Aus dem Stadtrat

Viel zu viele Menschen – Anwohner Altmühldorfs lehnen geplante Bebauung des Wintererhofs ab

Der Wintererhof: Auf seinem Gelände und Teilen der Wiese rechts davon sollen Wohnungen für 350 Menschen entstehen. Die Nachbarschaft besteht meist aus Einfamilienhäusern. Links das Haus der Familie Zettl.
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Der Wintererhof: Auf seinem Gelände und Teilen der Wiese rechts davon sollen Wohnungen für 350 Menschen entstehen. Die Nachbarschaft besteht meist aus Einfamilienhäusern. Links das Haus der Familie Zettl.
  • Markus Honervogt
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Der zentral in Altmühldorf gelegene Wintererhof soll bebaut werden. Auf dem schon lange nicht mehr landwirtschaftlich genutzten Gebiet plant ein Investor sechs Mehrfamilienhäuser für voraussichtlich 350 Menschen. Die Nachbarn sind entsetzt, der Stadtrat hat das Vorhaben erst mal gestoppt.

Mühldorf – Der Widerstand gegen das neue Baugebiet beginnt mit Glühwein. Weil es kalt ist und nass, serviert Renate Zettl das heiße Getränk coronagerecht auf der Terrasse. Der Blick von dort endet an der Mauer eines Bauernhofstadls. Neun Meter hoch ist er und kein Problem, findet Alfons Zettl. Geht es nach den Vorstellungen der Stadt, wird das Haus künftig deutlich höher sein: Bis auf 11,50 Meter soll es wachsen, Fenster mit Blick in Zettls Garten, Schatten statt Sonne.

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Das 11,5 Meter hohe Haus ist eines von sechs neuen Mehrfamilienhäusern, die auf dem Gelände des Winttererhofs in Altmühldorf entstehen sollen. Die meisten sind noch höher, 15,85 Meter Firsthöhe sind im Bebauungsplan gleich vier Mal verzeichnet. „So hohe Häuser brauchen wir nicht“, betont Zettl.

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Es geht ums ganze Dorf

Die Nachbarn stimmen zu, nippen am Glühwein, bemühen sich, eine Redereihenfolge einzuhalten, ihre Emotionen zu bändigen. Denn ihnen geht es nicht nur um Höhe, um die Einfügung in die Nachbarschaft, um die Dorfansicht. „Es geht es ums ganze Dorf.“

Was Zettl und seine Nachbarn meinen, zeigt ein Blick in die Dorfstatistik. Drei, fünf, maximal zehn Menschen lebten auf dem Wintererhof. Wenn die geplanten 162 neuen Wohnungen fertig sind, werden es voraussichtlich 350 sein. „Das ist eine Steigerung von über 15 Prozent der Bevölkerung Altmühldorfs“, sagt SPD-Stadtrat Gottfried Kirmeier. Der Altmühldorfer hat sich zum Fürsprecher der Anwohner gemacht und das Treffen organisiert. 350 Menschen, die, so fürchten die Anwohner, morgens binnen einer Stunde über die stark befahrene Münchner Straße zur Arbeit wollen.

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Das ist Altmühldorf heute: Ein Straßendorf entlang dieser Münchner Straße, einige ehemalige Hofstätten, die nur noch zum Teil landwirtschaftlich genutzt werden. In Richtung Bahnstrecke Einfamilienhäuser, vereinzelt auch Geschosswohnungsbau, den die Anwohner auf der Terrasse Mini-Neuperlach nennen, obwohl er nur drei Stockwerke hoch ist. Zwei Wirtshäuser, Weideflächen und Streuobstwiesen, die Kirche St. Laurentius, die Behinderteneinrichtung Ecksberg.

Das ist Altmühldorf

Kleine Gewerbebetriebe. Feuerwehr, Blaskapelle: Sieben Vereine, Kirchengemeinde, Kindergarten, Schule, Einkaufsmöglichkeiten bei Globus und Netto.

Die geplante dichte und kleinteilige Bebauung auf dem Wintererhof passt dazu nicht, sagen die Nachbarn. Zu viele und die Falschen würden in die 65 Quadratmeter großen Wohnungen ziehen: Alleinstehende oder Paare, keine Familien; Menschen, die nicht wirklich sesshaft werden wollten. Die nicht zum Dorf passten. „Die kommen nicht zum Neujahrskonzert der Blaskapelle“, sagt Wolfgang Wicho. Oder zur Feuerwehr. „Bei uns halten die Leute zusammen, es gibt keine Wohnsilos, die anonym sind“, sagt Gastgeber Zettl.

