Nach vier Jahrzehnten

Der Waldkraiburger Radlprofi geht in Ruhestand: Ehepaar Weidl übergibt Geschäft

Nach 38 Jahren als Waldkraiburger „Radlprofi“ ist Schluss: Ernst Weidl (rechts) mit seinem Nachfolger David Rieger in der Werkstatt.
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Nach 38 Jahren als Waldkraiburger „Radlprofi“ ist Schluss: Ernst Weidl (rechts) mit seinem Nachfolger David Rieger in der Werkstatt.

Radl und Weidl – das gehört in Waldkraiburg zusammen – seit fast vier Jahrzehnten. Jetzt hören Ernst Weidl und die gute Seele des „Radlprofi“, seine Ehefrau Heidi, nach 38 Jahren auf. Für den Ruhestand gibt es schon Pläne – eine ausgedehnte Radtour durch Deutschland gehört dazu.

Waldkraiburg – Mit „allem, was Zweirad heißt“ startete Ernst Weidl, damals noch in der Daimlerstraße, am 1. Januar 1982: hauptsächlich mit Motorrädern, Puch, BMW, Hercules, Rollern, auch Fahrräder. „Ich habe den Verkauf übernommen, das Büro geschmissen, zuerst halbtags, bald in Vollzeit“, erzählt Heidi Weidl.

Motorräder: Im Frühjahr war die Hölle los

Ihr Mann war Mechaniker und hat repariert, zusammengebaut und eingestellt. Das Geschäft hat in all den Jahren immer genug abgeworfen, um die Familie zu ernähren.

Das Verhältnis ist bestens: Ernst Weidl mit seinem Gesellen David Rieger, der das Geschäft übernehmen will.

„Das mit den Motorrädern war sehr saisonal“, erinnert sich der „Radlprofi“. „Im Frühjahr bin ich um sieben in die Arbeit und um zehn wieder heim.“ Man habe die Kunden schon im Herbst wegen des Service oder Reparaturen angeschrieben, aber im Frühjahr seien alle auf einmal gekommen.

Vor 25 Jahren ganz aufs Radl gesetzt

Deshalb habe man sich nach und nach auf Fahrräder verlegt und das vor 25 Jahren 1995 zum Hauptgeschäft gemacht. In diesem Jahr zog das Fahrradgeschäft in die Beethovenstraße um. Während sein Sohn anfangs noch öfter in der Werkstatt half, war schnell klar, dass sich für die beiden Kinder eine andere Zukunft abzeichnete. Die Tochter ist mittlerweile Ärztin, der Sohn Wirtschaftsdiplomingenieur. Beide sind weggezogen.

Ihr Geselle will den Laden übernehmen

Dafür haben die Weidls seit zehn Jahren mit David Rieger einen Mitarbeiter, der so gut wie zur Familie gehört. Er hat bei ihnen Zweiradmechaniker gelernt, hat sogar den Niederbayerischen Staatspreis bekommen und wird das Geschäft übernehmen. Rieger macht gerade seine Meisterausbildung. In dieser Zeit, also den nächsten beiden Jahren, werden die Weidls noch viel in Laden und Werkstatt aushelfen. Das Verhältnis ist sehr gut. „A gscheide Schelln und dann passt das“, frotzelt der scheidende Inhaber mit einem Augenzwinkern.

Pedelecs und S-Pedelecs auf der Überholspur

Das Geschäft hat sich wieder gewandelt. Die Pedelecs und S-Pedelecs, also was gemeinhin als E-Bike bezeichnet wird, aber eigentlich keines ist, kamen in den letzten Jahren verstärkt und besonders im laufenden Corona-Jahr dazu.

Noch nie so viele Räder verkauft wie am 27. April 2020

„In normalen Jahren hält sich das mit Fahrrädern in etwa die Waage, aber heuer ist es durch den Boom noch mehr“, überlegt Heidi Weidl. „Auf jeden Fall haben wir noch nie so viel verkauft wie am 27. April, dem Tag nach dem ersten Lockdown. Das waren über 35 Räder. Wir hatten eine Riesenschlange vor dem Geschäft und haben von früh bis spät verkauft. Diese ganze Woche war sehr stressig.“ Corona macht sich auch weiter bemerkbar. Man habe das ganze Jahr über mit Lieferengpässen zu kämpfen gehabt.

Zunehmende Konkurrenz durch das Internet

Das Internet hat sich im Verkauf in den letzten Jahren verstärkt bemerkbar gemacht. „Wir haben einen sehr treuen Kundenstamm, auch sehr viele Leute aus dem Umland“, sagt Weidl. „Aber die Waldkraiburger sieht man auch gerne mal weiter weg beim Einkaufen oder sie kaufen im Internet. Wir haben uns immer bemüht, den Wandel der Zeit zu gestalten. Aber im Internet lässt man sich leicht von Preis und Optik blenden.“

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So wie der Verkauf weniger wurde, ist die Werkstattauslastung mit der Zeit nach oben gegangen. Die Endmontage ist oft das Problem, wenn Räder heutzutage aus dem Internet bestellt werden, manchmal direkt aus Asien.

Endmontage: Problem bei Online-Rädern

„Wir hatten schon Kunden hier stehen, die haben uns ein Paket hingelegt und wollten, dass wir es nun zusammenbauen. Dann kommt es vor, dass die Teile nicht so ganz zusammenpassen und man es nicht ordentlich einstellen kann.

Bei den Rädern, die online gekauft werden, heiße es ja oft, sie seien zu 95 Prozent montiert, sagt Weidl aus Erfahrung: „Für diese letzten fünf Prozent brauchen wir hier im Durchschnitt aber eine Stunde. Also besser gleich beim Fachmann kaufen, da kann man auch ausprobieren.“

5000 Kilometer mit dem Radl durch Deutschland

Und was hat sich das Ehepaar nach 38 Jahren im Zweiradgeschäft denn nun für den wohlverdienten Ruhestand vorgenommen? „Ich möchte 5000 Kilometer mit dem Rad durch Deutschland fahren“, sagt Heidi Weidl. „Gesund bleiben, die Freizeit genießen.“ Ernst Weidl schnauft tief durch. „Da weiß ich, was mir blüht“, lacht er.

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