Einsamkeit

Corona verschärft Suchtprobleme: Selbsthilfegruppe in Waldkraiburg schlägt Alarm

Angst, Einsamkeit, Langeweile: Diese Faktoren haben immer schon Menschen in die Alkoholsucht geführt. Durch Corona werden diese Faktoren verstärkt. Das bestätigen aktuelle Umfragen ebenso wie Erfahrungen, die Gottfried Menzel, Leiter der Selbsthilfegruppe Blaues Kreuz, im Kontakt mit Betroffenen macht. Enzinger/Dpa
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Angst, Einsamkeit, Langeweile: Diese Faktoren haben immer schon Menschen in die Alkoholsucht geführt. Durch Corona werden diese Faktoren verstärkt. Das bestätigen aktuelle Umfragen ebenso wie Erfahrungen, die Gottfried Menzel, Leiter der Selbsthilfegruppe Blaues Kreuz, im Kontakt mit Betroffenen macht. Enzinger/Dpa

Einsamkeit und Langeweile haben schon immer Menschen in die Alkoholsucht geführt. Diese Faktoren haben sich mit Corona noch verstärkt, nicht zuletzt durch die Kontaktbeschränkungen. Gottfried Menzel, Leiter einer Selbsthilfegruppe in Waldkraiburg, macht sich deshalb große Sorgen, dass die Zahl der Alkoholkranken steigt.

Waldkraiburg – Suchtkranke aus der ganzen Region finden bei der Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes in Waldkraiburg seit vielen Jahren eine Anlaufstelle. Die wöchentlichen Gruppenstunden bringen Stabilität in das Leben so mancher Betroffener, die der Alkohol in den Abgrund zu stürzen droht. Corona hat die Arbeit des gemeinnützigen Vereins massiv behindert. „Dabei ist dieses Angebot grade jetzt so wichtig“, sagt Gottfried Menzel, der die Gruppe in Waldkraiburg leitet. Er macht sich Sorgen, dass die Pandemie die Suchtproblematik noch dramatisch verschärfen könnte.

Suchtberatung läuft trotz Lockdown weiter

Im aktuellen Lockdown dürfen Sucht- und Sozialberatungsstellen ihr Angebot aufrechterhalten. Im Fall des Blauen Kreuzes bedeutet dies, dass die wöchentliche Gruppenstunde am Montagabend im evangelischen Gemeindezentrum unverändert weiter läuft, unter Einhaltung der vorgegebenen Hygieneregeln, wie Menzel betont. Die Kirchengemeinde habe dafür die Voraussetzungen geschaffen. Statt ihres bisherigen Treffpunkts im Haus am Ölberg, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden könnten, steht der Gruppe jeden Montagabend ein großer Raum in der Bunkerkirche zur Verfügung.

„Gerade in der Corona-Krise sind die Treffen wichtig“, sagt Gottfried Menzel, Leiter der Selbsthilfegruppe.

Zahl der Gruppenstunden und Teilnehmer gesunken

Beim ersten Lockdown musste der 69-Jährige noch von Anfang März bis Anfang Juli eine Corona-bedingte Pause einlegen. Nur 34 Gruppenstunden konnte er deshalb 2020 in Waldkraiburg anbieten. 50 sind es in der Regel in einem Jahr. Und die Zahl der Teilnehmer blieb weit hinter den Vorjahreswerten zurück. Durchschnittlich acht bis zehn Personen, die alkoholabhängig sind oder Alkohol in riskanter Weise konsumieren, besuchten die Stunden, im Sommer waren es bis zu zwölf.

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Die Gesamtteilnehmerzahl liegt laut Menzel bei etwa 400. In anderen Jahren waren es in der Regel zwischen 800 und 1000.

Einige bleiben weg, weil sie Angst vor Ansteckung haben, anderen fehlt die Mitfahrgelegenheit. Autofahrer kommen wegen Corona meist allein. Mitfahrer, etwa jene, die sich auf die medizinisch-psychologische Untersuchung vorbereiten wollen, um ihren Führerschein wieder zu bekommen, haben ein Problem.

Die Gruppenstunden auszusetzen, war für Menzel nie ein Thema: „Ich kann doch nicht sagen, weil Corona ist, machen wir das nicht mehr.“ Der Gruppenleiter, der früher selbst abhängig war und die Sucht überwunden hat, weiß, wie wichtig dieses Angebot ist.