Ein Hubsteiger zeigt die Höhe der geplanten Häuser

Spaziergang entlang des Wintererhofs bis zum Anwesen Frauendienst. Der Hausherr hat einen Hubsteiger organisiert und auf der Plattform einen Sonnenschirm befestigt. Den fährt er hoch, 13 Meter, höher geht es nicht. Es regnet. Der Sonnenschirm soll einen Balkon symbolisieren. „Das Dach ist noch höher.“

Peter Pulz sagt, dass man sich nicht gegen neue Häuser wehre. „Wir wollen ja wachsen, aber es muss gesund und verträglich sein.“ Also Einfamilien- und Doppelhäuser, dazwischen auch gerne ein Mehrfamilienhaus, zwei Stockwerke hoch, ausgebautes Dach.

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Bürgermeister Michael Hetzl (UM) nennt es nicht „wachsen“, er spricht von Nachverdichtung, ein Zauberwort moderner Stadtplanung. Es besagt: Städte sollen aus Nachhaltigkeit verstärkt Baulücken schließen, freie Grundstücke in der Stadt bebauen und nicht ständig neue Wohngebiete auf der grünen Wiese erschließen. Hetzl weiß, wie häufig Nachbarn dagegen sind, weil Investoren höher und dichter bauen wollen, als die Nachbarn. Auch in Mühldorf.

Stadtbaumeisterin will Dorfcharakter erhalten

Stadtbaumeisterin Birgit Weichselgartner sagt deshalb im Stadtrat: „Bei der Planung soll der Dorfcharakter erhalten bleiben.“ Sie findet, dass die Pläne eines Burghauser Architektenbüros das einhalten. Mit den Anwohnern gesprochen hat der Investor nicht.

Das hat die Stadt jetzt getan, seitdem hat sich die Stimmung im Stadtrat gedreht. Die große Mehrheit der Stadträte wies den Entwurf des Bebauungsplans zurück, nur drei wollten ihn beibehalten. „Wir dürfen die homogene Situation nicht zerreißen“, sagt der Altmühldorfer Kirmeier. „Diese Bebauung verkraften wir nicht.“

Balkone so hoch wie der Sonnenschirm: Bernhard Kuhn, Gabriele Pulz, Renate Zettl, Alfons Frauendienst, Peter Pulz und Wolfgang Wicho (von links).

Stadt hält Stadtratsentscheidung für falsch

Bürgermeister Michael Hetzl und Stadtbaumeisterin Birgit Weichselgartner das Vorgehen des Stadtrats für falsch. Mit der Weigerung, einen Bebauungsplan aufzustellen, droht dem Areal nach ihrer Ansicht eine wesentlich dichtere Bebauung. Grund dafür ist die gesetzliche Regelung, die für Häuser in Bereichen ohne Bebauungsplan gilt. Sie ist im Baugesetzbuch unter dem Paragraphen 34 geregelt. Sie grenzt lediglich ein, dass sich ein Bauvorhaben „in Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche“ in die Umgebung einzufügen hat.

Es könnte noch schlimmer werden

Nach Ansicht der Stadt kann das dazu führen, dass der Bauherr „die für ihn kostengünstigste und profitabelste Bauweise wählt“. Also: So hoch und groß wie möglich.

Bei einem Bebauungsplanverfahren kann die Stadt dagegen Vorgaben machen. Dabei hätte nicht der erste Vorschlag festgeschrieben werden müssen, da es mehrere Phasen gibt, in denen Nachbarn oder Stadträte ihre Vorstellungen einbringen können. „Im derzeitigen Stadium fehlt diese rechtliche Voraussetzung, sodass alle Wünsche, Bedenken, Anregungen zwar gemacht werden können, jedoch keinen Einfluss auf die Bauleitplanung haben müssen“, betont Hetzl.

Ablehnung muss nicht das letzte Wort sein

Auf der anderen Seite muss die Ablehnung der Eröffnung des Verfahrens nicht sein Ende bedeuten. Mehrere Stadträte forderten während der Sitzung einen neuen, reduzierten Vorschlag.

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