Unterricht im Wandel der Zeit

Als es noch Matritzen gab: Waldkraiburger Lehrer tauschen sich über Schule damals und heute aus

Religionslehrer Manfred Scharnagl stand beim Theaterstück „Weh dem, der lügt“, selbst in der Hauptrolle des Küchenjungen Leon auf der Bühne und half bei der Organisation mit. Privat/Fischer
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Religionslehrer Manfred Scharnagl stand beim Theaterstück „Weh dem, der lügt“, selbst in der Hauptrolle des Küchenjungen Leon auf der Bühne und half bei der Organisation mit. Privat/Fischer
  • vonErika Fischer
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Matrizen sind längst von Kopierern abgelöst worden, der Overhead-Projektor existiert noch an vielen Schulen. Vieles hat sich im Wandel der Zeit geändert. Drei Lehrer der Realschule Waldkraiburg sprechen über die Schule damals und heute.

Waldkraiburg – Franz Stettner (36) unterrichtet seit 2014 in Mathematik und Sport, Diakon Manfred Scharnagl (58) in Religion und Autorin Erika Fischer (79) war von 1969 bis 2006 als Deutsch- und Geschichtslehrerin im Einsatz. Denkt Erika Fischer an den Beginn ihrer Tätigkeit zurück, waren auch noch Biologie-, Erdkunde- sowie Kunst- und Leibeserziehungsstunden in ihrem ersten Wochenplan. Bereiche, die sie nicht studiert hatte. Fachfremder Unterricht war damals keine Seltenheit. „Das verlangte intensive Vorbereitung, denn ich musste den Schülern inhaltlich ein bis zwei Stunden voraus sein.“

Überangebot für die Schüler

Ein solches Zusatzpensum sei heute nicht mehr möglich, wendet Franz Stettner ein: „Es bringt sich jeder Lehrer fachlich mit den Regelstunden im technischen, wirtschaftlichen, fremdsprachlichen oder hauswirtschaftlichen/handwerklichen Zweig ein.“ Daneben wird den Schülern eine große Palette von Wahlfächern, Ergänzungsunterricht und Talentkursen geboten, was den zusätzlichen Einsatz der Kollegen erfordert. „Außerdem sind wir offene Ganztagsschule mit Hausaufgabenbetreuung und bieten Beratung in Schulpsychologie, Medienpädagogik oder Informationstechnologie“, erklärt Stettner. Für manche Schüler sei das fast ein Überangebot, wendet Diakon Scharnagl ein.

Er war ein „Rettungsanker“ für Erika Fischer, als sie nach einer Beschwerde im Rektorat über zu wenig Aktivitäten an der Schule ohne Vorkenntnisse zwei Stunden Schulspiel „aufgebrummt“ bekam. In Scharnagl fand sie einen idealen Organisator und Schauspieler. Mit einem kleinen Ensemble wagte man sich an einen Klassiker: In Franz Grillparzers Stück „Weh dem, der lügt“ übernahm Scharnagl nicht nur die Hauptrolle, er half beim Erstellen der Kulissen und Kostüme und beschwerte sich couragiert als Chefredakteur in der Schülerzeitung „Interklecks“: „Es müsste doch machbar sein, dass wenigstens an einem Nachmittag die Bühne für die Theaterproben frei ist!“

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Eine große Auswahl von Wahlfächern haben die Schüler heutzutage, wie hier die Lesetutoren an der Realschule. Für manche ist es aber auch ein Überangebot.

Diese Möglichkeiten sind nicht mit den heutigen Aufführungen zu vergleichen. So brachte ein Spieler- und Mitarbeiterstab von 50 Schülern die Kriminalkomödie „Acht Frauen“ oder die „Winterwiesn“ mit Theaterleuten, Technikerstab, vier Musikensembles und acht Chören auf die Bühne.

Schon allein die heutigen technischen Möglichkeiten unterscheiden sich stark. „Arbeitsblätter entstanden auf Matrizen und Standardausrüstung im Klassenzimmer war der Overheadprojektor, der auch heute noch in 54 Prozent der Schulen eingesetzt wird. Filme zeigen war eine Ausnahme, dazu kamen Diaskope, Episkope, Plattenspieler und Tonbandgeräte zum Einsatz“, sagt Erika Fischer.

Große Schritte der Technik

Die Technik hat große Fortschritte gemacht: „Arbeitsblätter und Folien sind in Sekundenschnelle sichtbar per Smartphone, Tablet und interaktivem Whiteboard. Beamer stehen fast in jedem Klassenzimmer und ermöglichen ein Lernangebot, das an den individuellen Wissensstand und Lernfortschritt angepasst werden kann“, sagt Stettner. Doch das hat auch Nachteile: „Die Schüler verlieren an Schreibkompetenz. Und wenn die Technik versagt, muss allein die Tafel herhalten.“

Erika Fischer war fast 37 Jahre Deutsch- und Geschichtslehrerin.

Frontalunterricht, wie ihn Manfred Scharnagl selbst genossen hat, sei nicht mehr das Maß der Dinge. Gruppenarbeit und Beamer seien angesagt. „Ein frontales Gegenüber als Unterrichtsmethode ist höchstens noch bei Prüfungsvorbereitungen erwünscht“, ergänzt Stettner.

Über mangelndes Desinteresse oder Aufsässigkeit der Schüler kann er sich ebenso wenig wie Manfred Scharnagl beklagen. „Der Lehrer ist nicht mehr der geachtete Vorgesetzte wie damals. Es herrscht eher eine Art kameradschaftliches Verhältnis, das bei manchen Schülern aber auch in Respektlosigkeit ausarten kann.“

Kein Buch mit sieben Siegeln

Die Notengebung sei längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr, denn die Eltern erhalten zweimal im Jahr eine Übersicht über alle Zensuren. Konfliktpotenzial entstehe eher mit den Lehrern. Denn dieser soll Mängel ausbügeln, die sich daheim angehäuft haben. Manchmal seien die Forderungen auch überzogen. So sollten nach Meinung der Eltern viel mehr Berufspraktika möglich gemacht werden. „Früher gab es eine einmalige Einzelberatung vom Arbeitsamt“, ergänzt Erika Fischer. Heute schaut das anders aus: „Unsere Realschule pflegt gute Beziehungen zu Betrieben und Institutionen und wir haben mit Firmen einen Berufsbildungspakt geschlossen, um Praxisnähe zu vermitteln“, sagt Stettner.

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Erika Fischer erinnert sich gerne daran, wie gut es sowohl bei den Schülern ankam, sich schon in der Schule zu gemeinsamen Treffen – auch mit Lehrern – zu verabreden. „Wie sieht es heute damit aus“, fragt sie. Es sei alles sehr unverbindlich geworden, man könne sich ja immer noch über soziale Netzwerke absprechen. Darunter leide ihres Erachtens das Eingehen auf den Anderen, das Persönliche. Dies sei besonders jetzt in Corona-Zeiten deutlich zu spüren.

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