Die Gruppe hilft, abstinent zu bleiben

Zum Beispiel für Menschen wie Anna P. (Name von der Redaktion geändert). Die 57-Jährige ist seit vielen Jahren regelmäßig bei den Treffen. „Mir ist es wichtig, dass ich meine Abstinenz erhalten kann. Die Gruppe gibt mir dabei Unterstützung.“ Ohne die Treffen sei es wahrscheinlich schwieriger für sie, trocken zu bleiben, so P., die im Lockdown besonders darunter leidet, dass soziale Kontakte eingeschränkt sind.

„Das ist ein großes Problem“, weiß Gottfried Menzel, der seit neun Jahren auch als Suchttherapeut in einer sozialtherapeutischen Langzeiteinrichtung in Neumarkt-St. Veit tätig ist. „Einsamkeit und Langeweile sind Faktoren, die schon immer viele in die Sucht geführt haben. Und genau diese Faktoren werden durch Corona noch verstärkt.“

Umfrage: Alkohol- und Drogenkonsum während Pandemie angestiegen

Der Ortsvorsitzende des Blauen Kreuzes verweist auf Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse. Demnach sind Alkohol-, Nikotin- und Drogenkonsum während der Pandemie deutlich angestiegen.

Das Forsa-Institut hat im Auftrag der Krankenkasse ermittelt, dass fast ein Viertel derjenigen, die ohnehin schon mehrmals wöchentlich Wein, Bier oder Hochprozentiges konsumieren, zugeben, seit Beginn der Corona-Krise dies häufiger tun. Und das trotz Sanktionen wie Alkoholverboten in der Öffentlichkeit.

Wie Suchtkranke durch die Corona-Krise kommen

Der hohe Alkoholkonsum kann zur Gewohnheit werden und damit zur Abhängigkeit. Auch Gottfried Menzel fürchtet, dass die Zahl der Alkoholkranken verstärkt durch die psychisch extrem belastende Corona-Situation ansteigt.

Er versucht durch die Treffen der Selbsthilfegruppe mindestens bei den Teilnehmern entgegenzuwirken. Ein Schwerpunkt sei dabei das Erarbeiten von Strategien, wie Suchtkranke die Corona-Zeit überstehen können.

Es gehe darum, die Situation im Austausch mit anderen annehmen zu lernen und neue Möglichkeiten und Alternativen zu erkennen, die sie bietet. Menzel nennt als Beispiel, regelmäßig Nordic Walken zu gehen. „Sport, Bewegung ist wichtig. Nicht vorm Fernseher sitzen bleiben!“ Anna P. hat sich aufs Malen verlegt, das ihr sehr viel gebe, wie sie erzählt.

Gerade im Umfeld der Festtage wurde Gottfried Menzel von mehreren Betroffenen kontaktiert. Um Hemmschwellen zu senken und sie an die Gruppe heranzuführen, führt er zum Einstieg oft lange Telefonate. Im Einzelfall ist er bereit, in der Corona-Krise Suchtkranke längere Zeit telefonisch zu begleiten. Doch das ist nach seiner Erfahrung nur die zweitbeste Möglichkeit: „Das bringt nicht so viel wie das persönliche Gespräch.“ Ganz entscheidend sei die Gruppensituation. „Wir sitzen alle in einem Boot“, sagt Anna P.

Das Blaue Kreuz: Jeden Montag ein Gesprächsangebot für Suchtkranke

Jeden Montag trífft sich die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes Waldkraiburg/Mühldorf von 19 bis 20.30 Uhr, während der Pandemie in der Bunkerkirche des evangelischen Gemeindezentrums am Martin-Luther-Platz. Die Gruppe richtet sich vor allem an Alkoholabhängige, aber auch an deren Angehörige. Sie bietet einen alkohol- und drogenfreien Lebensraum, der Menschen im Austausch über ihre Probleme und Erfahrungen verbindet.

Gottfried Menzel (69) übernimmt seit nahezu 20 Jahren als Gruppenleiter und Ortsvorsitzender Verantwortung und bringt seine Erfahrung ein. Menzel hat in seiner Dienstzeit unter anderem die Sucht- und Sozialberatungsstelle der Bundespolizei in München aufgebaut und wurde dafür und für seine ehrenamtliche Tätigkeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er ist telefonisch unter 0 86 39/87 84 zu erreichen.

Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten. Es gehört es zu den wichtigsten Organisationen der Abstinenzbewegung. In Deutschland treffen sich mehr als 20 000 Teilnehmer in 1050 Selbsthilfe- gruppen. hg

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