Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


ENGAGIERTE ZEITZEUGIN

An Waldkraiburger Stadtgeschichte mitgeschrieben: Kulturpreisträgerin Erika Rahnsch gestorben

„Arbeit schafft Heimat“ – dieser Waldkraiburger Leitspruch wurde für Erika Rahnsch zur Grundhaltung. Jetzt ist die Kulturpreisträgerin der Stadt im Alter von 91 Jahren gestorben.
+
„Arbeit schafft Heimat“ – dieser Waldkraiburger Leitspruch wurde für Erika Rahnsch zur Grundhaltung. Jetzt ist die Kulturpreisträgerin der Stadt im Alter von 91 Jahren gestorben.
  • Erika Fischer
    VonErika Fischer
    schließen

Sie hat sich viele Verdienste um die Erinnerung an die alte Heimat im Sudetenland und die Museums- und Kulturarbeit in ihrer neuen Heimatstadt Waldkraiburg erworben: die engagierte Zeitzeugin Erika Rahnsch, die mit ihrem Tod eine große Lücke hinterlässt.

Waldkraiburg – Mit ihrem Tod verliert Waldkraiburg eine der besten Kennerinnen der Stadtgeschichte: Erika Rahnsch leistete wie kaum eine andere nach den traumatischen Erfahrungen der Vertreibung aus der alten Heimat mit Talent, Fleiß und Pioniergeist ihren unvergleichlichen Beitrag zum Wachsen und Gedeihen ihrer neuen Heimatstadt.

Mit 17 Jahren im Flüchtlingslager Pürten angekommen

Am 21. Juli 1929 als einzige Tochter der Eheleute Nittel im Glasdorf Falkenau- Kittlitz in Nordböhmen geboren, besuchte sie die Bürgerschule. Um der russischen Zwangsarbeit zu entgehen, versuchte sie sich als Glasmalerin. Doch am 13. Juni 1946 wurde die Familie in einen Viehwaggon verladen und nach Thüringen in die sowjetische Besatzungszone ausgewiesen. Die konnte sie bald wieder verlassen: Der Inhaber der Glashütte ihres Heimatdorfs suchte im Werk „Kraiburg/Inn II“ Mitarbeiter für einen neuen Betrieb. So landete die damals 17-Jährige im Flüchtlingslager Pürten.

Dem Grundsatz „Arbeit schafft Heimat“ verpflichtet

Trotz widrigster Umstände hob Rahnsch immer wieder die positiven Erinnerungen an diese Zeit hervor, die durch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen aus dem Sudetenland geprägt war. So fühlte sie sich von Anfang an der neuen Heimat verpflichtet. Schon in den Baracken gab es ja eine Musikkapelle, wurde der Verein für Leibesübungen gegründet, und die Industriegemeinschaft nahm ihre Arbeit auf – alles frei nach dem Leitspruch „Arbeit schafft Heimat“, der zu ihrer Grundhaltung wurde.

Den Aufbau Waldkraiburgs miterlebt

Als kaufmännische Bürokraft unterstützte sie ihre Familie, war bei Negro und Elaston tätig, bis sie im Ingenieurbüro Rösler Rahnsch Reilich eine Anstellung fand. Sie erlebte mit, wie zunächst nur Um- und Einbauten in bestehende Bunker vorgenommen wurden und schließlich die „Waldkraiburger Aufbaugesellschaft“ entstand, die das Gesicht der Stadt mitprägte.

Schwere Schicksalsschläge

Den Ingenieur Horst Rahnsch hatte sie 1952 geheiratet. 1953 wurde Sohn Johannes geboren, dem die Brüder Wolfgang und Gerhard folgten. Oma Erika freute sich über sechs Enkel und in ihren letzten Lebenstagen auf den ersten Urenkel. Sowohl der Tod ihres Mannes 1994 wie besonders auch der ihres Sohnes Johannes 2020 hinterließ schmerzliche Spuren. Doch unerschütterlich war trotz eingeschränkter Beweglichkeit ihre Schaffenskraft und ihre Hilfsbereitschaft.

Viele Jahre engagierte sie sich im Förderverein Stadtmuseum, in der Heimatgruppe Oberland-Niederland, als Museumsführerin, in Interviews als Zeitzeugin, in der Archivarbeit, etwa für das Haidaer Heimatarchiv. Sie war es auch, die das erste Haidaer Fest aus der Taufe hob, das mit dem 60. Jubiläum 2011 ein Ende fand.

Unterstützung für das Stadtarchiv

Eine andere Erfolgsgeschichte ist ohne sie nicht denkbar. Wie Stadtarchivar Konrad Kern immer wieder betont, wäre er als absoluter Neuling in Waldkraiburgs Vergangenheit nicht in der Stadt geblieben, wenn nicht Rahnsch ihm Mut gemacht und Tür und Tor zu wichtigen Leuten geöffnet hätte. Die äußerst fruchtbare Zusammenarbeit hielt bis in die letzten Lebenstage der Verstorbenen an.

Brückenbauerin nach Tschechien

Nicht nur das gute Miteinander der Waldkraiburger lag ihr am Herzen. Sie schaffte es auch, einen regen Austausch zwischen Deutschen und Tschechen anzukurbeln, als sie Kontakt aufnahm mit Petr Kubat aus Kytlice, der ihr Elternhaus erworben und hergerichtet hatte und sie bei ihrem ersten Besuch mit den Worten begrüßte: „Jetzt kommt die Geschichte zu mir!“ Ein Beispiel, das gerade bei jungen Tschechen wachsende Bereitschaft weckte, neue Verbindungen zu knüpfen.

Zahlreiche Auszeichnungen

Zahlreiche Auszeichnungen würdigten das Lebenswerk der Verstorbenen. Die Stadt verlieh ihr wegen ihres „wichtigen Beitrags zur Friedensarbeit“ den Kulturpreis. Rahnsch wurde mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik geehrt, erhielt die August-Sauer-Plakette des Sudetendeutschen Archivs, das Ehrenzeichen für das Ehrenamt des Freistaates Bayern und die Ehrennadel des Verbandes bayerischer Geschichtsvereine.

„Botschafterin„ des Glasmuseums

Ihr schrittweiser Rückzug aus einem erfüllten Arbeitsleben begann vor genau drei Jahren, als sie ihre Ämter im Museumsverein niederlegte und zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Buchstäblich bis zum letzten Atemzug beantwortete sie Anfragen zur Stadtgeschichte und setzte sich für „ihr Glasmuseum“ ein, als dessen beste Botschafterin sie unvergessen bleibt.

„Arbeit schafft Heimat“ – dieser Waldkraiburger Leitspruch wurde für Erika Rahnsch zur Grundhaltung. Jetzt ist die Kulturpreisträgerin der Stadt im Alter von 91 Jahren gestorben.

Mehr zum Thema

Kommentare