Stockender Export

Verdiensteinbußen: Neumarkter Schweinehalter von Schweinepest und Corona betroffen

Der Absatz von Schweinefleisch ist rückläufig: Schweinemäster befürchten, dass das irgendwann auch tierschutzrechtlich problematisch werden könnte, denn die Schweine werden größer und damit auch deren Platzbedarf.
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Der Absatz von Schweinefleisch ist rückläufig: Schweinemäster befürchten, dass das irgendwann auch tierschutzrechtlich problematisch werden könnte, denn die Schweine werden größer und damit auch deren Platzbedarf.
  • Harald Schwarz
    vonHarald Schwarz
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Beinahe 90 Mastschweinehalter gibt es im Landkreis Mühldorf. Sie haben es derzeit alles andere als leicht und müssen gleich an zwei Fronten mit kämpfen: zum einen gegen die Auswirkungen der Schweinepest und zum anderen die der Corona-Pandemie.

Neumarkt-St. Veit – Clara Späth vom Fachzentrum für Schweinezucht und -haltung am Amt für Landwirtschaft in Töging erklärt das folgendermaßen. Im Raum Brandenburg ist ein Fall von Schweinepest festgestellt worden, der „wahrscheinlich aus Polen zu uns nach Deutschland herübergeschwappt ist“. Damit gilt Deutschland nicht mehr als schweinepestfrei und darf sein Schweinefleisch nicht mehr in Drittländer exportieren.

Virus fühlt sich in den Schlachthöfen wohl

Das hatte gravierende Auswirkungen für die Schweinehalter. Die Märkte für den Schweinefleischmarkt sind eingebrochen und der Preis ist von etwa 1,27 Euro pro Kilogramm auf 1,19 Euro pro Kilogramm gesunken. Das ist ein extrem niedriges Niveau“, sagt Späth. Das andere Problem für die Schweinehalter sei Corona.

Einbruch der Schlachtkapazitäten sorgt für „Schlachtstau“

Vor allem in den Schlachthöfen scheint sich das Virus wohlzufühlen. So sind beispielsweise beim Landshuter Schlachthof rund 75 Mitarbeiter auf Corona getestet worden. Damit kann der Schlachthof, in dem überwiegend Schweine geschlachtet werden, nur noch eingeschränkt arbeiten. Durch den Einbruch der Schlachtkapazitäten, so Clara Späth, gebe es sozusagen einen „Schlachtstau“.

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Abnahmeverträge, die nicht eingehalten werden

Das bestätigt auch ein Schweinemäster aus dem Raum Neumarkt-St. Veit. Er möchte seinen Namen nicht nennen, da er Sorge hat, dass er von Menschen mit falschen Tierschutzvorstellungen angegangen wird. Er ist ein Schweinemäster, der mit Ferkel von einem Landwirt aus dem Raum Vilsbiburg beliefert wird. „Wir haben Abnahmeverträge, die aber nicht eingehalten werden“, so der Schweinemäster.

Höhere Futterkosten und mehr Platzbedarf – ein gefundenes Fressen für Tierschützer

Das heißt, die Ferkel, die er gemästet hat, werden derzeit teilweise erst Wochen später abgeholt. Er müsse praktisch jeden Tag anrufen und werde meistens vertröstet. Das bedeute aber auch, dass er sie länger füttern müsse, was mit entsprechenden Futterkosten verbunden sei. Auch das Futter sei deutlich teurer als sonst.

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Zudem fielen die gemästeten Tiere irgendwann aus ihrer Gewichtsklasse heraus und „dann gibt es praktisch gar nichts mehr für das Kilo Fleisch“, so der Schweinemäster.

Lockdown in der Gastronomie spielt keine Rolle

Ein weiterer Punkt ist, dass die Schweine, wenn sie immer größer und schwerer werden, natürlich auch mehr Platz benötigen. Das heißt, der „Schlachtstau“ ist irgendwann auch tierschutzrechtlich problematisch. Keine so große Rolle scheint für die Schweinehalter der Lockdown der Gastronomie zu spielen. Eine Lösung für das Dilemma der Landwirte ist derzeit nicht in Sicht.

Die Sorgen der Schweinmäster bestätigt jetzt auch das Bayerische Landesamt für Statistik: Corona beeinflusst die bayerische Schweinehaltung insofern, dass Mastschweine länger im Stall stehen, Zuchtsauen würden laut Erhebung des Landesamtes reduziert. Die Rede ist mittlerweile von fast einem Fünftel mehr Mastschweinen mit über 110 Kilogramm Lebendgewicht.

