Verzweifelte Patienten - Hintergründe der Lieferengpässe bei Medikamenten im Landkreis Mühldorf

Apotheker Thomas Leitermann zeigt die über drei DIN-A4-Seiten lange Liste der Medikamente, die am Tag der Aufnahme nicht lieferbar waren.FOTO BARTSCHIES

Vor allem Langzeitkranke leiden unter dem zunehmenden Mangel an Medikamenten. Aber auch Menschen, die einfach nur ein bestimmtes Schmerzmittelsuchen, müssen lange warten oder umsteigen. Nach Ansicht der Apotheker gibt es mehrere Gründe für den derzeitigen Engpass – und mehrere Lösungsmöglichkeiten.

Von Frank Bartschies

Mühldorf – „Mittlerweile wird’s unerträglich bei uns.“ Mit diesen Worten schildert Thomas Leitermann die Situation mit Lieferengpässen bei Medikamenten im Landkreis. Leitermann führt die inn-Apotheke in der Oderstraße und ist Sprecher der Apotheker im Kreis Mühldorf.

Gängige Schilddrüsenpräparate, Antibiotika, Blutdrucksenker, Schmerzmittel wie Ibuprofen, Psychopharmaka – das sind nur einige der Präparate, die von denLieferengpässen der Großhändler und Hersteller betroffen sind. Leitermann selbst hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs 120 Arzneimittel auf seiner Nachlieferungsliste, wie er mitteilte. Gerade bei den Antidepressiva herrsche eine Situation, in der „Patienten wirklich verzweifeln, weil ihr Wirkstoff nicht lieferbar ist“. Die ärztliche Einstellung auf das richtige Mittel bzw. dessen richtige Stärke könne in diesen Fällen Monate dauern.

Alle Vertriebswege nutzen

„Wir nutzen alle Vertriebswege, die uns zur Verfügung stehen“, verspricht Thomas Leitermann. Dies gehe soweit, dass man sich auch unter Kollegen gegenseitig aushelfe, was jedoch nur in Ausnahmefällen gesetzlich erlaubt sei. Bei manchen Arzneimitteln bekomme der Zulieferer der Apotheken im Monat nur drei Päckchen - dann müsse eine Apotheke schon Glück haben, um bei den Beziehern dabei zu sein.

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Einen Grund für die Versorgungsmisere sieht Leitermann darin, dass viele Wirkstoffe aus Kostengründen nur noch in Fernost - Indien oder China - hergestellt würden. Sollte sich dann eine Charge bei der Überprüfung durch den Arzneimittelhersteller in Europa als fehlerhaft erweisen, steht sie für die Produktion nicht zur Verfügung. Das Produkt sei dann über einen längeren Zeitraum nicht lieferbar.

Bei den Großhändlern stünden zum verordneten Medikament allerdings teilweise Alternativprodukte zur Verfügung, da zum Beispiel Blutdrucksenker mit ein und demselben Wirkstoff nicht nur von einem Hersteller angeboten würden. Doch da kommt Leitermann zufolge die Rabattregelung der Krankenkassen ins Spiel. So habe derzeit jede Krankenkasse bei manchen Medikamenten mit nur einem Hersteller einen Rabattvertrag abgeschlossen, obwohl Rabattverträge mit mehreren Herstellern möglich wären.

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Reicht der Apotheker nun aufgrund eines Lieferengpasses ein Alternativprodukt aus, das teurer ist als das im Rabattvertrag der Kasse vorgesehene, könne es passieren, dass die Kasse die Zahlung verweigert oder Patient die Mehrkosten tragen müsse – was die Apotheker aber keinesfalls forcieren wollten, wie Leitermann betont. In solchen Fällen sei dann der Apotheker in der Erklärungspflicht, warum es in der Situation notwendig gewesen sei, zu dem Alternativmedikament zu greifen. Der Abschluss von Rabattverträgen mit mehreren Herstellern seitens der Kassen würde die Situation etwas entschärfen, so Leitermann. Auf politischer Ebene wird mittlerweile angestrebt, diese Vorgehensweise gesetzlich vorzuschreiben.

Außerdem, so Leitermann, seien manche Arzneimittel in Deutschland sehr günstig, was hohe Exportquoten beispielsweise nach Großbritannien oder in die USA und damit eine ungenügende Verfügbarkeit auf dem deutschen Markt zur Folge habe. Wohin der Trend bei der Medikamentenverfügbarkeit gehe, sei derzeit nicht abzusehen.

Und wie reagieren die Kunden, wenn sie ihr verordnetes Medikament nicht bekommen? „Die Bandbreite ist gewaltig“, so Leitermann. Mittlerweile fingen Patienten auch an, Medikamente zu horten, um bei einem Lieferproblem auf ihren Vorrat zurückgreifen zu können.

Die Forderungen der Apothekerverbände

Einem aktuellen Faktenblatt der Bundesvereinigung der Deutschen Landesapothekerverbände (ABDA) ist zu entnehmen, dass sich die Anzahl der nicht verfügbaren Rabattarzneimittel von 4,7 Millionen Packungen in 2017 auf 9,3 Millionen Packungen in 2018 verdoppelt habe. Betroffen sei jedes 50. Rabattarzneimittel. Die Bundesvereinigung fodere daher u.a., Mehrfachvergaben von Rabattverträgen mit mehreren Wirkstoffherstellern seien vorzuschreiben, die Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln solle wieder verstärkt in der EU stattfinden und für Patienten dürften durch Lieferengpässe keine höheren Aufzahlungen wegen Festbeträgen und Zuzahlungen entstehen. Außerdem sollten die Exporte von versorgungsrelevanten Arzneimitteln bei Lieferengpässen beschränkt werden können und Apotheken bräuchten definierte Spielräume beim Management von Lieferengpässen und Rechtssicherheit vor Retaxationen.

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Die Retaxation ist ein besonderes Regressverfahren der gesetzlichen Krankenkassen gegen Apotheker (Quelle: Internet). Dabei besteht Leitermann zufolge auch die Möglichkeit, dass die Krankenkasse ein Rezept auf Null retaxiert, wenn eine Verordnung nicht vertragskonform beliefert und abgerechnet worden sei.

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