Im Bombenhagel über Kraiburg starben vor 75 Jahren 43 Menschen in einem Rüstungswerk

Nach dem Angriff:Im weiten Umkreis, so wie hier von Aschau aus, waren am 11. April 1945 in der Mittagszeit Rauchpilze über dem Kraiburger Pulverwerk zu sehen. Stadtarchiv
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Mehrere Hundert Tonnen Sprengstoff schütteten amerikanische Bomber am 11. April 1945 über dem Werk Kraiburg der Deutschen Sprengchemie aus. Auf dem Gelände, wo sich heute die Stadt Waldkraiburg befindet, starben damals 43 Menschen, die im Pulverwerk arbeiteten.

Waldkraiburg – 1945 gab es Waldkraiburg noch nicht, keine Stadt, keine Gemeinde dieses Namens. Doch das Gebiet, auf dem sich heute die Stadt Waldkraiburg befindet, war kurz vor Kriegsende Ziel eines fürchterlichen Luftangriffs der amerikanischen Bomberflotte: am 11. Apri vor 75 Jahren fielen die Bomben auf das Werk Kraiburg, ein Pulverwerk der Deutschen Sprengchemie. Was damals geschah und was heute noch nachwirkt, darüber sprachen wir mit Waldkraiburgs Stadtarchivar Konrad Kern, der sich intensiv mit der Geschichte des Rüstungswerks beschäftigt hat.

28 Tage vor dem Ende des Krieges wurde das Rüstungswerk der Deutschen Sprengchemie auf dem heutigen Stadtgebiet Ziel eines amerikanischen Luftangriffs. Viele Städte in Bayern waren längst bombardiert. Warum kam dieser Luftangriff so spät, es handelte sich ja eindeutig um ein kriegswichtiges Ziel?

Konrad Kern: Ja, diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Auf einem alliierten Luftbild vom 24. August 1944, das sich im Stadtarchiv befindet, ist das Werksgelände eindeutig erkennbar. Aber man hat auch die Wacker-Chemie in Burghausen, die Anorgana bei Gendorf, die Reichsmunitionsanstalt bei St. Georgen, heute Traunreut, oder das Aluminiumwerk in Töging die ganze Zeit nicht gestört. Das Werk Kraiburg wurde durch Tieffliegerangriffe am 22. Februar, am 11. und 21. März sowie am 5. April 1945 angegriffen. Warum man doch den Angriff durchführte, lag wohl daran, dass die Amerikaner vermuteten, das Werk könnte für die Front in Oberitalien und für die befürchtete Alpenfestung von Bedeutung sein.

Welche Bedeutung hatte das Werk für die Kriegsführung der Nazis?

Konrad Kern: Das Werk Kraiburg war der größte Pulverfertigungsbetrieb der DSC im damaligen Deutschen Reich mit circa 1500 Tonnen Pulver pro Monat. Es war das letzte aller acht DSC-Werke das am 2. Mai 1945 besetzt wurde.

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Wie war das Werk geschützt? Gab es eine Flugabwehr?

Konrad Kern: Es gab keine Flugabwehr. Man glaubte wohl, dass die vermeintlich gute Tarnung ausreichend sein würde. Auch andere Werke hatten keinen Schutz.

Es heißt, dass viel zu spät bemerkt wurde, dass der Angriff dem Rüstungswerk galt.

Konrad Kern: Aufgrund der vielen Fehlalarme 1944 und 1945 sowie der vier harmlosen Tieffliegerangriffe entschloss sich Werksdirektor Ingenieur Robert Seibold an diesem 11. April keinen Luftalarm auszulösen. Als die ersten Bomben fielen, war es dafür zu spät. Seibold soll angeblich deswegen am 23. Juli 1945 von den Amerikanern verhaftet worden sein.

Welche Bombenlast ist über das Werksgelände niedergegangen?

Konrad Kern: In der Zeit von 12.50 Uhr bis 13.10 Uhr, also innerhalb von 20 Minuten, fielen von 133 amerikanischen Flugzeugen vom Typ B 17, die zur 8. US-Air-Force gehörten, insgesamt 1524 Bomben mit einem Gesamtgewicht von 381 Tonnen aus einer Höhe von 7300 und 8200 Metern herab.

Ein Luftaufklärungsbildvom 17. April 1945 zeigt die Schäden, die der Bombenangriff sechs Tage zuvor verursacht hatte.

Wie viele Menschen arbeiteten damals auf dem Gelände?

