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FAN-ARTIKEL ALS LADENHÜTER

Das Sommermärchen war einmal: Bei Waldkraiburger Fußball-Fans kommt keine EM-Euphorie auf

Die Geschäfte bei Intersport Schäftlmaier laufen gut, seit die Corona-Lockerungen greifen. Doch EM-Trikots sind laut Adi Schäftlmaier nicht gefragt – und Fußballschuhe nicht wegen der Europameisterschaft, sondern weil das Training wieder los geht und den Kids nach einem Jahr Pause die alten Schlappen zu klein sind.
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Die Geschäfte bei Intersport Schäftlmaier laufen gut, seit die Corona-Lockerungen greifen. Doch EM-Trikots sind laut Adi Schäftlmaier nicht gefragt – und Fußballschuhe nicht wegen der Europameisterschaft, sondern weil das Training wieder los geht und den Kids nach einem Jahr Pause die alten Schlappen zu klein sind.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Noch ein Tag bis zum Beginn der Fußball-Europameisterschaft. Doch Euphorie wie früher will bislang nicht aufkommen. Dass das nur an Corona liegt, bezweifeln auch Fußball-Fans.

Waldkraiburg – Was waren das für Fußballfeste – die WM 2014, die Europameisterschaft 2008 und 2012 oder gar das Sommermärchen 2006? Schon Tage davor hatten die Fans aufgerüstet, waren die Autos geschmückt. Und mancher Radler rollte mit flatternder Deutschlandfahne am Gepäckträger durch Waldkraiburg. Zwei Tage vor Beginn der verspäteten EM 2021 sucht man solche Spuren der Euphorie vergeblich in der Stadt. Das liegt nicht nur an Corona, glauben mittlerweile auch jene, bei denen Fußball bisher immer hoch im Kurs war.

Das Geschäft mit Sportartikeln läuft gut, aber nicht wegen der EM

Sportartikelhändler Adi Schäftlmaier schüttelt den Kopf. „Eine EM-Euphorie? Nein, die gibt es nicht.“ Jedenfalls spürt er in seinem Laden davon nichts. Die EM-Trikots der deutschen Nationalmannschaft, die schon fürs Weihnachtsgeschäft 2019 geliefert wurden, hängen da wie bestellt und nicht abgeholt. Dabei läuft das Geschäft grade nach den langen Lockdown-Monaten sehr gut. „Die Leute gehen gerne Einkaufen.“

Aber eine EM-Stimmung, die kann der Waldkraiburger beim besten Willen nicht ausmachen. Die leeren Stadien zeigen Wirkung, vermutet er. „Bei vielen Leuten hat Corona die Prioritäten anders gesetzt.“

Es liegt nicht nur an Corona

Doch nicht nur Corona drückt auf die Stimmung. Als „sehr gedämpft“ beschreibt sie Francis Muchingele, Jugendleiter in der Fußball-Abteilung des VfL Waldkraiburg. Als ehemaliger C-Junioren- und aktueller D-Junioren-Trainer sollte er eigentlich besonders nah dran sein, an jenen, die auf ein solches Turnier hinfiebern.

VfL-Jugendleiter sieht ein Identifikationsproblem

„Das ist auch ein Identifikationsproblem“, glaubt er. „Im Moment fehlen die Vorbilder in der Nationalmannschaft und in den Vereinen, vor allem Stürmer, an denen sich die Jugendlichen orientieren können.“ Bei Testspielen fehle die halbe Stammelf. Der Fan müsse sich auf immer neue Spieler einstellen. „Und nur selten sieht man die deutsche Fußballmentalität, Kampf, Einsatz, Ehrgeiz, Teamgeist.“

„Beim Fußball muss sich grundsätzlich was ändern“

Muchingele traut dem Nationalteam trotzdem das Finale zu, mindestens auf das Halbfinale hofft VfL-Geschäftsführer Hubert Kamrad, der mit dem aktuellen Zustand der Fußballszene aber ordentlich ins Gericht geht. Die ganze Theatralik, mit der Spieler sich auf dem Feld inszenieren, ärgert ihn gewaltig. Dann die Diskussion um die Super-League, die Verbände FIFA und UEFA, die sich die Taschen vollmachen, da kommt viel zusammen, glaubt er. „Beim Fußball muss sich grundsätzlich was ändern.“ Auch bei der Nationalmannschaft, die „unnahbar“ geworden sei.

