Mutmaßlicher IS-Sympathisant geschnappt

Der "Bombenleger von Waldkraiburg" ist gefasst: Eine Stadt ist erleichtert

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Bei einer Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen mussten die Bewohner aus benachbarten Wohnungen evakuiert werden.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Die Erleichterung ist zu spüren: Am Freitag wurde die Anschlagserie, die Waldkraiburg drei Wochen in Atem hielt, aufgeklärt. Ein 25-jähriger Mann hat die Taten gestanden, wie die Ermittler auf einer Pressekonferenz am Sonntag bekanntgaben. Durch seine Festnahme konnte Schlimmeres verhindert werden.

Waldkraiburg – Der Mann hatte nach eigenen Aussagen weitere Anschläge geplant. Bei ihm wurden mehrere Rohrbomben, Chemikalien und eine scharfe Waffe gefunden, wie Polizeipräsident Robert Kopp mitteilte.

Der 25-Jährige, der in Altötting geboren wurde und in Waldkraiburg lebte, bezeichnete sich bei der Vernehmung der SOKO „Prager“ als „Anhänger und Kämpfer des IS“.

Der Sohn türkischstämmiger Eltern war zuvor nur wegen kleinerer Drogendelikte aufgefallen. Er war am Freitagabend in Mühldorf eher zufällig festgenommen worden, weil er keine Fahrkarte hatte. Bei der Überprüfung seines Gepäcks wurden zündfähige Rohrbombe gefunden. Bei der Vernehmung gab er an, dass in seiner Wohnung in Waldkraiburg eine Waffe mit Munition, Schwarzpulver, Phosphor und andere verschiedene Stoffe vorhanden seien.

Bewohner von Gebäuden in Waldkraiburg evakuiert

Aufgrund dieser Angaben wurden im Rahmen parallel laufender Einsatzmaßnahmen durch das Polizeipräsidium Oberbayern Süd rund 60 Bewohner aus dem Gebäude, in dem der 25-Jährige wohnte, sowie aus dem Nachbargebäude gegen 3.30 Uhr vorsorglich evakuiert. Die Bewohner wurden vorübergehend im Feuerwehrgerätehaus untergebracht.

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Kommandant Bernhard Vitze erinnert sich, dass er gegen 2.30 Uhr informiert wurde. Zusammen mit dem BRK wurde die Fahrzeughalle leergeräumt und für die Evakuierten vorbereitet; das heißt Feldbetten und Biertischgarnituren wurden hier aufgestellt. Die Bewohner kamen gegen 4 Uhr morgens und wurden mit Essen und Trinken versorgt.

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Da sie lediglich wussten, dass es sich um einen SEK-Einsatz handelt, waren alle etwas angespannt. Doch Vitze sagte, die Evakuierten seien ruhig und gefasst gewesen. Gegen 9 Uhr konnten die Bewohner dann in ihre Häuser zurückkehren. Hier hatten die Spezialkräfte der Technischen Sondergruppe mittlerweile die Wohnung des Beschuldigten durchsucht und konnten eine Pistole sowie weiteres Beweismaterial sicherstellen.

Staatsanwalt: Versuchter Mord in 27 Fällen

Der Beschuldigte wurde am Samstag dem Haftrichter vorgeführt. Laut Oberstaatsanwalt Georg Freutsmiedl wird dem jungen Mann versuchter Mord in 27 Fällen, schwere Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Der 25-Jährige, der sich selbst „Bombenleger von Waldkraiburg“ nennt, gab als Motiv für die Taten „Hass auf Türken“ an. Eine Kurden-Türkei-Problematik verneinte er. Vielmehr bekannte er sich als Anhänger des Islamischen Staates (IS). Er habe ausgesagt, dass er sich vergeblich darum bemüht hatte, sich dem IS anzuschließen, sagte Freutsmiedl.

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Nun werde ermittelt, ob es Mittäter oder Mitwisser gebe. Warum er trotz des Besitzes von so vielen Rohrbomben drei seiner Anschläge „nur“ mit Steinen verübt hat, bleibt nach wie vor unklar. Er habe keinen Führerschein besessen und der Transport der Bomben sei ihm deshalb zu mühsam gewesen, soll er ausgesagt haben. Warum Muslime Opfer seiner islamistischen Gesinnung wurden, ist ebenfalls noch nicht klar. Die Ermittlungen dazu gehen weiter.