Konrad Kern: Zu dieser Zeit lag die Beschäftigtenzahl bei rund 2500 Menschen. Wie viele sich zum Zeitpunkt der Bombardierung im Werksgelände aufhielten, ist nicht bekannt. Es dürften mindestens 1000 Personen gewesen sein.

Wie waren sie gegen Luftangriffe geschützt? Wie viele Schutzräume gab es?

Konrad Kern: Angesichts der großen Beschäftigtenzahlen gab es viel zu wenige Schutzräume. Die Siedlungshäuser am heutigen Carl-Maria-von-Weber-Weg und an der Johann-Strauß-Straße hatten Luftschutzräume in den Kellern. Ebenso waren das Verwaltungsgebäude, das Gästehaus, die Werkrettungsstation, das Feuerwehrgerätehaus und die 13 Wohlfahrtsgebäude jeweils mit Luftschutzkellern ausgestattet. Dazu gab es noch drei Luftschutzbunker für je 60 Personen im Gelände. Die Wohnlager, das Holzlager, Frauenlager und Steinlager, hatten nur Luftschutzgräben. Alles zusammen gerechnet, viel zu wenig, um allen Personen Schutz zu bieten, ganz abgesehen davon durchschlugen Bomben auch Bunker-Betondecken. Der wirksamste Schutz, war so schnell wie möglich das Werksareal zu verlassen, was angesichts der weiten Wege nur schwer umzusetzen war. Noch dazu, wenn kein Alarm ausgelöst wird!

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Was wissen wir über die Opfer?

Konrad Kern: Nach den Eintragungen im Sterbebuch der Gemeinde Aschau, die seit 1938 für das Gelände zuständig war, starben 43 Menschen, 25 Frauen und 18 Männer. Eine Frau aus Ampfing starb einen Tag später an ihren Verletzungen. Das jüngste Opfer war 19, das älteste 68. Die Toten nach Nationen: Elf Frauen aus der Ukraine, eine Frau und vier Männer aus Frankreich, drei Italiener, 13 Frauen und elf Männer aus Deutschland, davon kamen zehn Frauen und zwei Männer aus dem Landkreis Mühldorf. 30 Menschen wurden schwer, 40 leicht verletzt.

In welcher Form wird an die Opfer erinnert? Gibt es einen Gedenkstein oder eine Erinnerungstafel?

Konrad Kern: Die 25 Opfer, die nicht von deutschen Angehörigen auf ihren Privatgräbern bestattet wurden, erhielten außerhalb des Aschauer Pfarrfriedhofs ein Massengrab, das mit einem schlichten Kreuz gekennzeichnet wurde. Nach 1945 wurden die Italiener, Franzosen und einige Ukrainerinnen auf größere Gefallenenfriedhöfe exhumiert. Durch Vergrößerungen des Aschauer Friedhofs verschwand das Massengrab. Nur das Kreuz soll noch stehen. In Waldkraiburg selbst erinnert nichts an die Opfer. Im Stadtbuch von 2009 und in einem Beitrag im Heft 9 von 2005 in „Unser Waldkraiburg“ wird daran erinnert.

Welche Zerstörungen hat der Bombenangriff verursacht?

Konrad Kern: Es wurden etwa 15 Prozent der Gebäude zerstört beziehungsweise getroffen. Durch die weit verstreut liegenden Gebäude, gab es keine Kettenreaktionen. Viele Bomben verfehlten ihre Ziele. Die Infrastruktur, Wasser, Kanal, Strom, Dampf, wurde an vielen Stellen beschädigt. An einigen Stellen war der Wald „wegrasiert“. Es gab viele Bombenkrater und etwa 100 Blindgänger. Die wichtigsten Bunker (Ölberge und Kraftwerke) blieben fast unbeschädigt.

Waren von dem Bombardement auch umliegende Ortschaften betroffen?

Konrad Kern: Durch den enormen Luftdruck waren viele Fenster, Wände und Dächer von Häusern der näheren Umgebung beschädigt. Allein die Fenster der Kirchen in Ebing, Pürten, Kraiburg, St. Erasmus, Aschau, Ampfing und Palmberg waren zerbrochen.

In vielen Städten, die im Krieg bombardiert wurden, kam es in jüngster Zeit zu Bombenfunden. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich unter Waldkraiburg noch Überreste des schrecklichen Bombenhagels befinden?

Konrad Kern: Zuletzt wurde am 6. November 1995 beim Aushub der Tiefgarage am Iserring eine Bombe gefunden. Seither wurde nichts mehr entdeckt – aber ausschließen würde ich es nicht.

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