Von "Der große Treck" distanziert

Wie "Der große Treck" (Bild) zur "Flucht" wurde, und warum die Stadt Waldkraiburg sich heute von dem Staeger-Bild, das 40 Jahre im Sitzungssaal hing, distanziert. Professor Ferdinand Staeger (rechts) ist hier vor seinem Gemälde zu sehen. Er starb 1976 in Waldkraiburg. Seine Biografie wirft Fragen auf. Foto Stadtbuch
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Wie "Der große Treck" (Bild) zur "Flucht" wurde, und warum die Stadt Waldkraiburg sich heute von dem Staeger-Bild, das 40 Jahre im Sitzungssaal hing, distanziert. Professor Ferdinand Staeger (rechts) ist hier vor seinem Gemälde zu sehen. Er starb 1976 in Waldkraiburg. Seine Biografie wirft Fragen auf. Foto Stadtbuch

Das Bild "Flucht", das 40 Jahre im Sitzungssaal des Waldkraiburger Rathauses hing, gehörte ursprünglich Arthur Greiser, Warthegauleiter, Nazischerge und hingerichteter Kriegsverbrecher. Seit Kurzem sind die Akten dazu einsehbar. Die Stadt hat das Gemälde, das Professor Ferdinand Staeger um 1943 geschaffen hatte, entfernen lassen, um sich davon zu distanzieren. "Wir haben sofort nach Kenntnis der tatsächlichen Umstände gehandelt", teilt Bürgermeister Siegfried Klika mit.

Waldkraiburg - Vermutungen über den Ursprung des Bildes gab es schon länger. Nun gibt es Gewissheit und die Stadt will sich von dem Gemälde distanzieren, wie Bürgermeister Siegfried Klika auf Anfrage mitteilt. Es wurde abgehängt und eingelagert.

Stadtarchivar Konrad Kern und Museumsleiterin Elke Keiper forschten im Hauptstaatsarchiv in München und im Sudetendeutschen Archiv und präsentierten ihre Ergebnisse im Kulturausschuss, wie Keiper berichtet. Daraufhin wurde das Bild entfernt.

2005 gab es eine große Staeger-Ausstellung im Haus der Kultur zum 125. Geburtstag des sudetendeutschen Künstlers, der zuletzt in Waldkraiburg lebte und 1976 hier starb. Private Sammler stellten ihre Staeger-Gemälde zur Verfügung.

40 Jahre hing das Werk "Flucht" im Sitzungssaal der Stadt. Es strahlte eine "düstere, eindrucksvolle Stimmung der Flucht aus", wie Klika sagt. Dass Staeger das Gemälde, das ursprünglich "Der große Treck" hieß und 1944 in der Großen Deutschen Kunstausstellung (GDK) im Haus der Kunst in München hing, nach dem Krieg in "Flucht" umtaufte und es in den 60er-Jahren an Waldkraiburg verkaufte, beurteilt Klika so: "Man muss sein Tun aus der Not heraus betrachten".

Denn die Kunst Staegers war nach dem Krieg nicht mehr gefragt und er verarmte. Auch vor dem Krieg hatte er Probleme, seine gegenständliche Malerei, die im Traditionalismus verankert war, an den Mann zu bringen. Als die Nazis an die Macht kamen, fand Staeger sein Publikum, so Keiper.

Laut Sabine Brantl, Historikerin im Archiv des Hauses der Kunst, war Staegers Pragmatismus gar nicht so ungewöhnlich. "So manches Bild aus den Großen Deutschen Kunstausstellungen wurde nach dem Krieg umbenannt, wenn es irgendwie zum Thema passte." Wie im Falle Waldkraiburgs, denn das Bild sollte das Schicksal der Vertreibung aus der Heimat darstellen.

Das Werk, das ursprünglich "Der große Treck" hieß, hat Ferdinand Staeger im Auftrag von Arthur Greiser gemalt. Die Erkenntnis, dass Greiser der Eigentümer war, ist neu für die Stadt Waldkraiburg und war Grundlage für die Entscheidung, das Bild zu entfernen.

Greiser war Reichsstatthalter und Gauleiter der NSDAP im von den Deutschen besetzten Reichsgau Wartheland von 1939 bis 1945. Das Bild wollte er in seinen Palast in Posen hängen. Es gelangte aber nie dort hin.

