Das himmlische Versicherungspaket: Vor 250 Jahren entstand das Nothelfer-Fresko in St. Erasmus

Das Deckengemälde des Martin Anton Seltenhorn in der Filialkirche St. Erasmus, das den Kirchenpatron als Bischof mit Mütze und Stab (Mitte) zeigt mit den anderen 13 Nothelfern, die von Maria begleitet werden.
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Das Deckengemälde des Martin Anton Seltenhorn in der Filialkirche St. Erasmus, das den Kirchenpatron als Bischof mit Mütze und Stab (Mitte) zeigt mit den anderen 13 Nothelfern, die von Maria begleitet werden.

1770 hat Martin Anton Seltenhorn das barocke Deckengemälde in der Filialkirche St. Erasmus im gleichnamigen Waldkraiburger Ortsteil geschaffen. Dass es 250 Jahre später noch immer – besser: wieder – zu sehen ist, ist alles andere als selbstverständlich.

Waldkraiburg-St.Erasmus – Die Geschichte des Gemäldes und der anderen Fresken, die Seltenhorn vor einem Vierteljahrtausend gemalt hat, beleuchtet Stadtarchivar Konrad Kern in einem Vortrag, den er zum Jubiläumsjahr ausgearbeitet hat, den er wegen Corona aber bis heute nicht vor Publikum hat halten können.

Helfer bei der Bewältigung des Lebens

Wenn Menschen heutzutage krank oder in Not sind, dann gehen sie zum Arzt, ins Krankenhaus oder Hospiz, suchen Hilfe bei der Feuerwehr, beim Tierarzt oder einem anderen speziellen Dienstleister, um Unterstützung zu bekommen. Früher, als es diese Errungenschaften noch nicht gab, hielten sich gläubige Katholiken an Heilige, die helfen sollten, das Leben zu bewältigen.

Hoch im Ansehen standen die 14 Nothelfer, eine ganze Truppe von Fürsprechern, gewissermaßen ein himmlisches Versicherungspaket. Zahlreiche Darstellungen wurden diesen Schutzpatronen gewidmet, eine davon zeigt in St. Erasmus den Kirchenpatron, einen der Nothelfer, inmitten seiner von Maria begleiteten 13 Mitstreiter zeigt.

Malerdynastie Seltenhorn hat in der Region Spuren hinterlassen

1770 wurde mit dieser Arbeit Martin Anton Seltenhorn beauftragt, der aus einer Malerdynastie aus dem Schwäbischen stammte. Seltenhorn war kein unbekannter Name in der Region. Sein Vater, Johann Anton, der mit seiner Familie im heutigen Hardt-Haus in Kraiburg wohnte und eine Werkstatt hatte, hatte zehn Jahr zuvor die Pfarrkirche St. Martin in Fraham ausgestattet. Sein Bruder, Johann Martin, der wohl der begabtere war und die Maler-Akademie in Wien absolviert hatte, gestaltete die Deckenfresken der Wallfahrtkirche Mariä Himmelfahrt im benachbarten Pürten.

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Martin Anton Seltenhorn

Neffe Martin Anton Seltenhorn hat dabei wohl schon mitgeholfen. 1770 übernimmt er das Geschäft von seinem Vater und bekommt seinen ersten Auftrag im nahe gelegene St. Erasmus, wo er neben der Decke im Langhaus auch den Chor ausgestaltet und auf weiteren Fresken die vier Evangelisten, die Kirchenväter, dekoratives Muschelwerk und ein kleineres Erasmus-Bild, das den Nothelfer bei der Heilung eines Besessenen zeigt.

Ende des 18. Jahrhunderts war Nothelfer-Verehrung äußerst populär

1770 habe die Verehrung der 14 Nothelfer „Hochkonjunktur“, so Kern. „Sie war in der Bevölkerung ziemlich populär. Dafür steht insbesondere die Wallfahrtbasilika Vierzehnheiligen, die der berühmte Balthasar Neumann 1772 vollendet.

Hundert Jahre später verdrängt neugotische Welle den „verzopften“ Barock

Ein Jahrhundert später sind Barock und Rokoko out, gelten den Zeitgenossen als „verzopft“, so der Stadtarchivar. Die Neugotik tritt den Siegeszug an, weil sie dem neuen nationalen Bewusstsein im Deutschen Reich viel eher zu entsprechen scheint. Auch über den Landkreis Mühldorf bricht diese Welle herein. Zahlreiche Kirchen, von Ampfing bis Taufkirchen werden restlos ausgeräumt und neugotisch eingerichtet.

1882 wurde Gemälde übertüncht

So weit kommt es in St. Erasmus nicht. Doch bei der Neufassung des Gewölbes werden alle Deckengemälde getilgt, übertüncht. 1882 überstreicht der Kraiburger Maler Heinrich Dagn selbst ein mittelalterliches Wandgemälde mit Bildern aus der Erasmus-Legende. Weil dieses Gemälde nicht sichtbar ist, wird es bei der Vergrößerung der Orgelempore im Zuge einer weiteren Renovierung im Jahr 1913 beschädigt. Die Arbeiten des den Dorfener Maler Karl Auer wurden durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, so dass die drei Hauptbilder des Martin Anton Seltenhorn, darunter das Deckengemälde mit den Erasmus und den Nothelfern erst 1921 endlich wieder freigelegt werden.

Schritt für Schritt alles wieder frei gelegt

Ein Foto, aus dem Jahr 1930, das Konrad Kern im Pfarrarchiv entdeckt hat, beweist, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Seltenhorn-Werke wieder freigelegt sind. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg legt Hugo Williroider aus dem Landkreis Rosenheim die Evangelisten und Kirchenväter-Bilder frei, auch das Erasmus-Wandbild von 1515. Der 2018 verstorbene Kirchenmaler Karl Holzner aus Ampfing hat in den 1980er-Jahren schließlich die letzten verborgenen Seltenhorn-Malereien ans Licht geholt und sämtliche Deckenbilder restauriert.

Über die Kraiburger Malerdynastie Seltenhorn hat Manfred Fischer im Jahr 2004 ein Buch veröffentlicht. Die Neuauflage ist im Stadtarchiv erhältlich.

Die 14 Nothelfer

St. Erasmus ist der Patron der Seeleute und war für Bauchkrankheiten und Magenschmerzen zuständig. Noch heute Kraftfahrer den Heiligen Christophorus an und Bergleute die Heilige Barbara an. Die anderen Nothelfer sind Achatius, Ägidius, Blasius, Cyriakus, Dionysius, Eustachius, Georg, Katharina, Margareta, Pantaleon und Vitus.

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