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Die Euphorie ist vorbei

Deutsch-französische Partnerschaften in Waldkraiburg, Jettenbach und Gars leiden nicht nur unter Corona

Im Mai 2018 tanzten die 50 Garser mit ihren Gastgebern in Azay-le-Ferron um den Maibaum. Seitdem gab es keinen Besuch mehr in Frankreich. Corona erweist sich als Beziehungskiller.
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Im Mai 2018 tanzten die 50 Garser mit ihren Gastgebern in Azay-le-Ferron um den Maibaum. Seitdem gab es keinen Besuch mehr in Frankreich. Corona erweist sich als Beziehungskiller.
  • Hans Grundner
    VonHans Grundner
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Keine gegenseitigen Besuche, keine gemeinsamen Projekte und keine tieferen Kontakte über Grenzen hinweg – spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie haben es Städte- und Gemeindepartnerschaften im Landkreis schwer. Doch die Pandemie ist nicht der einzige Grund, warum länderübergreifende Freundschaften leiden.

Waldkraiburg/Jettenbach/Gars – Die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie haben auch die deutsch-französischen Städte- und Gemeindepartnerschaften im Landkreis mit voller Wucht getroffen. Begegnungsfahrten wurden verschoben, Projekte gestoppt, die Kontakte kamen zum Erliegen. Wie und ob es weitergeht mit den länderübegreifenden Beziehungen, das fragen heute Frankreich-Freunde in Waldkraiburg, Jettenbach und Gars. Denn: Schon vor Corona hatten die kommunalen Partnerschaften mit Problemen zu kämpfen.

Feierlicher Moment: Bürgermeister Gabriel Usclade (links) aus St. Saturnin und Georg Köllerer aus Jettenbach besiegelten 1978 die Verschwisterung der beiden Gemeinden.

Was waren das für Zeiten, als Gabriel Usclade, der Bürgermeister von St. Saturnin in der Auvergne, und Georg Köllerer, sein Jettenbacher Amtskollege, 1978 mit großer Geste die Verschwisterung der beiden Gemeinden besiegelten und die erste deutsch-französische Partnerschaft im Landkreis begründeten. Sie gehörten einer Generation an, der die deutsch-französische Aussöhnung ein Herzensanliegen war und alles andere als selbstverständlich.

Einst attraktiv für junge Leute

„Die Euphorie der 1950er, 60er- und 70er-Jahre ist vorbei“, sagt Sigmund Hümmrich-Welt. Der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Waldkraiburg-Sartrouville gehört zu jenen, die sich von der damaligen Stimmung haben mitreißen lassen, als Kanzler Adenauer und Frankreichs Präsident de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag schlossen, um die Gräben zwischen den ehemaligen Erbfeinden ein für alle Mal zuzuschütten. Die Gründung zahlreicher kommunaler Partnerschaften war die Folge.

Es kam hinzu: „Frankreich hatte auf die jungen Leute eine große Anziehungskraft. Frankreich war führend in der Jugendkultur“, so Hümmrich-Welt. „Heute gibt es Erasmus und Au pair. Da sind die Städtepartnerschaften nicht mehr so wichtig.“

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Der Austausch zwischen der Waldkraiburger Realschule und einem Collège in Sartrouville, der eine tragende Säule der Partnerschaft war, ist zum Erliegen gekommen. Seit den Terroranschlägen in Paris im Jahr 2016 habe es keine Besuche mehr gegeben, so Französischlehrerin Dagmar Neun. Sie sieht auch aktuell keine Perspektive für einen Neustart.

„Das Interesse der Schüler am Austausch hat abgenommen.“ Viele seien zu bequem. Bei Verständigungsproblemen werde da auf den Lehrer oder Englisch zurückgegriffen. Allerdings stellt Realschul-Rektor Werner Groß in den letzten Jahren keinen Einbruch bei der Wahl des Faches Französisch fest.

