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Kriege und Vertreibung überstanden

Einst Marktführer bei Schultüten: Die Waldkraiburger Firma Wenzel ist Geschichte

Die Wenzel GmbH ist Geschichte.
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Die Wenzel GmbH ist Geschichte.
  • Hans Grundner
    VonHans Grundner
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Einst hat sie bis zu 800000 Schultüten im Jahr produziert und mit Faschingshüten gute Geschäfte gemacht. Jetzt hat die Waldkraiburger Firma Wenzel den Betrieb eingestellt, ausgerechnet 125 Jahre nach der Gründung im Sudetenland.

Waldkraiburg – Vor 125 Jahren wurde die Firma im Sudetenland gegründet. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr hat „Die Wenzel GmbH“, mit deren Produkten einst Generationen von Erstklässlern ausgestattet wurden, den Betrieb eingestellt. Heidi Wenzel, die letzte Geschäftsführerin, und ihre Tochter Lorraine Seifert erinnern sich an die stolze Geschichte des Unternehmens, das zuletzt in Kunststoffartikel für Werbung und Industrie machte.

Stammgast bei der Nürnberger Spielwarenmesse – in allen großen Kaufhäusern gelistet

„Der Schultüten-Wenzel“ – so wurde die Firma genannt. Vorübergehend war das Unternehmen Marktführer. Bis zu 800 000 Schultüten wurden pro Jahr gefertigt und von Heimarbeitern veredelt. „Wir haben sie waggonweise verladen, waren mit den Schultüten auf der Nürnberger Spielwarenmesse und bei allen großen Kaufhäusern gelistet, Horten, Hertie, Karstadt. Damit haben die Eltern das Geld verdient“, erzählt Heidi Wenzel, die im Familienbetrieb Ende der 1970er-Jahre Bürokauffrau lernte, später zurückkehrte und seit 2005 die Geschäfte führte.

Firma hat sich immer wieder neu erfunden

Mitte der 1990er-Jahre ging nichts mehr mit Schultüten. Der Trend ging zum Selber Basteln. Das machte dem Geschäft den Garaus. „Da war alles umsonst“, sagt Heidi Wenzel. Das Unternehmen musste sich neue Felder suchen.

So war das immer in der Firmengeschichte, die 1896 mit Franz Wenzel im böhmischen Braunau begann. Er gründete ein Papier- und Schreibwarengeschäft, dazu einen Ansichtspostkartenverlag. Das Geschäft mit den Postkarten von Braunau und Umgebung lohnte sich. Wenzel übergab den Betrieb an Sohn Alois, zog nach Schlesien und setzt dort außerordentlich erfolgreich auf die Fabrikation von Papierblumen.

Im Bunker begann die Firma nach dem Krieg in Waldkraiburg

Der umgebaute Bunker in der Porschestraße, in der die Firmengeschichte in Waldkraiburg begann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem zuletzt Tarnnetze und Abzeichen fürs NS-Winterhilfswerk gefertigt wurden, kam für den Betrieb das Aus in der alten Heimat. Bald nach der Vertreibung setzte Alois Wenzel die Firmentradition fort, zuerst in Töging, dann in Altmühldorf, seit 1954 in Waldkraiburg, in einem Bunker in der Porschestraße. Faschingshüte waren hier der Renner. „Die Regale waren voll damit“, so Heidi Wenzel. Auch Girlanden, Kochmützen verkauften sich gut, Schultüten sowieso.

In den 1950er-Jahren waren Faschingshüte aus Stroh der Renner.

1961: Mit der ersten Spritzgussmaschine das Kunststoffzeitalter des Unternehmens eingeläutet

1961 schaffte Roland Wenzel, der neue Chef im Haus, die erste Spritzgussmaschine an, um Abzeichen aus Kunststoff zu produzieren. Er setzte damit auf einen Trend, der das Unternehmen ins 21. Jahrhundert bringen sollte.

„Stoppt-Strauß!“-Plaketten kamen aus Waldkraiburg

Abzeichen und Plaketten, Schlüssel- und Kofferanhänger, Pfandmarken, Chips und Chipshalter, Pillendosen für Giveaways der Pharmaindustrie stehen für eine riesige Palette von Werbeartikeln aus Kunststoff, die in vielen Formen und Variationen gefertigt wurden. Die Faschingsorden der Waldkraiburger Faschingsgesellschaft, zuletzt als Spende, kamen ebenso aus dem Hause Wenzel wie in den 1980er-Jahren die „Stoppt-Strauß“-Plaketten, wie Heidi Wenzel, die Mitglied in der CSU ist, lachend erzählt.

Prämiertes Firmengebäude

Seit 1990 sitzt die Firma, die zur besten Zeit 40 Mitarbeiter, inklusive Heimarbeitern beschäftigte, in einem repräsentativen Gebäude im Gewerbegebiet, das ihr wegen der interessanten Architektur einen Bauherrenpreis der Stadt einbrachte.

Seit wenigen Tagen ist das Areal geräumt, verkauft an den Nachbarn, die Atoma. Das Bernauer Unternehmen Jell hat Wenzels Druckabteilung und sieben Leute vom Stammpersonal übernommen. Die Firma Wenzel ist Geschichte.

Corona war nicht der Grund

Corona sei nicht der Grund, stellt die ehemalige Geschäftsführerin klar. Doch die Pandemie mit ihren Auflagen habe es der Firma sicher nicht leichter gemacht. In einer ohnehin schwierigen Zeit. „Kunststoffe sind heute verpönt“, sagt Lorraine Seifert, die seit 2014 Prokuristin war. Biokunststoffe seien im Trend, aber teuer, viele Kunden nicht bereit, dafür zu zahlen. Und viele Unternehmen halten sich mit Werbeaktionen zurück, auch weil sich Regeln geändert haben.

„Wir haben die Chance ergriffen, aufzuhören“, sagt Heidi Wenzel. Um weiter zu machen, hätte man wieder kräftig investieren müssen. Doch die 61-Jährige will beruflich kürzer treten und ihre Tochter sich vor allem auf die Familie konzentrieren. Ein Fremdgeschäftsführer sei nie in Frage gekommen. „125 Jahre lang stand immer ein Wenzel an der Spitze des Unternehmens“, so die letzte Geschäftsführerin.

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