Frau aus Kreis Mühldorf stirbt an Corona: Schwere Vorwürfe gegen Reha-Klinik Bad Birnbach

Blick aus der Coronaklinik Mühldorf: Die 69-Jährige ist auf dem Weg der Besserung, eine 77-jährige Frau dagegen in der Klinik gestorben. Beide waren vorher in einer Reha-Klinik in Bad Birnbach. Privat
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Blick aus der Coronaklinik Mühldorf: Die 69-Jährige ist auf dem Weg der Besserung, eine 77-jährige Frau dagegen in der Klinik gestorben. Beide waren vorher in einer Reha-Klinik in Bad Birnbach.
  • Josef Enzinger
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Zwei Kranke, eine alte Frau stirbt: Nach der Rückkehr aus Bad Birnbach warten Angehörige fast 14 Tage auf Informationen über die Corona-Erkrankung von ehemaligen Mitpatienten. 22 Klinik-Gäste aus dem Landkreis betroffen

Mühldorf/Altötting/Bad Birnbach – Schwere Vorwürfe gegen eine Reha-Klinik in Bad Birnbach (Landkreis Rottal-Inn) erheben zwei Familien aus dem Landkreis Mühldorf. Ihre Angehörigen kamen mit einer Corona-Infektion aus der Klinik zurück, eine der beiden Frauen ist inzwischen gestorben. Die Angehörigen werfen der Einrichtung und den Behörden vor, über den Ausbruch der Krankheit nicht ausreichend informiert zu haben.

Eine 77-Jährige ist am Sonntag im Mühldorfer Krankenhaus gestorben, eine 69-Jährige auf dem Weg der Besserung. Deren Tochter Anita Heiml aus Mühldorf schildert, dass ihre Mutter, die nach einer Knie-Operation in Bad Birnbach zur Rehabilitation war, am Montag, 16. März, das erste Mal über Frösteln und Unwohlsein geklagt habe. „In den folgenden Tagen kamen Magenbeschwerden und Übelkeit dazu“, berichtet sie über die Symptome ihrer Mutter.

22 Patienten aus dem Landkreis betroffen

Dann kommt die Räumung des Hauses in Bad Birnbach: Heimls Schwester, die mit ihren Eltern in einem Haushalt lebt, bekommt am Freitag, 20. März, einen Anruf, dass die Mutter bis 17 Uhr abzuholen sei. Gründe, so die Angehörigen, werden nicht genannt. Die Frau ist eine von 180 vor allem älteren Menschen in der Reha-Klinik. Sie geht „ohne Entlassungspapiere – ohne Informationen!“, wie Heiml erzählt.

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Zu Hause verschlechtert sich der Zustand der 69-Jährigen. Am Dienstag, 24. März, bringt der Notarzt die Frau ins Krankenhaus Altötting. Drei Stunden später, eine bildgebende Untersuchung hatte einen Schatten auf der Lunge gezeigt, ins Corona-Krankenhaus Mühldorf. Ein Test ist positiv.

Die Tochter aus Mühldorf ist schockiert. „Wenn Infizierte nun zu Hause bei ihren Lieben sind, ohne zu wissen, dass sie vielleicht das Corona-Virus in sich tragen, kann dieses sich ungehindert ausbreiten.“

Anita Heiml schaltet die Behörden ein

Am Freitag, 27. März, informiert sie alle Behörden und drängt darauf, Kontaktpersonen und das Personal der Rehaklinik zu ermitteln und zu informieren. In der Reha-Klinik in Bad Birnbach wird Anita Heiml von einem Mitarbeiter abgewimmelt, erzählt sie. Er habe aber zugegeben, dass sie nicht die erste Anruferin mit diesem Anliegen sei. Das Gesundheitsamt Rottal-Inn nimmt immerhin ihre Daten auf, verbunden mit dem Versprechen, sie weiterzugeben. Warum das Reha-Zentrum geräumt wurde, habe sie nicht erfahren.

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Eine Antwort auf diese Frage bekommt erst die Heimatzeitung. Thomas Hofbauer, Büroleiter des Landrates in Rottal-Inn, erklärt, dass die Rehaklinik durch eine Anweisung der Staatsregierung zur Schaffung von Bettenkapazitäten geräumt worden sei. „Eine bestätigte Erkrankung war zum Zeitpunkt der Räumung nicht bekannt“, betont Hofbauer. Davon habe man erst später erfahren und Kontaktpersonen ermittelt. Allerdings nur Menschen, die im Landkreis Rottal-Inn leben.