"Die Türken in Waldkraiburg können wieder ruhig schlafen"

Während bei der Polizei nach den Hintergründen der Tat gesucht wird, überwiegt in Waldkraiburg die Erleichterung, dass der Täter so schnell gefasst werden konnte. „Wir sind alle froh, egal wer der Täter war, egal welchen Hintergrund er hatte, wichtig ist, er ist gefasst. Die Türken in Waldkraiburg können wieder ruhig schlafen“, sagt Erkan Artuk.

Der Inhaber eines Pizzalieferservices, der Ziel des zweiten Anschlags war, spricht stellvertretend für viele andere. Mit großer Erleichterung wird die Festnahme in der türkischen Gemeinschaft Waldkraiburgs aufgenommen. Bei dem Täte soll es sich um des geständigen Muharrem D. handeln. Die Polizei wollte diese Information weder bestätigen noch dementieren.

War Muharrem D. ein Einzeltäter?

In das Gefühl der Erleichterung mischt sich aber auch Zweifel, ob wirklich nur ein Täter hinter der Anschlagsserie steckt. Viele fragen sich, woher kommen die vielen Bomben, die Schusswaffe. „Natürlich bin ich froh, dass die Serie aufgeklärt ist“, sagt eine Geschädigte. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es nur einer war.“

Für Bürgermeister Robert Pötzsch ist es wichtig, dass der Täter so schnell gefasst werden konnte und man in Waldkraiburg wieder „in Ruhe und ohne Angst weiterleben kann“. Er hofft, dass es „tatsächlich ein Einzeltäter war“. Dabei zeigte er sich ziemlich geschockt, zu was ein Mensch fähig sein kann, der „den Tod von Menschen billigend in Kauf nimmt“.

Bürgermeister: Waldkraiburg soll nicht einfach zur Tagesordnung übergehen

Gleichzeitig hofft er, dass sich keine Nachahmer finden und ist erleichtert, dass die ganze Sache „ohne politische Nebengeräusche“ über die Bühne gegangen ist. Das sei ein großer Verdienst der „unwahrscheinlich guten Zusammenarbeit von Polizei, Stadt und der türkischen Gemeinde“. Durch viele Gespräche seien die türkischen Mitbürger ruhig geblieben und es habe keine Spontanreaktionen gegeben. Hier sei es sicherlich auch hilfreich gewesen, dass der türkische Generalkonsul seine Landsleute zu Besonnenheit aufgerufen habe.

Auch wenn der mutmaßliche Täter gefasst ist, könne man in Waldkraiburg „natürlich jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“. Man müsse das aufarbeiten und darauf achten, dass zwischen die türkische Gemeinde, die übrigen Bevölkerungsgruppen und die Waldkraiburger Bürger kein Keil getrieben werde. Ziel von Bürgermeister Pötzsch ist es, in nächster Zeit intensiv daran zu arbeiten, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Waldkraiburger wieder zu stärken.

Türkisch-islamische Gemeinde in Waldkraiburg reagiert erleichtert

Mit „sehr, sehr großer Erleichterung“ reagiert der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Waldkraiburg auf die Festnahme des Täters. Ahmet Baskent: „Das war und ist alles sehr belastend für uns. Nervenaufreibend.“ Er hoffe, so der Vorsitzende, dass nun wieder Ruhe einkehrt. „Aber wir müssen achtsam bleiben.“ Auch deshalb, weil noch nicht geklärt sei, ob der Täter wirklich allein war. „Wo hat er die Waffe her? Woher hat er seine Kenntnisse mit Sprengstoffen?“

„Zum Täter kann ich gar nichts sagen. Er ist in der Gemeinde nicht bekannt“, so der Vorsitzende weiter. Nach unbestätigten Informationen der Heimatzeitung soll Muharren D. erst vor wenigen in eine Mietwohnung in Waldkraiburg gezogen sein, die er sich mit einem oder zwei Mitbewohnern geteilt hat.

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