Wieder Anschlag in Waldkraiburg – Polizei: "Feige Straftaten an türkischen Einrichtungen"

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Das Kebaphaus am Morgen danach: Mehrere Scheiben waren eingeworfen. Kurz vor 3 Uhr in der Früh hatte ein unbekannter Täter zugeschlagen. Die sofort eingeleitete Fahndung mit einem Großaufgebot der Polizei blieb erfolglos.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Die Übergriffe auf türkische Einrichtungen in der Stadt Waldkraiburg nehmen kein Ende. In der Nacht zum Mittwoch – nur zehn Tage nach dem verheerenden Brand im Stadtzentrum – war ein „Kebaphaus“ im Süden der Stadt betroffen. Diesmal war es kein Brandanschlag, die Soko „Prager“ ermittelt wegen Sachbeschädigung.

Update 12.30 Uhr: 

Die Serie reißt nicht ab

Waldkraiburg – Scheiben wurden eingeworfen, ein Eimer mit einer stinkenden Flüssigkeit hinterlassen. Es ist bereits der vierte Anschlag, der sich gegen ein Geschäft oder Lokal türkischer oder türkischstämmiger Inhaber richtet. Von „feigen, niederträchtigen Straftaten“ spricht Polizeipräsident Robert Kopp in einer ersten Stellungnahme und kündigte an, die polizeiliche Präsenz und den Schutz von türkischen Einrichtungen im Stadtgebiet Waldkraiburg nochmals zu intensivieren. 

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Hubschrauber kreist über der Stadt

Was ist jetzt schon wieder los? Das mag so mancher Waldkraiburger gedacht haben, als am Mittwoch zwischen 3 und 4 Uhr in der Früh Hubschrauberlärm die halbe Stadt aus dem Schlaf holte. Ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Süden Waldkraiburgs. 

Mehrere zivile und uniformierte Streifenbesatzungen, ein Personensuchhund sowie zwei Streifen der Bundespolizei waren in die Fahndung eingebunden, die einem unbekannten Täter galt, der an dem beliebten Imbiss in der Liszt-Straße Sachschaden in Höhe von tausend Euro verursacht hatte. 

Ein Anwohner des Wohnhauses über dem Lokal hatte gegen 2.50 Uhr über Notruf die Polizei verständigt. Die war laut einem Anwohner wenige Minuten später am Tatort, konnte den Täter aber nicht schnappen. 

"Es ist der Name" – er klingt türkisch

Gegen 21.30 Uhr hatte Hasan C., der Inhaber des Kebaphauses am Dienstag den Laden verlassen. Er habe nichts Verdächtiges bemerkt, sagt er am Morgen danach. Von Vorfällen in der Vergangenheit weiß C., der den Imbiss im Juli 2019 übernommen hat, nichts. Ein privater Hintergrund? „Mich kennt hier niemand“, sagt der 48-Jährige aus dem Landkreis Altötting. „Es ist der Name“, ergänzt er und deutet auf das Werbeschild über dem Eingang des Lokals. 

Ein türkisch klingender Name, so wie bei den beiden Geschäften, dem Friseurladen am Sartrouville-Platz und dem Pizzaservice am Annabergplatz, die in der Nacht von 17. auf 18. April und vom 18. auf den 19. April beschädigt wurden. Und so wie bei dem Lebensmittelladen, ebenfalls am Sartrouville-Platz, wo in der Nacht vom 26. auf 27. April mit großer Wahrscheinlichkeit ein Brand gelegt wurde, bei dem sechs Menschen verletzt wurden und ein Sachschaden über der Millionen-Grenze entstand. „Das sind Feiglinge, die kommen nur in der Nacht“, sagt Hasan C. 

Und sie kommen, obwohl die ganze Stadt seit dem Brand voll ist mit Polizisten. Ahmet Baskent macht „dieser Mut“ Angst. Nach dem erneuten Vorfall glaubt auch der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde, der bislang sehr zurückhaltend mit Spekulationen war, daran, dass die Anschläge „gezielt gegen Türken gerichtet sind“. 

Baskent: „Wir können nichts tun, wir können nur hoffen, dass die Sache bald aufgeklärt wird.“ Das ist auch die große Hoffnung von Bürgermeister Robert Pötzsch, der sich am Morgen selbst einen Eindruck am Tatort verschafft. „Ich bin schockiert, so viele Vorfälle in so kurzer Zeit. Leider ist die Serie nicht abgerissen.“ Pötzsch setzt auf die Arbeit der Ermittler. 