Nur eine Bitte um Information

Heiml wendet sich am 1. April an das Gesundheitsministerium, das eine Woche später antwortet: Am Samstag, 22. März, habe das Gesundheitsamt Weilheim das Gesundheitsamt Rottal-Inn telefonisch über die Corona-Erkrankung eines bereits früher entlassenen Patienten informiert. Das Ministerium schriftlich: „Die Leitung der Klinik wurde gebeten, alle Patienten über das Ausbruchsgeschehen zu informieren. Dies sollte inzwischen geschehen sein.“

Und: „Die Regierung von Niederbayern hat umgehend sämtliche niederbayerischen Gesundheitsämter gebeten, die im jeweiligen Zuständigkeitsbereich wohnenden Patienten über das Ausbruchsgeschehen zu informieren. Auch diese Information sollte inzwischen bei Ihnen eingetroffen sein.“ Zwei Aussagen, die der Mühldorferin die Zornesröte ins Gesicht treiben: „Darum gebeten? Da muss doch eine Anweisung erfolgen. Haben da nicht Alarmglocken geschrillt?“

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So kam die Information erst im April offiziell in den Landkreis Mühldorf, wie das Mühldorfer Gesundheitsamt erklärt. „Die Rehaklinik hat dem Gesundheitsamt erstmals am Samstag, 4. April, eine Liste mit 22 Personen zugesendet, die dort entlassen wurden und in den Landkreis Mühldorf zurückgekehrt sind.“

77-jährige Frau verstirbt – zu Lebzeiten kein Coronatest

Der 69-jährigen Mutter von Anita Heiml geht es besser. Sie hat auch ihren 72-jährigen herz- und diabeteskranken Man nicht infiziert.

Nadine Finkenzeller hingegen trauert. Am vergangenen Sonntag starb ihre 77-jährige Großtante. Auch sie seit 19. März Patientin der Reha-Klinik, einen Tag vor der Räumung. „Meine Großtante wurde allerdings erst am 27. März entlassen“, sagt Finkenzeller, obwohl die alte Frau Fieber gehabt habe und nicht mehr aufstehen konnte. „Ein Test wurde nicht gemacht.“

Klinik: Objektiv kein Verdacht auf Corona-Infektion

Ihr Mann Xaver, Rechtsanwalt, wendet sich an die Klinik. In der Antwort schreibt Arzt Thomas Mulfinger: „Klinisch bestanden keine Hinweise auf eine Erkrankung der oberen Atemwege“. Vor Entlassung habe die Körpertemperatur bei 37,5 Grad Celsius gelegen. Die Entzündungswerte seien rückläufig gewesen. „Objektiv kein Verdacht auf Corona-Infektion.“

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Es dauert zwei Tage, dann geht es der 77-Jährigen immer schlechter, sie kommt in die Coronaklinik Mühldorf, wo sie am 5. April stirbt. Auch die 79-jährige Großtante, mit der die Verstorbenen zusammen lebte, ist positiv getestet, sie ist in häuslicher Quarantäne.

Familie schaltet Staatsanwaltschaft ein

Xaver Finkenzeller will sich mit der Erklärung aus der Reha-Klinik nicht zufriedengeben: „Die Corona-Test-Thematik wurde nicht einmal in Erwägung gezogen.“ Für eine Antwort auf den Vorwurf hat sich die Klinik eine Fristverlängerung erbeten, da auch der Chefarzt mittlerweile erkrankt ist. „An Corona“, berichtet Nadine Finkenzeller. Das sei ihr am Telefon gesagt worden: „Wir geben das Ganze jetzt an die Staatsanwaltschaft weiter!“

Die Reha-Klinik in Bad Birnbach hat weder auf telefonische Anfragen noch eine E-Mail eine Stellungnahme abgegeben. Die Klinik sei geschlossen, das Personal befinde sich in Kurzarbeit, heißt es von einer Mitarbeiterin in der Telefonzentrale. Auch das Büro der Geshäftsführung sei nur sporadisch besetzt.

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