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Von Waldkraiburg in die ganze Welt

„Die Saudis waren verrückt danach“: Die Geschichte der Waldkraiburger Glasfirma Füger

Mit Serien wie „Alt-Wien“ war die Füger KG in den 1960er-Jahren im In- und Ausland erfolgreich. Der Glaskatalog aus dem Firmenarchiv weist für die Stücke Preise zwischen 69 und 110 Mark aus.
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Mit Serien wie „Alt-Wien“ war die Füger KG in den 1960er-Jahren im In- und Ausland erfolgreich. Der Glaskatalog aus dem Firmenarchiv weist für die Stücke Preise zwischen 69 und 110 Mark aus.
  • Hans Grundner
    VonHans Grundner
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Sie gingen von Waldkraiburg in die ganze Welt: die Produkte der Waldkraiburger Firma Füger. „Kistenweise haben wir Gläser in die USA und in den Fernen Osten geliefert. Auch die Saudis waren verrückt danach“, sagt Birgitt Hübner, die das Firmenarchiv der Stadt überlassen hat.

Waldkraiburg – Es sind zwei große Schachteln, gefüllt mit viel Papier, Briefen, Couverts, Katalogen, Zeichnungen. Doch für Stadtarchivar Konrad Kern sind sie kleine Schatzkästchen, weil sie einen Einblick in die Geschichte der Firma Füger gewähren, das letzte große Glasunternehmen, das erst 1990 den Betrieb ein stellte.

Stadtarchivar Konrad Kern präsentiert eine der Musterzeichnungen, nach deren Vorbild eine Glasvase bemalt wurde.

Nach der Vertreibung an die alten internationalen Geschäftsverbindungen angeküoft

Besonders aufschlussreich ist der Schriftverkehr aus der frühen Nachkriegszeit, als sich das Unternehmen nach der Vertreibung neu aufstellen musste. Die Briefe tragen noch den Kopf der Firma, die in Steinschönau, einer bedeutenden Glasstadt in Nordböhmen, 1922 gegründet worden war.

Den Aufschwung des Betriebes hatte selbst die Weltwirtschaftskrise 1929/30 nicht bremsen können. Und noch im Krieg habe die exportorientierte Firma Kunden in den besetzten und neutralen Staaten beliefert, so Kern. An diese alten Geschäftsverbindungen konnte das Unternehmen auch nach der Enteignung und der Vertreibung anknüpfen.

Die Kleider auf dem Leib, Verpflegung für sieben Tage, 100 Reichsmark und die Lebensmittelkarten durften die Familien von Franz und Adolf Füger bei ihrer Ausweisung im Sommer 1945 mitnehmen, wie Karsten Karstens, der ehemalige Leiter der Glassammlung, dem heutigen Glasmuseum im Haus der Kultur, in einem Artikel in der Reihe „Unser Waldkraiburg“ schreibt. Franz Füger der Ältere musste noch bis 1947 als „unentbehrlicher Facharbeiter“ in der Tschechoslowakei bleiben, Franz Füger junior gelang 1946 die Flucht in den Westen.

Dort hatte Adolf Füger bereits zwei Monate nach der Vertreibung die Geschäfte wieder aufnehmen können, unter ungewöhnlich glücklichen Umständen.

Zu ihren besten Zeiten beschäftigte die Firma in Waldkraiburg fast 100 Mitarbeiter. Hier ein Blick in die Graveurwerkstatt.

Archivar: Die Geschichte ist abenteuerlich

Archivar Kern spricht von einer „abenteuerlichen Geschichte.“ Adolf Füger hörte von einer Sendung Füger-Glas, die die US-Streitkräfte in Hof beschlagnahmt hatten. Die 27 Kisten sollten 1944 eigentlich nach Griechenland gehen, blieben aber liegen, weil kein sicherer Transportweg mehr offen war. Füger kauft seine eigene Ware zurück, gewinnt die US-Army dafür, das Glas nach Weiden zu transportieren, wo er den Verkauf wieder aufleben lässt. 1946 nahm die neue Werkstatt in Vohenstrauß den Betrieb auf.

Standortvorteile in Waldkraiburg

Doch acht Jahre später wechselte die Firma nach Waldkraiburg, um dort Standortvorteile zu nutzen, allen voran eine eigene Glashütte, die auf kurzem Weg das Rohglas lieferte. Außerdem waren in der Stadt weitere Glasveredler ansässig, es gab eine Infrastruktur aus Firmen, die etwa die Holzwolle für die Verpackung herstellten.

Insgesamt lebten laut Kern in Waldkraiburg zur Blütezeit wohl an die tausend Arbeitskräfte vom Glas. Kataloge und eine umfangreiche Sammlung von Form- und Musterzeichnungen, nach deren Vorbild die Glasmaler die Bilder aufbrachten, ist ein Schwerpunkt des Firmenarchivs und steht für die blühende Entwicklung der „Gebrüder Füger Glaswarenfabrikation“.

Kunden in fast 70 Ländern

Zur besten Zeit in den 1960er-Jahren belieferte sie Kunden in fast 70 Ländern auf allen Kontinenten und beschäftigte an die hundert Mitarbeiter, unter ihnen auch Birgitt Hübner, die ihre Lehre im väterlichen Betrieb machte, in den sie später zurückkehrte. „Damals war noch viel los, alle Werkstätten gut besetzt“, erzählt die 73-Jährige.

Der Niedergang der Glasindustrie

Doch schon wenige Jahre danach begann der Niedergang der Glasindustrie. Der Markt für Glas aus Waldkraiburg brach regelrecht ein, wegen des Konkurrenzdrucks durch Billiglohnländer, nicht zuletzt aus tschechischen Kombinaten, wegen der Abwertung des US-Dollars und der ständig steigenden Lohnkosten. Zudem stellte 1970 die Waldkraiburger Hütte den Betrieb ein.

Noch bis 1990 konnte sich das Unternehmen halten. „Von den größeren Firmen waren wir die letzten in Waldkraiburg“, sagt Birgitt Hübner, die das Firmenarchiv der Stadt überlassen hat. Sehr zur Freude des Stadtarchivars. Denn obwohl die Stadtgeschichte ganz wesentlich durch große Unternehmen geprägt wird, sind solche Firmenarchive rar im Rathaus.

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