ali Cakar ist der 2. von links hinten. Cakar
+
So fing es an: das Mannschaftsfoto des FC Türkspor aus dem Jahr 1987. Damals trat der frisch gegründete Verein in der C-Klasse an, wo es manchmal hoch her ging bei Auswärtsspielen; Ali Cakar ist der 2. von links hinten. Cakar
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
    schließen

Er war aktiver Spieler, Vorstandsmitglied, Trainer, Kassier, Vorsitzender. Jetzt muss Ali Cakar den FC Waldkraiburg abwickeln. Nach 33 Jahren löst sich der Verein auf, der nicht nur sportlich auf eine wechselvolle Geschichte zurückblickt. Sein Vorgänger FC Türkspor galt einst als Musterbeispiel der Integration.

Waldkraiburg – Ali Cakar war grade volljährig, als es 1986 losging, zuerst auf Bolzplätzen, dann auf dem Sandplatz am Jahnstadion. Der damalige Bürgermeister Jochen Fischer habe das türkische Fußballprojekt immer unterstützt, auch als sich die Fußballer nicht unter das Dach des VfL einreihen wollten, sondern „etwas eigenständiges auf die Beine stellen wollten“.

In den ersten Jahren Lehrgeld gezahlt

1987 meldete der FC Türkspor eine Mannschaft in der C-Klasse an – und musste mächtig Lehrgeld bezahlen. „Wir haben eine Klatsche nach der anderen gekriegt“, erinnert sich Cakar. „Wir hatten nicht mal einen richtigen Torwart. Da ist jede Woche ein anderer reingegangen. Und wir hatten keine richtigen Dressen. Wir mussten um alles betteln.“

Auch interessant:

Mühldorfer FTZ sieht keinen Cent Corona-Hilfen

Sportarzt aus der Region über Austritte aus Bayerns Sportvereinen wegen Corona: Kehrt bitte zurück!

Ausschreitungen und Provokationen bei Auswärtsspielen

Nicht nur sportlich und finanziell war aller Anfang schwer. Bei einigen Spielen gab es mächtig Ärger, Beschimpfungen, Ausschreitungen, heftige Konflikte, die auch auf dem Platz handgreiflich ausgetragen wurden. Der FC Türkspor hatte ein Disziplin-Problem. Und viele gegnerische Clubs, vor allem in Orten mit geringem Ausländeranteil, wussten nicht mit „den Türken“ umzugehen. Cakar: „Wir wurden oft provoziert.“

Lesen Sie auch:

Integration ist (keine) Sozialromantik

Die Fusion ist beschlossene Sache

Doppelpass zwischen Türkspor und VfL?

In dieser Zeit prallten bei Auswärtsspielen manchmal zwei Welten aufeinander. Das bestätigt Günther Manz, der sich an eine kuriose Szene in Schönau erinnert, als ihn der dortige Vorstand bei der Ankunft zur Seite nahm und fragte: „Wer spricht eigentlich Deutsch von Euch?“

Ali Cakar war von Anfang an bis heute dabei.

Lechner und Co. stellten sich vor den FC Türkspor

Der ehemalige Aschauer Gemeinderat Manz, der langjährige Erfahrungen als Jugendtrainer beim SV Aschau gemacht hatte, gehörte zu jenen, die den Club, der damals immer wieder negativ in den Schlagzeilen war, unterstützten, unter anderem als Stadionsprecher. Auch die verstorbene Trainerlegende Heinz Lechner war laut Manz „ein großer Mentor des FC Türkspor“.

Strenge Linie brachte den Erfolg

Der Club habe von dessen Ansehen enorm profitiert, sagt Ali Cakar. „Lechner wurde draußen in Reichertsheim, Zangberg oder Haag schon ganz anders begrüßt.“ Eine wichtige Rolle habe auch Tom Jackl als Trainer gespielt. Günther Manz: „Er hat eine strenge Linie gefahren. Und Ali Cakar hat diese Linie mitgetragen.“ Die gegenseitigen Vorbehalte sind nach seinen Worten immer geringer geworden. Cakar erinnert sich an schöne Begegnungen, bei denen man sich hinterher gut unterhalten habe.

Fußball mit Herz

Zur Jahrtausendwende ging es aufwärts mit dem FC Türkspor. Der Club schaffte den ersten Aufstieg. Bekannte Fußballer, die in der Region einen Namen hatten, wie Anton Golling oder Bubi Breneizeris, schlossen sich dem Verein an. Zu Derbys gegen den SV Aschau kamen regelmäßig rund 300 Zuschauer. 2007 feierte der FC Türkspor 20-jähriges Jubiläum und unter Trainer Jackl den Aufstieg in die Kreisliga.

