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Mutmaßliches Opfer fehlte bei Verhandlung

Schläge, Tritte und ein Handy-Video? Seltsamer Fall vor dem Mühldorfer Amtsgericht

Ein seltsamer Fall wird in Mühldorf verhandelt: Der Angeklagte wusste nichts von der Anklage. Das Opfer wollte sich nicht untersuchen lassen und erschien nicht zur Verhandlung.
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Ein seltsamer Fall wird in Mühldorf verhandelt: Der Angeklagte wusste nichts von der Anklage. Das mutmaßliche Opfer wollte sich nicht untersuchen lassen und erschien nicht zur Verhandlung.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Er soll einen Kollegen als „Sklaven“ beschimpft, nach ihm getreten und geschlagen haben. Auch ein Taschenmesser soll gezückt worden sein. Der Angeklagte zeigte sich überrascht über die Anklage. Warum bei der Verhandlung bislang mehr Fragen als Antworten zutage kamen.

Waldkraiburg – Als „Sklaven“ soll er einen Arbeitskollegen beschimpft haben, nachdem er ihn getreten haben soll. Schließlich sogar mit einem Messer rumgefuchtelt und den Mann mit einem Kehrbesen links und rechts Schläge auf die Ohren versetzt haben.

Da kam einiges zusammen für die Hauptverhandlung im Mühldorfer Amtsgericht, in der ein 40-jähriger Rumäne dem Vorwurf der körperlichen Körperverletzung ausgesetzt war.

Dolmetscherin statt eines Anwalts

Der Waldkraiburger war ohne Anwalt erschienen, hatte stattdessen eine Dolmetscherin neben sich sitzen, die zwischen Richter Florian Greifenstein und dem Angeklagten Cosmin T. (Name von der Redaktion geändert) übersetzte – der Vater von vier Kindern spricht kaum ein Wort Deutsch. Und so zeigte er sich anfangs auch verwundert darüber, dass er der Angeklagte sein soll.

Dabei füllen die Vorwürfe, die Staatsanwältin Finsterwalder eingangs der Verhandlung vortrug, fast eine ganze DIN A 4-Seite. Am 18. April 2021 haben sich demnach Cosmin T. und einige Arbeitskollegen in einem neu erworbenen Haus eines weiteren Kollegen getroffen, um es zu streichen. Dabei war es zum Streit zwischen dem Angeklagten und einem seiner Kollegen gekommen. In dessen Verlauf soll Cosmin T. den Geschädigten mit beiden Händen an der Brust gepackt, gegen eine Wand gestoßen und ihm einen Kopfstoß versetzt haben. Als der Geschädigte daraufhin laut Anklageschrift aus der Wohnung flüchten und Hilfe holen wollte, soll ihm Cosmin T. nachgesetzt und ihn zurückgezogen haben. „Niemand verlässt die Wohnung“, soll er dem Geschädigten zugerufen und danach mehrmals geohrfeigt haben.

Als sein Opfer zu Boden ging, soll er ihm noch Fußtritte gegen den Kopf verpasst haben, die der am Boden liegende mit den Unterarmen abgewehrt haben soll. Prellungen in der Brust sollen die Folge gewesen sein. „Bleib am Boden“, soll Cosmin T. seinem Opfer befehligt haben, um ihn dann auch noch zu filmen. Mit der anderen Hand soll er inzwischen mit einem Taschenmesser rumgefuchtelt haben. Zuletzt, so die Staatsanwältin weiter, habe er dem Geschädigten mit einer Plastikkehrschaufel je einmal rechts und links auf die Ohren geschlagen. Prellungen, Schmerzen im Rippenbereich und am linken Ohr wurden als Folgen protokolliert.

Kopfschütteln, Unglaube und Zurückweisen

Während die Staatsanwältin die Litanei an Vergehen vortrug und die Übersetzerin dies ins Rumänische übertrug, reagierte der Rumäne mit Kopfschütteln, grinste einmal ungläubig und zurückweisend. Ja, sagte er später zu Richter Greifenstein, man habe sich getroffen. Man sei zu fünft gewesen, habe schon während der Arbeiten im Haus getrunken, der eine mehr, der andere weniger. Man habe begonnen zu schubsen und zu schlagen. Dass er jedoch jemanden ernsthaft verletzt haben soll, daran wollte sich der Vater von vier Kindern nicht mehr erinnern.

„Wenn niemand geschlagen wurde: Warum kam dann die Polizei?“, fragte Greifenstein. „Das weiß ich nicht. Die muss wohl jemand alarmiert haben“, zuckte Cosmin T. mit den Schultern. Er verwies darauf, dass die eintreffenden Polizeibeamten, sogar die Hände aller kontrolliert hätten, um Spuren von Schlägen zu entdecken. Er jedenfalls fühlte sich nicht schuldig.

Der 31-jährige Polizeibeamte, der als Zeuge in den Gerichtssaal gekommen war, berichtete davon, dass man fünf Männer vorgefunden habe, die offenbar feucht-fröhlich gefeiert hatten. „Sie waren stark alkoholisiert, weigerten sich aber, einen Alkoholtest durchführen zu lassen!“ Der Verletzte, der sich während der Kontrolle durch die Polizei die Rippen gehalten hatte, habe keine offensichtlichen Verletzungen aufgewiesen, sei aber ins Krankenhaus gebracht worden, wo er sich dann aber ziemlich unkooperativ gezeigt haben soll. Richter Greifenstein zitierte aus dem Protokoll, dass sich der mutmaßlich Verletzte abweisend auf die Untersuchungen reagiert habe. Ein Arzt habe sogar von einem „unzumutbarem Verhalten gegenüber dem arbeitendem Volk“ gesprochen. Ein rotes Auge taucht im Attest auf, „das durchaus auch ein Schnapsauge sein kann“, bemerkte Richter Greifenstein.

Geschädigter blieb Verhandlung fern

Der zweite Zeuge, ein 41-jähriger Polizeibeamter, berichtete, dass die anderen drei Personen im Raum laut deren Aussage nichts von den Streitigkeiten mitbekommen hätten. Es ließ sich auch nicht nachweisen, ob der Angeklagte tatsächlich die Tat gefilmt und ins Netz für jedermann zugänglich gestellt habe. Dass er das Opfer als „Sklave“ bezeichnet habe, ließ sich nicht verifizieren, so der Polizist weiter. Das grundsätzliche Problem: Der offenbar Geschädigte konnte zu den Vorfällen im April 2021 ereignet haben sollen, nichts sagen, weil er der Gerichtsverhandlung ferngeblieben war. Das kann er am Donnerstag, 8. September um 13.30 Uhr nachholen. Diesen Termin hat Richter Greifenstein nämlich als Fortsetzungstermin gesetzt, an dem der Geschädigte auch zu erscheinen habe. Erst dann werde wohl Klarheit geschaffen, was am 18. April 2021 tatsächlich passiert ist.

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