Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Ein Nachmittag im Haus des Buches

Attacke auf die grauen Zellen: Schnupper-Schach mit dem Waldkraiburger Computerschach-Weltmeister Erdogan Günes

Versunken in das königliche Spiel: Sherlock saugt beim Schnupper-Kurs das Wissen von Computerschach-Weltmeister Erdogan Günes auf.
+
Versunken in das königliche Spiel: Sherlock saugt beim Schnupper-Kurs das Wissen von Computerschach-Weltmeister Erdogan Günes auf.
  • Jörg Eschenfelder
    VonJörg Eschenfelder
    schließen

Erdogan Günes ist mehrfacher Computerschach-Weltmeister. Schach ist seine Leidenschaft. Warum und wie er damit Waldkraiburger Kinder begeistert.

Waldkraiburg – Nein. Von königlicher Ruhe war im Untergeschoss des Hauses des Buches am Mittwochnachmittag nichts zu hören. 24 Kinder im Grundschulalter waren hier versammelt. Sie sprachen, flüsterten, lachten und liefen auch mal herum. Da ist Ruhe eigentlich nicht zu erwarten. Trotzdem war es ungewöhnlich. Denn eigentlich war absolute Stille zu erwarten. Immerhin hatten sie sich eingefunden, um von Erdogan Günes (51) etwas Besonderes zu lernen: Schach.

Rauchende Köpfe im Haus des Buches

Das Haus des Buches hatte in den Herbstferien zum Schnupper-Schach mit dem mehrfachen Waldkraiburger Computerschach-Weltmeister Günes eingeladen. Eine Attacke auf die grauen Zellen sollte es sein. Ihm zur Seite standen der Vorsitzende des Waldkraiburger Schachvereins Christian Neuberger sowie weitere Helfer.

Auch wenn keine Vorkenntnisse erforderlich waren, viele hatten schon erste Erfahrungen. „Wir haben es von unserem Opa und unserem großen Bruder gelernt“, erzählen die Schwestern Anna (9) und Klara (7); zwei von elf Mädchen. Konzentriert sitzen sie an ihrem Tisch. Führen einen Zug aus, blicken auf das Brett, analysieren die Stellung, überlegen sich mögliche Züge und deren Folgen.

Lesen Sie auch: Warum der Peis für die Weihnachtsgans durch die Decke geht und womit Mühldorfs Wirte sonst noch zu kämpfen haben

Auch wenn es schön ist, dass die Kinder daheim schon Schach gelernt haben, „manchmal ist das wie Stille Post“, weiß Günes, und am Ende werden die Regeln falsch gelehrt. Daher der Crash-Kurs. „Wenn man die Regeln nicht kennt, macht es keinen Spaß.“

Günes und seiner Mitstreiter vom Schachclub schlendern von Brett zu Brett, schauen erst einmal zu und geben Hilfe, wo sie nötig ist: erklären Regeln, weisen auf Gefahren hin, machen auf Möglichkeiten aufmerksam.

Schachclub-Chef Neuberger freute sich über den Zulauf. Der Schachclub hat derzeit 50 Mitglieder und konnte in den vergangen zwölf Monaten sogar zehn neue Jugendliche gewinnen. „Dank der Jugendarbeit von Erdogan Günes.“

„Ich möchte den Kindern etwas zurückgeben“, erklärt Günes seine Motivation. Er spielt seit seinem 13. Lebensjahr; zunächst nur mit einem Freund aus der Nachbarschaft, später im Waldkraiburger Schachclub. Anfangs war er nur der „Prügelknabe“, bis ihn der Ehrgeiz packte. „Ich war besessen und habe Tag und Nacht gelernt. Ich war der einzige Hauptschüler unter all den Gymnasiasten und Realschülern und wollte zeigen, dass ich nicht schlechter bin.“

Ebenfalls interessant: Droht dem Waldkraiburger Verein „Freiraum 36“ zum Zehnjährigen die Obdachlosigkeit?

Mit Erfolg: Er wurde unter anderem vier Mal Waldkraiburger Stadtmeister. Heute ist er nebenberuflich im Entwicklungsteam des Schachprogramms Kommodo, gibt Feedback zur Entwicklung des Programms und gewann damit fünf Mal in Folge die Computerschach-Weltmeisterschaft, zuletzt dieses Jahr in Macau.

Günes sitzt nicht nur vor dem Computer. Er spielt im Schachclub Waldkraiburg und in Österreich auch am Brett und trainiert von Montag bis Mittwoch die Waldkraiburger Schachjugend. „Ich möchte mein Wissen weitergeben. Die Kinder wollen lernen.“ Sei es im Verein oder hier im Schnupperkurs.

David (10) und Thomas (7) machen bereits die ersten Züge und achten auf die Stellung. Selbst, wenn sie einen Schluck aus der Trinkflasche nehmen, lassen sie die Figuren nicht aus den Augen. „Wir spielen fast jeden Tag in der Schule“, erzählen sie.

„Schach kann auch sehr schlau machen“, erklärt Thomas. „Mir gefällt, dass es so viele Figuren gibt“, meint Klara, „und das man dabei auch viel denken muss.“

„Erst überlegen,dann ziehen“

Schach ist äußerst vielfältig, die Anzahl an Kombinationen ist nahezu unendlich. Das Spiel der Könige ist eine Herausforderung, schult Gehirn, Geist, Konzentration und Vorstellungsvermögen. „Erst Überlegen, dann ziehen“, schärft Günes den Kindern immer wieder ein. Denn: „Berührt ist geführt.“

Eigentlich ist Schach ein martialisches Spiel. Hier stehen sich zwei Armeen gegenüber und gehen aufeinander los. Ein Hauen und Stechen mit Fallen und Finten. Ein Krieg auf 64 Quadraten. Günes relativiert: „Schach ist ein Spiel und ein sportliches Duell.“

Außerdem lesenswert: Auf einmal geht das Licht aus - Was war da in Neumarkt-St. Veit los?

Die Kinder sind im Haus des Buches jedenfalls begeistert. Der sieben-jährige Sherlock zappelt auf seinem Stuhl, seine Blicke wandern von Brett zu Günes und zurück. Immer wieder. Nebenbei löchert er Günes, mit seinen Fragen.

„Die Teilnahme war für Sherlock wichtiger als alles andere“, erzählt sein Vater und ergänzt: „Bei Schach lernen die Kinder auch, strategisch zu denken.“

Währenddessen baut Günes die Grundstellung wieder auf, geht in die Knie und fragt Sherlock und seine Spielpartnerin auf Augenhöhe: „Was ist bei der Eröffnung wichtig?“ Sherlock schaut ihn mit großen Augen an. Günes greift zu einem Bauern in der Brettmitte und zieht ihn vor: „Die Figuren zu entwickeln und das Zentrum zu besetzen.“

Und schon sind Sherlock und Günes in die Welt der schwarz-weißen Figuren abgetaucht, haben nur noch Augen und Ohren für das Brett und das Spiel, nehmen die Geräuschkulisse gar nicht mehr wahr. Schach hat sie gepackt.

Mehr zum Thema

Kommentare