Auf Abstand klettern: Zug um Zug nimmt das Kletterzentrum Waldkraiburg wieder Fahrt auf

Auf Absprunghöhe: Das Kletterzentrum hat wieder geöffnet und damit bieten sich auch für Matthias Hönning wieder Trainingsmöglichkeiten beim Bouldern.
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Auf Absprunghöhe: Das Kletterzentrum hat wieder geöffnet und damit bieten sich auch für Matthias Hönning wieder Trainingsmöglichkeiten beim Bouldern.

Drei Monate dauerte die coronabedingte Pause im Kletterzentrum Waldkraiburg. Jetzt geht es wieder ganz nach oben – mit Einschränkungen, aber auch auf neuen Routen.

Von Nicole Petzi

Waldkraiburg – Wenn man beim Klettern ‚ganz oben‘ ankommt, sei es in der Halle oder in freier Natur, wird man im Leben gelassener, findet Matthias Hönning. Der 34-jährige Gymnasiallehrer aus Waldkraiburg nutzt gern die günstige Lage des DAV-Kletterzentrums gegenüber seiner Schule, um vor oder nach dem Unterricht – oder wenn sich Freistunden ergeben – in der Halle eine Trainingseinheit zu absolvieren.

Nach der dreimonatigen ‚Corona-Pause‘ kann er sich endlich wieder an den Kletterwänden nach oben arbeiten. Nachdem die Staatsregierung für diesen Sport die Regelungen gelockert hat, bietet auch die Waldkraiburger Kletterhalle für alle begeisterten ‚Kraxler‘ erneut Anlaufstation und öffnet ihre Pforten.

Klettern als Geschicklichkeitssport

Und ‚Kraxler‘ könnten es ruhig mehr sein, ist sich Matthias Hönning sicher. „Für rund 80 Prozent der Menschen wäre der Sport attraktiv“, schätzt der durchtrainierte Sportlehrer, der bei Gelegenheit auch Felsklettern im Freien betreibt. Viele haben ein falsches Bild vom Klettern im Kopf, werden doch im Fernsehen lediglich ‚Extreme‘ gezeigt. Dabei sei die Anfahrt mit dem Auto zur Halle das Gefährlichste bei der Sache. „Nur weil mein Kind im TV die Formel Eins schaut, verbiete ich ihm doch nicht das Autofahren, oder?“ Nein: Klettern, das könne jeder verantwortungsvoll und sicher betreiben. Matthias schmunzelt.

So ruhig und entspannt er auf seinem Sessel im Bistro der Kletterhalle sitzt und erzählt, merkt man, dass etwas an seinen Worten dran sein muss. Klettern, das sei in erster Linie ein Geschicklichkeitssport, der mit Kreativität und Nervenkitzel verbunden ist. Und bei dem man erstaunlicherweise auch seine Höhenangst ablegen kann und Sicherheit gewinnt. Das merke Matthias besonders bei der Arbeit mit Kindern, der er sich ebenfalls widmet.

Während man am Fels die Herausforderung zu meistern hat, an die richtigen Stellen zu fassen, folgt man in der Halle an der Kletterwand der vorgegebenen Route, die durch die gleichfarbigen Griffe vorgegeben ist.

Es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade, die sowohl für den Anfänger als auch den Profi geeignet sind. Ein Überhang ist freilich schwerer zu überwinden als eine gerade Wand. Aber Angst zu haben abzustürzen, muss man auch hier nicht, ist doch der Kletterer durch ein Seil gesichert, auf das der Sicherheitspartner am Boden ein Auge hat. Und wenn man doch einmal abrutscht? „Dann fliegt man und wird sanft vom Seil aufgefangen“, sagt Matthias und lacht. Ein Seil, das man übrigens beim Trendsport Bouldern nicht hat.

Hier klettern besonders gern die Youngsters und solche, die sich einfach mal ausprobieren wollen, ohne Gurt auf Absprunghöhe. Ein falscher Griff – und man landet auf einer weichen Matte. Trotzdem: gerade hier passieren, wenn überhaupt, die ein oder anderen Unfälle, weil die Kletterer unglücklich fallen, erklärt Karsten Rehbein, Vorsitzender der DAV-Sektion Mühldorf, die für die Kletterhalle zuständig ist.

Nur jede zweite Route ist zu nutzen

Und noch wegen einer anderen Sache müssen die Verantwortlichen derzeit den Boulder-Raum, der in der ersten Etage des Zentrums auf einer Fläche von rund 300 Quadratmetern 86 verschiedene Routen anbietet, besonders im Auge behalten: Hier bewege man sich manchmal auf engem Raum zu dicht beieinander. Abstandsregeln! Natürlich gelten auch für die Kletterhalle Corona-bedingte Einschränkungen. Deswegen darf nur jede zweite Route benutzt werden und auch das Bistro wartet mit weniger Tischen auf.

Darüber hinaus verleiht man derzeit kein Material; Duschen und Umkleiden sind ebenfalls tabu. Dem Kletterspaß tut das allerdings keinen Abbruch, tummeln sich doch in diesen frühen Abendstunden so einige Freizeitsportler – samt Familien – sowohl an der rund 550 Quadratmeter großen Außenwand sowie auch im Innenbereich. Der biete übrigens mit seinen fast 1000 Quadratmetern an Wandfläche und einer Höhe von 16 Metern Wettkampfvoraussetzungen und sei keine Standardhalle, erläutert Karsten Rehbein. Ansprüche, die erfüllt werden wollen! Daher habe das Kletterhallen-Team den Shutdown zum ‚Schrauben‘ neuer Routen an der Außenwand und im Boulderbereich genutzt.

Austoben an der Wand

Die ersten, die sich seit der Öffnung daran erfreuen, sind vor allem die Sportler mit Abo- oder Punktekarte, die drei Monate lang ohne Klettern auskommen mussten und die nun zwischen 6 und 22 Uhr die Halle nutzen und Kondition aufbauen können. Einer davon ist Matthias Hönning, der sich allerdings – als Sportlehrer kein Wunder – auch während der Pause mit Laufen oder Mountainbiken fit hielt. Für den Rest sorgt die Elternzeit, in der der junge Vater momentan steckt.

Nun kann er sich allerdings auch wieder an der Wand austoben. Der ein oder andere könnte während der kletterfreien Zeit ein wenig Routine verloren haben. „Die Auswirkungen auf die Psyche sind nicht zu unterschätzen. Die Sturzangst könnte sich in der Zeit wieder einschleichen.“ Je mehr Angst man habe, desto schlechter klettere man.

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Zeit ist es also, dass der Betrieb im Waldkraiburger Kletterzentrum wieder in die Vollen geht. Das findet auch Karsten Rehbein, der dabei die Finanzen der Sporteinrichtung im Blick hat. Da die einnahmestärksten Monate zwischen Oktober und März liegen, habe man mit dem Shutdown bereits das Quartalsziel erreicht.

Jetzt wäre ein gut besuchter Regelbetrieb, der beispielsweise auch die Senioren, die Therapie- oder Behindertengruppen sowie natürlich die spontanen ‚Event‘-Besucher, Kindergeburtstagsfeiern oder Kurse des Alpenvereins Mühldorf umfasst, wünschenswert. Letztere starten übrigens wieder Anfang Juli.

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