Schaufenster mit EM-Schmuck? Fehlanzeige

Trotzdem wird Kamrad die Spiele schauen, schon wegen seines sechsjährigen Sohnes, der sich drauf freut, mal ein ganzes Spiel sehen zu dürfen. Sogar Deutschland-T-Shirts habe er für die ganze Familie besorgt.

Während früher an Fan-Artikeln kein Vorbeikommen war, gibt es diesmal Ketten, die erst gar keine EM-Accessoires in die Filialen ausgeliefert haben. Schaufenster mit EM-Schmuck? Fehlanzeige! Und dort, wo es schwarz-rot--goldene Hüte, Fähnchen und Schweißbänder gibt, wie etwa in den TEDI-Filialen, quillt das Regal über, als hielte sich die Nachfrage sehr in Grenzen.

Bei den Fan-Artikeln geht fast gar nichts

„Brillen, Schals, Pappteller – wir hätten alles da“, sagt Mario Heiberger. der den Baywa-Markt leitet. „Aktuell geht nicht viel. Noch bei der WM 2018 war das anders.“

Nicht einmal der EM-Sieg des U 21-Teams oder der 7:1-Kantersieg gegen Lettland haben die Stimmung angekurbelt. Ist das schon die große Fußball-Tristesse?

Die Euphorie kann schnell wieder kommen

Die Wirte könnten mit Public Viewing im Biergarten vielleicht noch was machen aus der EM und geschäftlich profitieren, meint Adi Schäftlmaier. Und auch Georg Deibl, Leiter der Polizeiinspektion Waldkraiburg, die früher bei Siegesfeiern am Waldkraiburger Kreisel stets gefordert war (siehe Infokasten), hält es für viel zu früh, um einen Abgesang auf die EM anzustimmen.

„Das erste Spiel der deutschen Mannschaft ist erst in einer Woche.“ Da könne noch viel passieren. Und wenn im Finale Deutschland gegen Italien spielt, werde es die Euphorie, von der noch keine Spur ist, ganz schnell aufflammen.

Sollten tatsächlich alle Stricke reißen und sich die deutsche Elf wieder blamiert wie 2018, springen ja vielleicht türkische Fans ein und tragen ihre Freude auf die Straße – natürlich alles im Rahmen der dann geltenden Hygieneregeln.

Polizei ist relativ entspannt: Kreiselpartys und große Public Viewings nicht möglich

Ob Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft – bei den großen Fußballfesten wurde Waldkraiburg in der Vergangenheit regelmäßig zum Hotspot in Sachen Siegesfeiern. Seit dem Sommermärchen 2006 fuhren am Kreisverkehr vor dem Haus der Kultur Fans aus dem weiten Umkreis auf und feierten „Kreiselpartys“, fröhlich und multikulturell.

Die Polizei hat die Leute feiern lassen, so lange das möglich war. Denn von WM zu EM wurden die Partys ausgelassener und

wilder, fuhren Fans auf der Motorhaube und auf dem Dach von Autos mit. Da konnten die Ordnungshüter nicht mehr zusehen. „Wenn das Unfallrisiko zu groß ist, müssen wir einschreiten“, sagt Polizeihauptkommissar Dietmar Meißner. Das führte dazu, dass zuletzt der Kreisel nach Spielen auch schon mal gesperrt wurde.

Heuer blickt die Polizei relativ entspannt auf die Europameisterschaft. Das hat nicht zuletzt mit Corona zu tun, das auch die Fußball-Fans gewaltig einbremst. PI-Chef Georg Deibl erwartet keine Probleme, schon deshalb nicht „weil große Public Viewings wie früher diesmal nicht möglich sind“. In der Vergangenheit kamen bei manchen Spielen Tausende von Fans zum gemeinsamen Fußball-Feiern auf den Festplatz gleich neben dem Kreisel.

Große Vorbereitungen seien nicht zu treffen, so die Polizei. „Die Konzepte stehen ja und sind erprobt.“ Man werde also abwarten, wie sich das Ganze entwickelt.hg

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