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Ortstermine bei der Anker-Dependence, bei „Frauen helfen Frauen“ und der Polizei:

Besser machen statt besser meckern - Was Katharina Schulze in Waldkraiburg lernte

Wichtig ist das Gespräch vor Ort: Katharina Schulze (Zweite von rechts) im Gespräch mit Flüchtlingen in der Waldkraiburger Anker-Dependence.
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Wichtig ist das Gespräch vor Ort: Katharina Schulze (Zweite von rechts) im Gespräch mit Flüchtlingen in der Waldkraiburger Anker-Dependence.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
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Katharina Schulze ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. Bei ihrem Besuch in Waldkraiburg lernte sie sehr viel über die Situation vor Ort und hatte danach klare Forderungen an die Bundes- und Landespolitik.

Waldkraiburg – Wer mit Katharina Schulze Schritt halten möchte, muss eine gute Kondition haben. Die 37-jährige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag und Mutter ist selten zu stoppen. Bei ihrem Besuch in Waldkraiburg besuchte sie die Anker-Dependence beim Peters, den Verein Frauen helfen Frauen, die Polizei und nahm sich zwischendurch Zeit für ein Pressegespräch.

„Du musst vor Ort sein“

„Wenn Du wissen willst, was wirklich los ist, reicht es nicht, in München zu sitzen und einen Vermerk zu lesen. Du musst vor Ort sein“, so Schulze. Sie hörte zu, schaute sich um und nahm sich Zeit für die Menschen, die vor Ort tagtäglich die Arbeit machen.

Der Besuch in der Anker-Dependence war „sehr interessant und lehrreich“, so Schulze. Sie sah das Haus, die Turnhalle, die Kantine, das Spielzimmer, das derzeit aus Brandschutzgründen geschlossen ist, und sie sprach mit Mitarbeitern und Bewohnern.

367 Menschen leben derzeit in der Anker-Dependence, die Platz für 450 hat. Die meisten kommen aus dem Jemen oder der Türkei, die anderen aus Nigeria, Somalia, Afghanistan oder sind staatenlos. Die Männer sind in der Mehrheit und das jüngste Kind ist drei Wochen alt. „Ein geregelter Tagesablauf und Strukturen sind elementar“, so Schulzes Fazit. „Die Menschen sind dankbar und froh, dass sie hier sind. Sie haben so viel Schlimmes erlebt. Sie sind froh, dass sie hier sein dürfen, sie wollen was tun und zurückgeben. Sie wollen arbeiten.“

Daher fordert sie: Schnellere Entscheidungen über den Status, Arbeitserlaubnis vom ersten Tag an: „Sonst fällt einem die Decke auf den Kopf. Zum anderen wir haben einen Fachkräftemangel. Wenn ich Unternehmen frage, was sie brauchen, heißt es immer als erstes ‚Menschen‘, ganz dringend Menschen‘.“ Egal ob Handwerker, Start-Up oder große Unternehmen. „Ich kann es nicht verstehen, dass die bayerische Staatsregierung gerade bei diesem Thema so zögerlich ist.“

Die Ankerzentren sind für sie kein Zukunftsmodell. Ein paar würden seit neun Monaten hier leben. „Wir müssen die Menschen nach der Ankunft schneller verteilen. Die Migration wird nicht enden. Es wird eher mehr.“

Nächster Stopp: „Frauen helfen Frauen“

Nach einem Mittagessen mit Lokalpolitikern aus Waldkraiburg und Mühldorf ging es schon wieder weiter. Zu „Frauen helfen Frauen“ am Stadtplatz. „Es ist toll, was dieses kleine Team mit Engagement und Leidenschaft leistet.“ Beratungen für Frauen, Kinder und Jugendliche bei häuslicher Gewalt, Trennungsgewalt, digitaler Gewalt, Mobbing und Prävention. Schulze: „Jeden Tag probiert ein Mann, eine Frau zu töten, jeden dritten Tag gelingt es.“

„Wir brauchen eine verlässliche Finanzierung“, fordert Schulze. Schluss mit dem jährlichen Antragsdschungel, dem jährlichen Kampf um Spenden und Gelder für Personal, Ausstattung und die steigenden Nebenkosten. „Die Frauen brennen für ihren Job, sie sind voller Leidenschaft. Solche niederschwelligen Angebote sind entscheidend.“ Daher müsse das nach der Landtagswahl 2023 auch in der Staatskanzlei Chefsache werden.

„Wir möchten Verantwortung für Bayern übernehmen“

Anschließend eine kurze Verschnaufpause beim Pressegespräch. Aber auch da ist sie kaum zu bremsen. Sie spricht schnell, manchmal ohne Punkt und Komma, stets lebhaft, mal laut, mal leise, mal hoch mal tief. Sie gestikuliert viel mit den Händen und schaut den Gesprächspartner immer aufmerksam an. Manche sagen, Markus Söder habe Glück, dass die 37-Jährige für das Amt der Ministerpräsidentin noch zu jung ist; in Bayern muss die Kandidatin mindestens 40 Jahre alt sein.

„Wir möchten Verantwortung für unser schönes Bayern übernehmen“, formuliert sie unmissverständlich und wird dann ganz Berufspolitikerin: „Wir machen jetzt erst mal Wahlkampf, dann schauen wir.“ Koalitionsoptionen: offen. Die bayerische Bevölkerung sei für die Grünen bereit. „Der allergrößte Teil möchte menschlich und solidarisch miteinander umgehen. Die Gesellschaft ist weiter als die CSU-Regierung.“

„Auch digitale Gewalt ist Gewalt“

Sprach‘s und war schon wieder im Aufbruch. Schulze ist auch innenpolitische Sprecherin der Grünen und hatte noch einen Termin bei der Waldkraiburger Polizei. „Wir haben es unterstützt, dass die Polizei gestärkt wird.“

Sie wünscht sich noch mehr: eine virtuelle Polizeiwache, die rund um die Uhr online zu erreichen ist. „Wenn ich um 23.30 Uhr im Internet beleidigt oder bedroht werde, will ich um 23.40 Uhr einen Screenshot machen und schicken können.“ Das Warten bis zum nächsten Tag erhöhe nur die Hemmschwelle. „Auch digitale Gewalt ist Gewalt. Andere Bundesländer haben das. Bayern braucht es auch.“

Ein Wirbelwind fegte also durch Waldkraiburg. Er hinterließ aber keine Verwüstung, sondern das Lebensmotto ihrer Eltern: „Du bekommst die Welt nie besser gemeckert. Du musst sie besser machen.“

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