Umsatz geht gegen Null: Wirte im Landkreis Mühldorf kämpfen ums Überleben

Drive-In für Feinschmecker.Seine Gaststube darf Reinhard Söll wegen Corona nicht mehr öffnen. Seine Sonntagsgerichte bietet er deswegen „To Go“, also zum Mitnehmen an. 58 waren es am vergangenen Sonntag.
+
Drive-In für Feinschmecker: Seine Gaststube darf Reinhard Söll wegen Corona nicht mehr öffnen. Seine Sonntagsgerichte bietet er deswegen zum Mitnehmen an. 58 waren es am vergangenen Sonntag.

Seit der Ausgangsbeschränkung vor knapp zwei Wochen bleiben viele Gaststuben im Landkreis Mühldorf dunkel, die Küche kalt. Wirte dürfen keine Gäste empfangen, Einnahmen gibt es nicht mehr. Einige haben Liefer- und Abholdienste eingerichtet, um zu überleben. Und sie haben eine klare Forderung an die Politik.

Mühldorf - Umsatz Null: Vor diesem Problem stehen derzeit Wirtshäuser in der Region. Durch die Zwangsschließung sind ihnen von einem auf den anderen Tag alle Einnahmen verloren gegangen. Eine schwierige Situation, wie Holger Nagl weiß, Gastwirt und Chef des Hotel und Gaststättenverbands. Auch sein Haus ist geschlossen, im Gegensatz zu anderen Wirten verzichtet er auch auf einen Liefer- oder Abholservive. Wenn es nicht bereits zum normalen Geschäft gehöre, sei der organisatorische und finanzielle Aufwand sehr groß, solche Dienste aufzubauen. „Das ist keine wirtschaftliche Basis“, betont er.

Lesen Sie auch: Alles zum Thema Corona in der Region

Dass Liefer- oder Abholdienste kein Ersatz sind, bestätigen auch die, die den Service anbieten. Serhat Yazici vom Hotel und das Restaurant Centrale am Stadtplatz Waldkraiburg sagt: „Eigentlich sind wir ja alte Hasen im Lieferservice“, weil die Wirtsfamilie einmal damit angefangen hat und ihn jetzt fortsetzt. „Und als kleiner Lieferservice könnten wir davon leben. Aber die Einnahmen reichen heute natürlich noch nicht mal für die Pacht.“ Das sei eher eine Form der Schadensbegrenzung. Zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder hält Serhat Yazici den Notbetrieb aufrecht, auch, um seine rund festangestellten 40 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken zu können.

„Wir wollen weiter für unsere Gäste da sein“, sagt er. „Besser als daheim sitzen und hoffen, dass der Staat einem hilft.“ Auch wenn die Reaktionen sehr positiv waren, stellt er klar: Lieferservice ist kein Geschäftsmodell, dass Wirte dauerhaft über Wasser halten könnte.

Auch interessant: Das findet nicht mehr statt

Das bestätigt Erkan Artuk, Inhaber von Zico‘s Pizzaservice in Waldkraiburg. Seit 22 Jahren ist er im Geschäft. Seit zwei Wochen ist der Umsatz auch bei ihm eingebrochen, auf etwa die Hälfte. „Die Leute haben mehr oder weniger Angst, davor sich anzustecken.“ Dabei tragen seine Fahrer Handschuhe, halten sich nicht mehr in der Küche auf, haben keinen Kontakt mit den Kunden. Die Pizza werde vor die Tür gestellt, das Geld dort abgelegt. Und Kunden, die ins Lokal kommen, um sich das Essen zu holen, könnten sicher sein: Der Prospekt, aus dem sie sich die Speisen aussuchen, wird hinterher weggeworfen. Gegen die neuen Mitbewerber im Lieferservice hat Zico nichts einzuwenden. „Ich verstehe, dass sie das versuchen.“ Und die Kunden hätten Zeit zu koche.

Wirte rechnen mit langer Flaute

Zeit zu kochen – davon hat auch Reinhard Söll vom Gasthof in Söll in Niedertaufkirchen reichlich. Die letzten Monteure, die seine Gästezimmer belegten, sind weg, die Gaststube zappenduster. Alle Teilzeitkräfte sitzen zu Hause, auch Reinhard, der mit seinem Sohn Robert sonst in der Küche steht. „Aber wir haben eine Auszubildende, die wir nicht in Kurzarbeit schicken dürfen. Sie gilt es weiter zu beschäftigen“, erzählt Wirtin Karin Söll.

Also kochen die Sölls weiter, bieten am Wochenende eine reduzierte Karte an. „Falls sich doch der ein oder andere den Sonntagsbraten schmecken lassen will, ohne selbst zu kochen“, sagt der 46-jährige. Schweinefiletmedaillons in Senfsoße oder Burgunderbraten vom Tüßlinger Weiderind, gibt es dann neudeutsch „To Go“ zum Mitnehmen.

Das Konzept funktioniert: 58 Bestellungen waren es am vergangenen Wochenende, womit die Sölls nie gerechnet hätten: „Schön, dass uns die Gäste weiterhin die Stange halten.“ Wenn die Corona-Krise vorbei sei, sei aber dahin gestellt, ob das Geschäft wieder so gut wie früher läuft: „Essen ist ein Luxusgut!“ Wenn die Rezession droht, würden die Leute dabei zuerst sparen.

+++Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

Die Einschätzung teilt Ahmad Al Jadou vom Palermo in Mühldorf, er rechnet nach der Krise nicht mit einer Rückkehr zur Normalität. „Wie vorher wird es so schnell nicht mehr, die Leute werden vorsichtiger bleiben.“ Deshalb wird er seinen Abholservice weiter betreiben. Die Kunden schauen auf der Internetseite, rufen an und holen ab. „Ins Lokal dürfen aber immer nur zwei gleichzeitig“, sagt er. Einen Lieferservice aufzubauen, plant er nicht, das wäre derzeit zu aufwendig. Außerdem; „Die Leute sind froh, wenn sie mal zu Hause wegkönnen, um eine Pizza zu holen“, sagt er lachend.

Wirtsprecher fordert: Mehrwertsteuer senken

Nach Ansicht von Wirtesprecher Holger Nagl gibt es nur eine Chance, damit Gastbetriebe überleben können. Nagl spricht von einer „Vision für die Zeit nach der Corona-Krise“, die er von der Politik fordert: die sofortige Senkung der Mehrwertsteuersätze auf sieben Prozent. „Nur so kann die Gastronomie gerettet werden.“ Was steuerlich für Bäckereien und Metzgereien mit ihren oft umfangreichen Mittagsangeboten gelte, müsse auch der Gastronomie zugutekommen.

Kommentare