Günther Manz, der nach dem Training für die Mannschaft kochte und bei der Weihnachtsfeier den Nikolaus „gab“, schwärmt von den Aufbaujahren und vom Geist, der damals im FC Türkspor herrschte. „Die Euphorie war unheimlich groß. Da war so viel Herzblut beim Fußballspielen. Und der Zusammenhalt war enorm.“

Spieler aus 13 Nationen

Türken und türkischstämmige Spieler waren beim FC Türkspor laut Ali Cakar selbst am Anfang nicht unter sich. Auch damals haben schon Deutsche mitgemischt. Doch nun entwickelte sich der Verein zu einem Multikulti-Integrationsclub. Nicht weniger als 13 Nationen waren damals vertreten, Italiener, Bosnier, sogar ein Vietnamese. 2007 kam Türkspor Waldkraiburg ins Fernsehen. Das Team des TV-Magazins La Vita widmete diesem ungewöhnlichen Projekt und gelungenen Beispiel der Integration einen Sendebeitrag.

Heute nicht mehr wiederholbar

Trotz des Niedergangs der letzten Jahre will Ali Cakar die Zeit beim FC Türkspor nicht missen. „Es war nicht verkehrt.“

Günther Manz glaubt nicht, dass eine Geschichte wie die des FC Türkspor 30 Jahre später noch einmal wiederholbar wäre. Das hat vor allem einen Grund: Türkische Spieler seien heute viel besser integriert als damals. Es sei zum Beispiel fast selbstverständlich, dass Türken mit deutschen Frauen verheiratet sind.

Günther Manz unterstützte den Verien in schwierigen Zeiten.

Ihn erinnern die Anfänge des „türkischen“ Fußballclubs an seine Eltern, die aus der Bukowina stammen. Weil es nicht leicht war, sich nach dem Krieg in Niederbayern zu integrieren, hätten sie sich damals immer nur unter Ihresgleichen getroffen.

Der sportliche und finanzielle Niedergang

Bis heute ist Günther Manz überzeugt: Die sportliche Erfolgsgeschichte hätte weiter gehen, der FC Türkspor auf Dauer zu einer führenden Kraft im Landkreis-Fußball werden können. Doch neben dem Club hatte sich ein zweiter türkischer Verein in Waldkraiburg gebildet. Der FC Ayyildiz sei viel konservativer, weniger weltoffen geprägt gewesen, so Manz. Er sei jedoch überzeugt gewesen, dass zwei türkische Vereine in der Stadt einer zu viel sind. „Mein Bestreben war es, die Vereine zusammen zu bringen.“

2012 einigten sich die Vorstände auf eine Fusion unter dem Namen „FC Waldkraiburg“. Es war ein Kraftakt, denn jeder habe dafür „ein Stück Identität aufgeben müssen“, so Manz, der sich vor einigen Jahren aus dem Verein zurückgezogen hat. Aus heutiger Sicht begann mit dem Zusammenschluss die Abwärtsspirale, sportlich wie finanziell. Ali Cakar: „Die Fusion hat die Erwartungen nicht erfüllt.“

Zuerst war die Hoffnung, noch einmal etwas aufzubauen

Gute Spieler seien in den Folgejahren zu anderen Vereinen abgewandert, der Club abgestiegen, die Zuschauerzahlen eingebrochen. „Nicht einmal mehr die Schiris konnten wir davon bezahlen.“ 2018 kam ein Tiefpunkt, als der FC Türkspor die Saison nicht mehr zu Ende spielen konnte, sondern die Mannschaft vorzeitig vom Spielbetrieb abmeldete.

Auf Freizeitbasis wurde weitergespielt. „Wir haben uns jeden Freitag getroffen.“ Zuerst hatte der heute 52-jährige Cakar die Hoffnung, nochmal etwas aufzubauen. „Doch das macht keinen Sinn mehr. Corona hat uns das Genick gebrochen.“ Die Miete für das Vereinsheim, in dem früher richtig was los war, wird das wenige Geld, das noch da ist, auffressen. Und auch die Funktionäre und Helfer seien längst abgewandert, so Cakar, der zuletzt den Alleinunterhalter geben musste.

Vor einigen Wochen wurde in einer Versammlung die Liquidation des Vereins beschlossen, die Cakar nun abwickeln muss. hg

Kommentare