Zu sehen ist darauf der Auszug der Wolhynien-Deutschen nach dem Pakt zwischen Hitler und Stalin. So wurden "Deutsche Volkssplitter" wieder "heim ins Reich" geholt. "Der große Treck" fand 1940 statt und war gut organisiert. Gezielt wurden die Wolhynien-Deutschen im Warthegau angesiedelt - die Polen vertrieb man aus ihren Häusern dort, um die Neuankömmlinge gut unterzubringen. Maßgeblich an der Organisation beteiligt war Arthur Greiser.

Um 1943 gab er bei Staeger das Gemälde in Auftrag; es hatte einen Wert von 25000 Reichsmark. Das geht aus den Akten des Hauses der Kunst in München hervor, die zum Teil im Hauptstaatsarchiv eingelagert sind.

Hitler wollte mit den GDK die Bevölkerung für die moderne nationale Kunst begeistern, sie galten als Leistungsschau der Kunst des Nationalsozialismus. Wer was ausstellen durfte, entschied eine Jury - die ausschlaggebende Stimme hatte Adolf Hitler. Er war ein Gönner und Förderer von Staegers Kunst, der in diesen Ausstellungen viele Werke zeigen durfte. Hitler ließ sich auch von ihm porträtieren. Aus dem "Völkischen Beobachter" geht hervor, dass 1938 der Künstler den Ehrentitel "Professor" verliehen bekam - an Hitlers Geburtstag. Und diesen hat Staeger auch nach dem Krieg nicht abgelegt.

Dass Ferdinand Staeger ein "politisch zuverlässiger Mann und Parteigenosse" war - darüber schrieb Otto Thomae in seinem Buch "Die Propagandamaschinerie - Bildende Kunst und Öffentlichkeitsarbeit im Dritten Reich".

Das Haus der Kunst ging vergangenen Herbst mit einer Recherche-Datenbank online. Auf der Webseite von "GDK Research" kann man Pläne der Ausstellungssäle der GDK von 1937 bis 1944 einsehen sowie die meisten Exponate. Sie ermöglicht die systematische Suche nach Künstlern, Themen oder etwa Käufern und ist ein Gemeinschaftsprojekt des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, des Deutschen Historischen Museums und des Hauses der Kunst. "Der große Treck war als unverkäuflich deklariert", erklärt Sabine Brantl vom Archiv des Hauses der Kunst.

Nach dem Krieg gelangte das Gemälde nicht nach Posen, wie es sein Eigentümer gewollt hatte, denn Arthur Greiser wurde wegen des hunderttausendfachen Massenmordes, der massenhaften Deportation von Polen zur Zwangsarbeit und der Ausplünderung des polnischen Volkes als Kriegsverbrecher angeklagt und 1946 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

"Der große Treck" wurde bei Kriegsende im Haus der Kunst von US-Soldaten mit Schüssen und Messerschlitzen beschädigt. Staeger holte es sich zurück und restaurierte es. In den 1960er-Jahren verkaufte er es an die Stadt Waldkraiburg.

Für Klika waren die neuen Erkenntnisse "heikel", denn bei allem was eine Nähe zum Nationalsozialismus habe, sei man gut beraten, es aus der Öffentlichkeit zu entfernen. "Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, dass wir uns damit identifizieren."

Staeger sei ein Kind seiner Zeit gewesen. Nach dem Krieg habe er aus der Not eine Tugend gemacht. Elke Keiper, die nun viel recherchiert hat, stellt fest, dass im Bezug auf die Rolle Staegers im Nationalsozialismus noch viele Fragen offen seien und diese ein interessantes Thema für eine Forschungsarbeit wären.

Politisch sei er nicht gewesen, habe er mal gesagt. Aber "er war intensiv mit dem System mitgegangen", was sie nicht weiter bewerten will.

Es sei zeittypisch gewesen, sich nach dem Krieg vieles zurechtgelegt und das dann selbst geglaubt zu haben. Ein Blick in die Entnazifizierungsakten bestärke ihr Gefühl, dass er sich seine Wirklichkeit zurechtgerückt habe. Er habe sich hinterher nicht mehr so recht erinnern können an seine Verbindung mit dem System, wie Keiper in Gesprächen mit Zeitzeugen gehört habe. "Wir bleiben dran und recherchieren weiter", verspricht sie. kla

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