Auch 1955 Streiche auf'm Stundenplan

Den Schalk im Nacken haben die drei aus dem ersten Realschuljahrgang auch heute noch, wenn sie von ihren Streichen erzählen. Unser Bild zeigt (von links) Manfred Weikert, Annelie Heubl und Horst Schön.
+
Den Schalk im Nacken haben die drei aus dem ersten Realschuljahrgang auch heute noch, wenn sie von ihren Streichen erzählen. Unser Bild zeigt (von links) Manfred Weikert, Annelie Heubl und Horst Schön.

Mit einer Buben- und einer Mädchenklasse startete die Realschule Waldkraiburg am 1. September 1955.

Gerade auf Klassenfahrten versuchte man die Geschlechter strikt getrennt unterzubringen. Der Lehrkörper konnte es dennoch nicht verhindern, dass sich die jungen Leute verliebten und ein Ehepaar entstand: Annelie und Günther Heubl. Die Witwe des inzwischen verstorbenen Dritten Bürgermeisters hält noch Kontakt zu ihrer Abschlussklasse von 1958. Das 60. Realschuljubiläum ist ein guter Anlass, in alten Alben und Schülerzeitungen zu blättern und über Streiche zu lachen.

Waldkraiburg - Mit einer Aufnahmeprüfung an der Mittelschule (heute Realschule) am 30. Juni 1955 in Wasserburg begann für 32 Mädchen und 33 Burschen ihre Schullaufbahn an der Realschule Waldkraiburg, die als kleine Außenstelle eingeführt wurde.

Der Unterricht startete am 1. September 1955 im Gebäude der Josef-von-Eichendorff-Schule. Der erste Absolventenjahrgang, 1958, zu dem auch Annelie Heubl, Manfred Weikert und Horst Schön gehörten, brachte eine Abschlusszeitung mit dem Titel "3 Jahre Krieg und Frieden" - bezogen auf die dreijährige Schulzeit - raus. Die drei Waldkraiburger haben heute noch Kontakt, etwa durch die vierteljährlichen Treffen, die die ersten beiden Jahrgänge veranstalten. Daran nimmt auch gerne Ute Hajek (ehemals Elger) teil, die gemeinsam mit ihnen den Abschluss machte. "Aus kriegerischen Schulzeiten haben wir unsere Verbindung behalten", lacht der 74-jährige Horst Schön.

Dann werden Anekdoten und alte Streiche ausgetauscht. So erinnert sich Annelie Heubl an einen Physiklehrer namens Schenk, der eine feuchte Aussprache hatte - und der erste Grüne im Landkreis gewesen sein soll. "Ein Mädchen in der ersten Reihe spannte den Regenschirm auf", erzählt sie lachend. Auch die Schülerzeitung berichtet unter "Inserate" davon: "Suchen billigen Regenschirm wegen häufigen Sprühregens in den Physik- und Chemiestunden zu kaufen! Angebote an die erste Bankreihe."

Einmal trugen sie einem Lehrer einfach seinen kleinen alten Lloyd vom Parkplatz - der suchte ihn verzweifelt und es gab ein "Mordstheater". Angestellt hätten sie öfter was, sagen sie. Jedoch habe man generell mehr Respekt und Abstand zu den Lehrern gehabt, heute sei das Verhältnis oft eher kumpelhaft.

Rektor Rudolf Schönsteiner hatte eine Marotte: Er beendete jeden Satz mit "ned wahr?" Manfred Weikert machte dazu eine Stricherlliste während des Unterrichts - bis er nach 40 Minuten erwischt wurde. "Da hatte ich 120 Striche gemacht", weiß der 74-Jährige wie heute. Und auch, dass die ganze Klasse dicht hielt, was es damit auf sich hatte. Weikert bekam einen Verweis - der ihm schon mehrfach angedroht worden sei, wie er schelmisch erzählt.

Ute Hajek (73) ist besonders eine Ausstellung aus dem Heimat- und Ostkunde-Unterricht im Gedächtnis geblieben. Die Schüler, die vielfach aus Vertriebenenfamilien stammten, fertigten Trachtenpuppen, Linolschnitte, Miniatur-Heimatdenkmäler, Stickereien, Wappen und etwa Aufsätze, die an ihre Herkunftsländer erinnerten. "Präsentiert wurde dies 1957 bei der Eröffnung des neuen Mittelschul-Gebäudes, dem Sitz der heutigen Diesel-Schule", so Hajek. Das moderne Realschulgebäude in der Franz-Liszt-Straße wurde 1970 eingeweiht.

