Türsteher als Ersthelfer: Im Waldkraiburger Messerstecher-Prozess steht wichtige Zeugenaussage noch aus

Es geschah am 19. Oktober 2019: Türsteher einer Disko fanden einen 42-jährigen Mann, der durch Messerstiche schwer verletzt war. Ein 40-jähriger Lagerist muss sich deshalb wegen versuchten Mordes vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten.
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Es geschah am 19. Oktober 2019: Türsteher einer Disko fanden einen 42-jährigen Mann, der durch Messerstiche schwer verletzt war. Ein 40-jähriger Lagerist muss sich deshalb wegen versuchten Mordes vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten.

Den Mitarbeitern einer nahen Diskothek verdankt ein 42-jähriger Waldkraiburger, der am 19. Oktober 2019 schwer verletzt vor dem Lokal zusammenbrach, vermutlich sein Leben. Die Türsteher leisteten Erste Hilfe. Hergang und Hintergründe der Tat ließen sich auch am 2. Verhandlungstag des Messerstecher-Prozesses in Traunstein nicht erhellen. Noch steht die Aussage eines wichtigen Zeugen aus.

Traunstein/Waldkraiburg – Türsteher einer Waldkraiburger Diskothek leisteten einem durch Messerstiche schwer verletzten 42-jährigen Mann, der am 19. Oktober 2019 am Seiteneingang des Lokals zusammengebrochen war, Erste Hilfe. Sie versuchten, die massiven Blutungen mit Decken und Kissen zu stoppen, bis er professionell notärztlich versorgt wurde. Der mutmaßliche Messerstecher, ein 40 Jahre alter Lagerist aus der gleichen Stadt, muss sich derzeit wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten.

BLutiger Streit wegen 700 Euro Schulden

Der in Kasachstan geborene Angeklagte soll in dieser Nacht gegen 23 Uhr nahe des Kinos mit dem späteren Opfer gestritten haben – wegen Schulden in Höhe von 700 Euro bei dem 42-Jährigen. Beide sollen unter starkem Alkoholeinfluss gestanden sein, der 40-Jährige zusätzlich unter Drogen. Während der Lagerist bei Verhandlungsauftakt eine Notwehrlage nach Erstangriff durch den Nebenkläger behaupten ließ, bestätigte der Geschädigte den Sachverhalt der Anklageschrift von Staatsanwalt Thomas Krojer.

Lebensbedrohlicher Stich in den Bauch

Demnach kam es bei dem Streit beiderseits zu Beleidigungen und Faustschlägen. Nach der Schlägerei rief der 42-Jährige seinen Schwager an, um sich abholen zu lassen. Während des Gesprächs soll der Angeklagte heimtückisch zugestochen haben. Die schlimmste Verletzung war ein wuchtiger, potenziell lebensbedrohlicher Stich in den Bauchraum. Mehrere, teils massive Schnittwunden sollen bei Abwehrbewegungen an Armen und Füßen entstanden sein.

Nach Notoperation bis heute gehandicapt

Nach dem Bauchstich flüchtete der 40-Jährige Richtung Wald. Das Opfer konnte kurz folgen, brach dann aber zusammen. Türsteher des Lokals fanden den Mann vor dem Notausgang. Er schimpfte wüst auf Russisch und wollte dem Messerstecher mehrmals folgen. Die Zeugen verständigten Polizei, Notarzt und Krankenwagen. Der 42-Jährige musste notoperiert werden. Zehn Tage lag er im Krankenhaus, war zwei Monate nicht arbeitsfähig und leidet bis heute unter körperlichen Beschwerden. In dem Prozess ist Opferanwalt Andreas Knoll an seiner Seite.

Angeklagter hat 16 Vorstrafen

Der Angeklagte, 16-fach vorbestraft, auch einschlägig wegen Gewaltdelikten wie Raub und gefährliche Körperverletzung, hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Er ließ seinen Verteidiger Jörg Zürner erklären, lediglich zugestochen zu haben, um weitere Angriffe des Nebenklägers zu verhindern. Töten habe er den 42-Jährigen nicht wollen, betonte der Anwalt.

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Das Schwurgericht hörte bereits ein Dutzend Zeugen an. Bei den Aussagen einiger Personen sowie den Angaben des Tatverdächtigen und des Nebenklägers äußerte der Vorsitzende Richter Erich Fuchs deutliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit. Zum Hintergrund der angeblichen 700 Euro Schulden wollte keiner der Beteiligten etwas sagen.

Zahlreiche Zeugen gehört

Unter den gestrigen Zeugen waren Frauen und Männer, deren Angaben zumeist klar und glaubhaft waren. Allerdings war niemand darunter, der oder die das Tatgeschehen in jener Nacht direkt beobachtet hatte. Eine Kinomitarbeiterin ging nach Schichtende zu ihrem Wagen, als sie Stimmen und Geräusche eines Gerangels hörte. Einer der Männer sei umgefallen, der andere weg Richtung Wald gelaufen, ersterer dann hinterher.

Einer der Türsteher schilderte, er sei zu dem Verletzten vor der Seitentür gelaufen, habe die Schnitte und das Blut an der Hand gesehen, nach dem Hochziehen des T-Shirts auch die Bauchverletzung. Er und andere hätten den Mann, der mehrmals unbedingt aufstehen und den Flüchtigen verfolgen wollte, angeschrien, liegen zu bleiben. Während der Ersten Hilfe habe man mehrfach nach dem Ablauf der Tat und dem Namen des Messerstechers gefragt, wüstes Schimpfen auf Russisch, aber keine vernünftige Antwort erhalten. Selbst seinem Schwager habe das Opfer den Namen des Täters verschwiegen, erinnert sich ein Diskomitarbeiter.

Urteil am Dienstag?

Der Schwager, der aufgrund des Telefonats während der Tat, als wichtigster Zeuge gilt, blieb dem Prozess am Freitag entschuldigt fern. Das Gericht will ihn und seine Frau, die Schwester des Opfers, am nächsten Verhandlungstag Dienstag, 15. September, um 9 Uhr, befragen. Wenn der Mann in den Zeugenstand treten kann, ist noch am Dienstag mit den Plädoyers und dem Urteil des Schwurgerichts zu rechnen. Wenn nicht, ist ein weiterer Fortsetzungstermin erforderlich.

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