Durch die Hölle gegangen

Viele Schüler suchten nach dem Zeitzeugengespräch noch den persönlichen Kontakt mit Leslie Schwartz (links) und trugen einen Gedanken oder eine Widmung in ein eigens mitgeführtes Büchlein des Referenten ein. Stellvertretender Schulleiter Helmut Wittmann (Zweiter von links) freute sich sehr über das gelungene Projekt seiner Schule. Foto Basler
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Viele Schüler suchten nach dem Zeitzeugengespräch noch den persönlichen Kontakt mit Leslie Schwartz (links) und trugen einen Gedanken oder eine Widmung in ein eigens mitgeführtes Büchlein des Referenten ein. Stellvertretender Schulleiter Helmut Wittmann (Zweiter von links) freute sich sehr über das gelungene Projekt seiner Schule. Foto Basler

Der 85-jährige Leslie Schwartz, einer der beiden letzten noch lebenden Häftlinge aus dem als Todeslager berüchtigten Konzentrationslager Mittergars, wurde im Rahmen eines von Oberstudienrat Martin Göller geleiteten größeren Projektes ans Gymnasium Gars eingeladen und faszinierte die Schüler der neunten bis elften Klassen beim Zeitzeugengespräch in der voll besetzten Turnhalle. Gars - Leslie Schwartz entschloss sich vor rund fünf Jahren, seine Erfahrungen mit dem Holocaust weiterzugeben, als er dem bekannten Zeitzeugen Max Mannheimer wieder begegnet war, den er aus der gemeinsamen Lagerzeit in Dachau kannte: "Ich bin froh, dass ich überlebt habe und heute über das unendliche Grauen berichten kann.

Für mich ist das jetzt wie ein wundervoller Heilungsprozess in Zusammenarbeit mit der deutschen Jugend", erklärt er.

In Dachau und Auschwitz-Birkenau

Schwartz faszinierte die Schüler des Gymnasiums Gars durch seinen unbeugsamen Willen zum Durchhalten in den aussichtslosesten Situationen - sowohl während seiner Stationen im KZ als auch während des Bahn-Abtransports wenige Tage vor Kriegsende. "Mein Vater hatte mich glücklicherweise sehr zur Disziplin erzogen, das kam mir zugute. Ich kämpfte stets ums Überleben."

Leslie Schwartz heißt eigentlich Laszlo Schwartz und wurde im Januar 1930 als Sohn ungarischer Juden in einer Kleinstadt östlich von Debrecen geboren. Im Frühjahr 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht Ungarn, die Familie wurde vertrieben und ins Ghetto gebracht, dann nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Mutter und Schwestern vergaste man, Leslie kam erst in die Kinderbaracke, dann ins Arbeitslager und schließlich ins KZ Dachau. Dort wurde er bei einem Gewicht von nur noch 34 Kilo zur Trümmerbeseitigung in München eingesetzt und schleppte Zementsäcke in Allach. Stets war er der Jüngste unter den Zwangsarbeitern. Ende 1944 landete er im Lager Mittergars, arbeitete am Bau der dritten Gleisanlage am Bahnhof Jettenbach mit.

Der Film des Bayerischen Fernsehens "Der Mühldorfer Todeszug" beschreibt die Leidensstationen während des sich Ende April 1945 anschließenden Bahntransportes bis nach Seeshaupt. Der Film entstand nach Schüler-Recherchen im Rahmen eines Projektes am Franz-Marc-Gymnasium Markt Schwaben und wurde auch beim Zeitzeugengespräch in Gars gezeigt.

Beim mehrtägigen Aufenthalt dieses Zuges in Poing wegen eines Lokdefektes, verbreitete sich das Gerücht, dass der Zweite Weltkrieg vorbei sei. Viele Gefangene flohen, wurden jedoch auf der Flucht erschossen. Leslie Schwartz kam nach dem Massaker zunächst auf einem Bauernhof unter, wurde dann doch noch von einem jungen Soldaten angeschossen. Das war erst der Anfang des Leidensweges, der auch Tieffliegerangriffe auf dem Transport beinhaltete: "Wir waren insgesamt fast fünf Tage ohne Verpflegung und Trinken und natürlich ohne Toiletten in den Waggons", erzählt Schwartz. Erst am 30. April wurden die Gefangenen dann von amerikanischen Truppen in der Nähe des Tutzinger Bahnhofs befreit. Die Operation der Schusswunde und eine Typhusbehandlung bei Leslie Schwartz folgten.

Er kehrte anschließend noch einmal in seine ungarische Heimat zurück, bevor er Ende Juli 1946 zu seinen Verwandten in die USA ausreiste. Der 2010 verstorbene Tony Curtis alias Bernard Schwartz war übrigens sein Cousin. Heute lebt Leslie Schwartz abwechselnd in Deutschland und in den USA. Er veröffentlichte seine Erinnerungen unter dem Buchtitel "Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau - ein Junge erkämpft sein Überleben" 2007 auf Dänisch und 2010 auf Deutsch.

Erinnerungen

veröffentlicht

Die Schüler des Gymnasiums Gars stellten ihm viele Fragen, am Ende gab es einen Riesenapplaus für Leslie Schwartz. Sehr viele Zuhörer reihten sich dann in eine lange Warteschlange ein, um der Bitte nach dem Eintrag eines Gedankens oder einer Widmung in ein eigens dafür mitgeführtes persönliches Buch nachzukommen.

Stellvertretender Schulleiter Helmut Wittmann formulierte dazu auch sein Dankes- und Schlusswort: "Zeitzeugenarbeit wirkt sehr nachhaltig, vor allem bei Persönlichkeiten wie Leslie Schwartz, der die physische und psychische Kraft hat die Ereignisse so gut aufzubereiten. Das Gymnasium Gars hat große Hochachtung vor Ihnen".

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