Erste Pioniere eingezogen

Alternatives Wohnen in Altötting: Waldkraiburger Genossenschaft macht‘s möglich

„Wirklich gute Ansätze.“ Birgit Köpf und Werner Meisenecker von der WSGW hören interessiert den Ausführungen von David Pietzka zu, wie das alternative Wohnprojekt in dem ehemaligen Gebäude der Waldkraiburger Genossenschaft in Altötting geplant ist. Hoffmann
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„Wirklich gute Ansätze.“ Birgit Köpf und Werner Meisenecker von der WSGW hören interessiert den Ausführungen von David Pietzka zu, wie das alternative Wohnprojekt in dem ehemaligen Gebäude der Waldkraiburger Genossenschaft in Altötting geplant ist. Hoffmann

Eigentlich war es schon zum Abriss bestimmt. Doch dann hat die Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Waldkraiburg (WSGW) ein Haus in Altötting verkauft – an die Sauriassl GmbH, die alternative Wohnprojekte verwirklicht.

Waldkraiburg/Altötting– Das bald hundertjährige Bauwerk ist in schlechtem Zustand, aber die ersten Mieter sind schon eingezogen und haben mit dem Ausräumen begonnen.

Statt verschimmelter Wohnung im dritten Stock jetzt warme Erdgeschosswohnung

Christl Kuneth bewohnt seit zwei Monaten eine kleine Wohnung im Erdgeschoss des Hauses an der Trostberger Straße, das 1920 unter Architekt Hermann Selzer entstand. Sie ist sehr froh, hier etwas bekommen zu haben. Die 59-Jährige wohnte vorher im dritten Stock, mit ihr eine Herde Schimmelpilze. „Man wird nicht jünger und hier habe ich ebenerdig 52 Quadratmeter mit Keller. Ich zahle 346 Euro warm, schimmelfrei“, lacht sie.

Christl Kuneth ist sehr froh, hier günstig eine ebenerdige Wohnung bekommen zu haben, auch wenn nicht alles in perfektem Zustand ist.

Alternatives Wohnen wollte sie immer schon ausprobieren und gehört jetzt hier zu den „Pionierbewohnern“, wie die ersten Mieter in einem Projekt genannt werden. „Das Konzept finde ich gut, gerade auch für Menschen, die einsam sind oder psychische Probleme haben, denen wird echt geholfen.“ Schon jetzt sind acht Wohnungen belegt.

Nebenan wohnt ein junges Paar. „Die sind sehr nett. Sie helfen immer, tragen mir schwere Sachen. Dafür koche ich manchmal, mache Bratkartoffeln“, erzählt Christl, die sich gleich als die gute Seele des Hauses verstand.

Günstiger Wohnraum ist Mangelware

„Die Nachfrage nach günstigem Wohnraum ist so hoch, dass wir täglich Anfragen haben, ob noch Wohnungen zu haben sind. Aber die, die jetzt noch frei sind, haben zum Teil nicht einmal eine Dusche, die können wir so nicht vermieten“, erklärt Daniel Pietza. Der Geschäftsführer der Sauriassl GmbH wohnt selbst in einem solchen Haus und hat mittlerweile viel Erfahrung damit.

WSGW hätte das Haus nicht mehr renoviert

Die WSGW hätte das Haus selbst nicht mehr renoviert. „Wir hätten es vorher schon an andere verkaufen können, aber das Konzept hat uns interessiert, auch im Hinblick auf mögliche zukünftige gemeinsame Projekte“, sagt Geschäftsführer Werner Meisenecker. „Das Konzept entspringt dem ursprünglichen genossenschaftlichen Gedanken.“

Die Bewohner des Hauses (von links) Thomas Wollner und Christl Kuneth, David Pietzka und Marcel Seehuber, und Markus Huber vom Projekt und Birgit Köpf sowie Werner Meisenecker von der WSGW.

Und Birgit Köpf, Leiterin der Mietwohnungsverwaltung bei der Waldkraiburger Genossenschaft, setzt hinzu: „So eine Sanierung wäre bei uns nicht finanzierbar gewesen, auch hinsichtlich der Vermietung. Wenn wir das nach unseren Standards gemacht hätten, hätte man eine nicht barrierefreie Wohnung zu einem hohen Mietpreis gehabt.“

Auch andere Gemeinschaftsprojekte denkbar

Aber man werde die weiteren Entwicklungen mit Interesse verfolgen. Möglicherweise sei auf dem Grundstück, das zwischen dem nun verkauften Haus und weiteren Bestandshäusern der WSGW weiter hinten liegt, ein Neubau der WSGW geplant. Dann wären auch noch andere Gemeinschaftsprojekte denkbar, zum Beispiel ein Gemeinschaftsgarten oder Car Sharing.

Car-Sharing statt Tiefgarage

Auch hier will das Projekt andere Wege gehen. Für ein solches Haus müsste man in Altötting viele Stellplätze bauen, was bei einem Neubau nur mit Tiefgarage zu machen wäre. Wenn für alle Wohnungen aber nur zwei Carsharing-Autos dastünden, sei die Rechnung eine ganz andere. „Wir sind da gerade in Verhandlungen mit der Stadt. Solche Überlegungen sind ja ganz neu“, erklärt Marcel Seehuber, ein weiterer Bewohner des Ursprungsprojekts und Vorstand des Sauriassl Syndikats.

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Ganz aktuell konnte man schon den Fernwärmeanschluss des Gebäudes verwirklichen. Dann muss die Fassade gedämmt werden, dreifach-verglaste Fenster sollen hinein kommen. Und das Dach soll ausgebaut werden, um zusätzlichen Wohnraum vielleicht in schönen Lofts zu schaffen. Die Stromleitungen hat die WSGW zum größten Teil schon erneuert.

Selbstbestimmt Wohnen

Im nächsten Frühjahr soll eine Projektgruppe gebildet werden aus aktuellen und zukünftigen Bewohnern, die dann weiterplanen, was mit dem Haus geschehen soll. „Hier gibt es ein paar wirklich gute Ansätze“, lobt Meisenecker zum Abschluss. „E-Mobilität, Carsharing, Gemeinschaftsflächen, das ist nicht so einfach. Für uns ist das auch ein bisschen ein Test, um heutige Fragen zu beantworten.“ Auch wenn es aktuell in Waldkraiburg kein Gebäude gibt, wo man sich ein ähnliches Projekt vorstellen könne.

„Sauriassl GmbH“: Konzept und Struktur

Daniel Pietzka und seine Mitstreiter finden das Konzept so sinnhaft und nachhaltig, dass sie mittlerweile immer wieder gern anpacken und anderen helfen, ihre eigenen Bewohnergemeinschaften aufzubauen. Die Struktur, die aus dem jeweiligen Hausverein und der Sauriassl GmbH besteht, deren einer von zwei Gesellschaftern das Sauriassl Syndikat e.V. ist, hilft den Bewohnern, indem ihnen Organisatorisches und viel Verwaltung abgenommen wird. Renditeorientiert ist hier niemand.

David Pietzka kann in dem alten Gebälk schon die modernen Loftwohnungen sehen, die er dort ausbauen möchte.

„Dass das hier funktioniert, ist unserer unkonventionellen Herangehensweise geschuldet“, erklärt Marcel Seehuber, Vorstand des Sauriassl Syndikats weiter. „Wir haben aber gesehen, dass eine komplette Selbstverwaltung nicht gut klappt. Deshalb nehmen wir den Bewohnern Dinge wie Mietverträge und Versicherungen ab.“

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