Längst machen Jugendliche in den entlegensten Regionen der Welt Urlaub. „Damals waren junge Leute noch mit der Aussicht zu begeistern, sie dürfen nach Frankreich fahren“, sagt Maria Maier. Auch die Jettenbacher Bürgermeisterin macht sich Sorgen um die Zukunft der Partnerschaft.

Kein Gegenbesuch seit drei Jahren

Wegen der Pandemie sei seit dem Jubiläumsfest in Jettenbach vor drei Jahren kein Gegenbesuch in der Auvergne möglich. „Auch heuer ist das zu gefährlich.“ Zudem stelle sich die Frage, wer die Strapazen einer langen Busfahrt noch auf sich nehmen kann. Der Partnerschaftsverein leide unter Überalterung. Er brauche Nachwuchs, einen Generationenwechsel.

Auch dem Partnerschaftsverein in Gars, das seit 1986 mit Azay-le-ferron verbandelt ist, mache die Altersstruktur zu schaffen, bestätigt Geschäftsführer Bruno Münch. Ein seit Langem geplanter Besuch in Azay wird seit 2020 von Jahr zu Jahr verschoben. „2022 wird es nicht leichter.“ Ob die Freundschaft Corona überstehe, wisse kein Mensch. „Ein zündendes Konzept hat keiner.“

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Münch hat zudem den Eindruck, dass die EU bei der Förderung deutsch-französische Projekte und Veranstaltungen mittlerweile eher stiefmütterlich behandelt. Zwei Zuschussanträge habe er zuletzt vergeblich gestellt, höre das auch von anderen Vereinen. Die Union lege den Fokus auf Kontakte mit östlichen Ländern, wo es Nachholbedarf gebe.

„Im Endeffekt sind wir Opfer des Erfolgs“, glaubt Sigmund Hümmrich-Welt. „So selbstverständlich ist das Miteinander und die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich geworden.“

„Die Euphorie der 1950er, 60er- und 70er-Jahre ist vorbei“, sagt Sigmund Hümmrich-Welt, Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Waldkraiburg-Sartrouville. Wichtig seien die Beziehungen aber nach wie vor.

Was trotz allem Hoffnung macht

Trotz der schwierigen Umstände haben die Verantwortlichen in den Partnerschaftsvereinen die deutsch-französische Sache noch lange nicht aufgegeben.

Bruno Münch steht noch immer unter dem Eindruck einer Zoom-Konferenz vor ein paar Wochen. 13 Leute, Deutsche und Franzosen, haben mit großem Interesse daran teil genommen und überlegt, wie es weiter gehen kann. Es gebe einzelne Familien, die den Partnerschaftsverein nicht mehr brauchen, um Kontakt zu pflegen. Und: „Bisher waren die Gastfamilien bei uns nicht im Hotel, sondern in Familien untergebracht. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Und darauf sind wir stolz.“

Auch Jettenbach Bürgermeisterin Maier hofft darauf, verweist darauf, dass in den 40 Jahren echte Freundschaften gewachsen seien, auf die sich aufbauen lässt.

Sigmund Hümmrich-Welt bedauert, dass in Waldkraiburg die Partnerschaft von Anfang an zu sehr institutionalisiert gewesen sei, „auf offizieller Ebene. Die Stadträte kamen meistens im Hotel unter“.

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Dabei seien persönliche Beziehungen, Alltagsbegegnungen entscheidend. Er möchte sie wieder vom Kopf auf die Füße stellen, um sie mit neuem Leben zu erfüllen. Mit erfolgreichen Aktionen, wie dem „Frühstückskino“ mit französischem Film und französischen Croissants, will er wieder interessierte Leute gewinnen. Gerne würde er auch – sobald das möglich ist – einen Polizisten oder Handwerker aus der Partnerstadt einladen und über ihren Alltag berichten lassen.

Da s Thema Sprache, das so viele als die große Hürde empfinden, ist für ihn nicht das entscheidende Problem. „Ich halte die Partnerschaften nach wie vor für wichtig, weil sie echte Begegnung mit Menschen aus einem anderen europäischen Land erleichtern. Auch wenn wir dabei Englisch sprechen, findet diese Begegnung statt.“

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