Das Leben geht weiter

  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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In der Stadt war der Teufel los. Ausnahmezustand. Für manchen Sittenwächter lag Sodom und Gomorrha im Waldkraiburger Westen.

Damals, vor 50 Jahren, als der „erste Sex-Ball“ im Zappe-Saal über die Bühne ging, schlugen die Wellen der Empörung hoch.

Bei den Gegnern, die das christliche Abendland und alle seine Errungenschaften durch „Miss-Busen-Wahl“ und Go-Go-Girls-Band in Gefahr sahen und das Sünden event mit allen Mitteln zu verhindern trachteten. Und bei jenen, die dabei sein wollten und das Veranstaltungsfiasko mit einem Pfeifkonzert quittierten, als eine Stunde nach Mitternacht klar war: Die vollmundig angekündigte Miss-Busen-Kür, die konnten sie vergessen. Niemand bewarb sich um den Titel.

Kein Grund, sich 50 Jahre später über eine Provinzposse lustig zu machen. Vermutlich war Waldkraiburg auch in den freizügigen 70er-Jahren die einzige Stadt weit und breit, in der eine derartige Festivität überhaupt denkbar war. Die erste und einzige Erotikmesse im Mühldorfer Stadtsaal kam viele Jahrzehnte später. Und: Zu einer Anfrage im Stadtrat würde eine solche Veranstaltung wohl auch heute führen. (Anonym) bedroht werden Wirte und Bürgermeister ein halbes Jahrhundert später leider immer noch. Sicher, es gibt einen Unterschied: Wahrscheinlich würden 2021 nicht über Tausend neugierige Gäste den sündteuren Eintritt bezahlen. Denn was es da zu sehen geben sollte, dafür muss heute keiner mehr auf einen Sex-Ball gehen.

„Das Leben in Waldkraiburg geht weiter“, resümierte die Zeitung nach dem Skandal vor 50 Jahren. Wie gelassen und gescheit. Und gestimmt hat‘s auch noch, wie wir heute wissen.

Im Corona-Februar 2021 gelten ohnehin andere Maßstäbe. Fast sehnsüchtig geht da der Blick zurück. Ganz egal, was da beim Zappe los war. Es hat sich wenigstens was gerührt. Eigentlich müsste es auch dieser Tage hoch hergehen, in den Faschingshochburgen Kraiburg und Waldkraiburg und rund umadum. Wo sonst wild gewordene Weiber in Gastwirtschaften einfallen, entfesselte Gardemädel und Prinzenpaare samt närrischem Hofstaat durch Dörfer und Innenstädte ziehen und die fünfte Jahreszeit mit Gaudiwurm und Faschingstreiben auf ihr großes Finale zustrebt, war da was heuer?

Nicht, dass wir etwas bemerkt hätten. Alle Krawatten sind noch dran, sämtliche Schuhbänder sind unversehrt durch die Woche gekommen. Selbst jene Männer, die den unsinnigen Donnerstag sonst Jahr für Jahr über sich ergehen lassen, ja, die schlimmsten Faschingsmuffel hätten es heuer gefeiert, ohne Abstand und ohne Maske Polonaise zu tanzen oder wenigstens schunkeln zu dürfen. In dem Gefühl, dass sie endlich vorbei ist, die verdammte Pandemie. Wir richten uns an der Zeitung vor 50 Jahren auf: „Das Leben in Waldkraiburg geht weiter.“

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