0,6 Prozent weniger Schweine als im Vorjahr

Nach den vorläufigen repräsentativen Ergebnissen der vom Landesamt für Statistik durchgeführten Erhebung über die Schweinebestände gab es in Bayern zum Stichtag 3. November 2020 rund 4400 schweinehaltende Betriebe, die über mindestens 50 Schweine oder zehn Zuchtsauen verfügten. Insgesamt wurden in Bayern in diesen Betrieben mit 3,04 Millionen Schweinen 0,6 Prozent weniger gehalten als vor einem Jahr. Das entspricht eine Menge von 17 000 Tieren. Ein Jahr zuvor wurde ein Rückgang um 4,4 Prozent festgestellt (139 200 Tiere weniger).

100 Betriebe haben in Bayern aufgegeben

Wie das Bayerische Landesamt für Statistik weiter mitteilt, gab es bei den schweinehaltenden Betriebe einen leichten Rückgang um 2,5 Prozent, was ein Minus von 100 Betrieben entspricht. Im Jahr zuvor betrug der Rückgang noch 6,1 Prozent (300 Betriebe weniger).

Schlachtreife Tiere bleiben beim Mäster

Als besonders interessant bezeichnet das Landesamt für Statistik den Blick auf die Mastschweine. Der Gesamtbestand sei zwar nochmals um 0,9 Prozent, also um 13 700 Tiere, auf 1,45 Millionen Tiere gesunken, jedoch gibt es wegen der geringeren Nachfrage nach Schweinefleisch und der Engpässe bei den Schlachthöfen aufgrund der Corona-Pandemie mehr schlachtreife Tiere. So sei die Zahl der Mastschweine mit über 110 Kilogramm Lebendgewicht um 21 Prozent (30 900 Tiere), also fast um ein Fünftel, auf 178 300 Tiere angestiegen.

Mehr Mastschweine über 80 Kilogramm, aber deutlich weniger bei unter 80 Kilogramm

Der Bestand an Mastschweinen mit einem Lebendgewicht von 80 bis unter 110 Kilogramm sei laut den Erhebungen des Landesamtes ebenfalls um 3,0 Prozent (18 400 Tiere) auf 626 900 Tiere angestiegen. Die Zahl der Mastschweine von 50 bis unter 80 Kilogramm Lebendgewicht ist dagegen um 8,9 Prozent – genauer gesagt um 63 100 Tiere – gesunken.

Zuchtsauen werden weniger

Die Landwirte würden bereits auf die neue Situation reagieren. Der Ferkelbestand sei zwar binnen Jahresfrist noch leicht um 2,1 Prozent (17 500 Tiere) auf 865 900 Tiere angestiegen, der Bestand an Zuchtsauen ist dagegen um 6,6 Prozent auf 195 600 Tiere gesunken. Die trächtigen Sauen haben um 5,9 Prozent – das sind 9 200 Tiere – auf 145 000 Tiere abgenommen und die Jungsauen sogar um 11,5 Prozent auf 18 600 Tiere. Das sind 2 400 Tiere weniger. je

Proteste der Landwirte scheinen Wirkung zu zeigen

Zumindest die Proteste der Landwirte scheinen Wirkung gezeigt zu haben: Der Discounter Lidl hat als Reaktion auf die Protest- und Blockadeaktionen von Landwirten die Preise für Schweineprodukte erhöht. Lidl habe den Einkaufspreis für zehn Artikel aus dem Schweinefleischsortiment um einen Euro pro Kilogramm angehoben, als Folge steige der Verkaufspreis im gleichen Umfang, teilte Lidl in einer Pressemitteilung mit.

Lesen Sie dazu auch: Bauernproteste – Handel geht auf Landwirte zu

Lidl will zusätzlich 50 Millionen Euro an die Landwirte zahlen

Lidl hatte zudem angekündigt, 50 Millionen Euro zusätzlich an die Landwirte über die Initiative Tierwohl auszuzahlen. Auch Rewe geht einen Schritt auf die Landwirte zu. Die Handelskette kündigte an, bei Schweinefleisch bis auf Weiteres Beschaffungspreise zu zahlen, die dem Marktniveau vor Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest und dem damit zusammenhängenden völligen Zusammenbruch des Exportmarktes entsprechen.

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