Dringend Hinweise gesucht

Die SOKO „Prager“ bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. Wer hat in den frühen Morgenstunden des heutigen Mittwochs, 06.05.2020, zwischen 01:00 und 03:30 Uhr in der Franz-Liszt-Straße von Waldkraiburg oder in der näheren Umgebung verdächtige Personen oder Fahrzeuge festgestellt?

Sachdienliche Hinweise zur heutigen Sachbeschädigung oder zu den zurückliegenden Taten im Zusammenhang mit den Ermittlungen der SOKO „Prager“ können an die Hotline unter der Rufnummer 08031 / 200 - 3180 (08:00 - 22:00 Uhr) oder 08031 / 200 - 3087 (22:00 - 08:00 Uhr) und bei jeder anderen Polizeidienststelle abgegeben werden.

Auch das Medien Upload Portal, welches die SOKO für private Bild- und Videoaufnahmen eingerichtet hat, steht für Hinweise aus der Bevölkerung nach wie vor zur Verfügung. Es ist unter folgendem Link erreichbar: https://medienupload-portal03.polizei.bayern.de Durch abscannen des beigefügten QR Codes gelangt man ebenfalls zum Upload Portal. Die Erläuterungen wurden in deutscher, türkischer und englischer Sprache zur Verfügung gestellt.

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Update 11.30 Uhr: 

SOKO „Prager“ ermittelt

Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd im Wortlaut

WALDKRAIBURG, LKR. MÜHLDORF AM INN. In der Nacht auf Mittwoch, 06.05.2020, kam es im Stadtgebiet von Waldkraiburg erneut zu einer Sachbeschädigung zum Nachteil eines türkischen „Kebaphaus“. Die eingeleiteten Fahndungsmaßnahmen unter Federführung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd mit einem hohen Kräfteansatz blieben bislang erfolglos. Die SOKO „Prager“ ermittelt.

Gegen 02:50 Uhr verständigte ein Anwohner der Franz-Liszt-Straße aus Waldkraiburg über Notruf die Polizei und teilte mit, dass bei einem benachbarten Imbiss eine Fensterscheibe eingeworfen wurde. Es entstand Sachschaden in Höhe von etwa 1.000 Euro.

Großfahndung bisher erfolglos

Unmittelbar darauf veranlasste die Polizei eine umfangreiche Fahndung mit einer Vielzahl von zivilen und uniformierten Streifenbesatzungen. Auch ein Personensuchhund und ein Polizeihubschrauber sowie zwei Streifen der Bundespolizei waren in die Fahndungsmaßnahmen eingebunden. Bislang blieb die Fahndung erfolglos.

Da ein Zusammenhang mit den bisherigen Taten gegen türkische Gewerbetreibende aus Waldkraiburg (wir berichteten) nicht auszuschließen ist, wird dieser Fall von der mit Hochdruck ermittelnden SOKO „Prager“ bei der Kriminalpolizeistation Mühldorf am Inn übernommen.

Polizeipräsident nennt Taten "niedertächtig und feige"

Polizeipräsident Robert Kopp:

„Die Polizei wird in enger Abstimmung mit der sachleitenden Generalstaatsanwaltschaft München weiterhin alles daran setzen, diese öffentlichkeitswirksamen Straftaten zu klären. Parallel dazu wird die polizeiliche Präsenz und der Schutz von türkischen Einrichtungen im Stadtgebiet Waldkraiburg nochmals intensiviert. Die niederträchtigen und feigen Straftaten an türkischen Einrichtungen nehmen wir nicht hin. Sie sind mit einer toleranten und weltoffenen Gesellschaft nicht vereinbar.“


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Erstmeldung 9.30 Uhr: 

Serie scheint fremdenfeindliches Motiv zu haben

Die Serie der Anschläge auf türkische Geschäfte in Waldkraiburg geht weiter. In der Nacht zum Mittwoch wurde ein türkischer Imbiss im Süden der Stadt von Unbekannten beschädigt.

Dem Vorfall waren Übergriffe auf zwei andere Geschäfte voran gegangen, einen Friseursalon sowie einen Pizzaservice, die ebenfalls türkische beziehungsweise türkischstämmige Inhaber haben.

Höhepunkt der Serie war ein Brandanschlag auf ein Lebensmittelgeschäft am Sartrouville-Platz in der Nacht zum Montag, 27. April, bei dem Schaden jenseits der Millionengrenze entstand und sechs Personen verletzt wurden.

Seitdem arbeitet die Soko „Prager“ mit fast 50 Mitarbeitern an der Aufklärung der Fälle. Die Zentralstelle zur Bekämpfing von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen übernommen. hg 

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