Zimmerkontrolle

bei den Mädchen

Die Schülerarbeiten der Ausstellung dienten den nachfolgenden Klassen als Lehrmittel. Im Jahr 1961 widmete die Unterrichts-Fachzeitschrift "Heimat und Familie" den Exponaten eine siebenseitige Reportage. Manfred Weikert hat eine Ausgabe davon aufgehoben. "Darf ich mir die kopieren", fragt ihn Annelie Heubl. Sie selbst habe nicht viele Erinnerungsstücke behalten. Da ist sie bei Weikert genau an der richtigen Adresse. Er ist das "Gedächtnis" der ersten Realschuljahre und archiviert Fotos, Zeitungsberichte, Todesanzeigen und hat Ordner für die vierteljährlichen Treffen angelegt.

Ute Hajek, die heute in Gars lebt, erinnert an die Zeit, in der die Realschule gegründet wurde. Der Krieg sei gerade zehn Jahre vorbei, die Mittel bescheiden gewesen. Umso schöner sei die Abschlussfahrt im Jahr 1958 gewesen. Es ging nach Südtirol, erinnert sich Schön. Sie haben "viel gebürstelt" und sind betrunken auf dem Dach herumspaziert. Es gab Zimmerkontrollen bei den Mädchen. Die Lehrerin Frau Palzer war für strikte Geschlechtertrennung. So mussten die Buben in einer anderen Jugendherberge übernachten. "Als es dann hieß, es kommt eine Jungenklasse aus Norddeutschland, wurde die Palzer ganz hektisch und hat ,unsere Buben' doch wieder zu uns verlegt, dass mit dem Fremden bloß nichts passiert", lacht Heubl. "Frau Palzer konnte nicht verhindern, dass aus den beiden Parallelklassen ein Ehepaar entstand: Annelie und Günther Heubl", schmunzelt Schön. Und Manfred Weikert heiratete ein Mädchen aus der nachfolgenden Klasse, seine Ingrid. Jetzt haben die zwei goldene Hochzeit.

Günther Knoblauch gehörte zu den "Glorreichen Sieben"

Einer, der öfter mal auffiel, war Günther Knoblauch, der heutige Landtagsabgeordnete. Er besuchte die Schule von 1961 bis 1965. Erinnern kann er sich vor allem an die Klassenausflüge - ganz in die Nähe zum Schloss Guttenburg oder zum Skifahren oder zur Glashütte in Waldkraiburg oder auch weiter weg, nach Frankfurt. "Und natürlich haben wir Streiche gespielt", erinnert er sich, "wir waren eine Gruppe von sieben Schülern, die Glorreichen Sieben." Bei den Einkehrtagen am Schliersee hätten es die Glorreichen Sieben aber beinahe zu weit getrieben, erinnert er sich: "Wir wollten meinen Geburtstag feiern und haben uns abends heimlich alle auf einem Zimmer getroffen. Immer wenn der Klassenlehrer seinen Kontrollgang gemacht hat, haben wir uns unter den Betten oder im Bettschrank versteckt." Zweimal ist alles gut gegangen. "Beim dritten Mal hat er uns überrascht und wir sind aufgeflogen und alle sieben wurden mit Verweisen bestraft. Und wir durften nicht mit auf die Abschlussfahrt nach Helgoland", bedauert er. Was aber noch viel schlimmer war: "Der Direktor hat überlegt, uns der Schule zu verweisen und das so kurz vor dem Abschluss", erinnert er sich. "Einer von uns war aber schon eingeteilt, bei der Abschlussfeier ein Trompeten-Solo zu spielen, das hat uns gerettet." Und so hatte Günther Knoblauch 1965 dann die mittlere Reife in der Tasche - wenn er auch nicht auf Helgoland war. "Da war ich bis heute noch nicht", sagt er.

Norbert Masarowitsch, der ehemalige geschäftsleitende Beamte der Gemeinde Kraiburg, begann seine Schulkarriere 1962. Auch er erinnert sich an Klassenfahrten und lustige Landschulaufenthalte. "Einmal ging es nach Lenggries. Man hat versucht, uns das Skifahren beizubringen", erinnert er sich lachend. Manchmal entschied das Los, wer mitfahren durfte. Ausgerechnet als es einmal an die Nordsee ging, zog er eine Niete. Seine Schulzeit habe er in guter Erinnerung, auch sei er mit allen Lehrern gleich gut zurechtgekommen, so der heute 65-Jährige. "Auch er stellt fest: Die Lehrergeneration war damals einfach eine andere".

Kommentare