"Trost und Kraft im Glauben entdecken"

"Lasst uns gemeinsam noch sensibler werden, wo wir selber helfen, anpacken, verändern können, damit auf alle weltweit eine lebenswerte Zukunft wartet, unabhängig von Religion, Nation, Hautfarbe und Kultur": Anke Sänger. Foto re
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"Lasst uns gemeinsam noch sensibler werden, wo wir selber helfen, anpacken, verändern können, damit auf alle weltweit eine lebenswerte Zukunft wartet, unabhängig von Religion, Nation, Hautfarbe und Kultur": Anke Sänger. Foto re

n Was war für Sie das wichtigste Ereignis des vergangenen Jahres?

War das Jahr 2011 überhaupt ein glückliches Jahr, hat mich neulich jemand gefragt. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima, dem EHEC-Erreger, der Finanzkatastrophe in Europa, der Hungerkatastrophe in Afrika, der Neonazimorde und und und. Ja, sage ich, aus meiner Sicht war es trotz alldem auch ein gutes Jahr! Die weltweiten Nachrichten und Schlagzeilen sind mir wohl bewusst, auch, welche Auswirkungen das auf unser Leben vor Ort hat. Wo wir umdenken müssen im Umgang mit Energieressourcen, unseren Lebensmittelgrundlagen. Aber ich sehe auch die "kleine" Welt um uns herum, die Familie, die Kirchengemeinde, unsere Stadt und Region. Uns geht es gut. Wir haben alles, um zufrieden und gut leben zu können. Umso schmerzhafter ist es für mich, Kinder zu erleben, die vernachlässigt sind, sich nach Liebe, Geborgenheit und einer heilen Kinderwelt sehnen und doch Spielball sind im Machtstreit der getrennten Eltern.

Wenn ich mich umsehe, erstaunt es mich immer wieder, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle zumindest das Notwendige zum Leben haben und menschenwürdig leben können. Welch ein kostbares Gut! Dafür kann man gar nicht dankbar genug sein.

Ganz wichtig ist für mich wieder die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen gewesen: Ohne sie ist für mich die Gemeinde Gottes nicht vorstellbar. Viele unterschiedliche Menschen, die sich mit Herz und Hand in unseren beiden Gemeindeteilen Töging und Neumarkt-St. Veit eingebracht und ihre Kraft zur Verfügung gestellt haben. Besonders beeindruckt haben mich im vergangenen Jahr auch die Menschen in meiner Umgebung, die schwere Schicksalsschläge und schlimme Diagnosen verkraften musste. Mit wie viel Kraft und Gottergebenheit meistern sie ihre schweren Stunden und vertrauen darauf, dass unser Herrgott es recht machen wird. Und mit wie viel Lebensmut kämpfen sie um ihr Leben und genießen jede Lebensminute. Den Menschen, die ihnen pflegend und liebend zur Seite stehen, gebührt größter Dank und Anerkennung!

Ein besonderer Einschnitt in unserer bayerischen Landeskirche ist für mich auch die Wahl unseres neuen Bischofs Heinrich Bedford-Strohm gewesen. Mit seiner jugendlich-schwungvollen Art hat er frischen Wind in unsere Kirche gebracht. Ich habe den Eindruck, viele werden ihm gerne zuhören, wenn er sich zu ethischen und lebensrelevanten beziehungsweise gesellschaftspolitischen Themen äußern wird.

n Was ist die wichtigste Aufgabe für das neue Jahr?

Eine meiner wichtigen Aufgaben wird weiterhin sein, den Menschen herzlich zu begegnen und sie so zu sehen, wie Gott sie gemacht hat: einzigartig und wertvoll jeden Einzelnen. Welch Reichtum steckt in den Lebensgeschichten, in den vielen Gesprächen, sei es zwischen Tür und Angel oder beim längeren Zusammensein. Ich möchte im direkten Kontakt mit den Menschen, und da gibt es für mich keinen Unterschied zwischen privat oder beruflich, die Liebe und Menschenzugewandtheit Gottes widerspiegeln, möchte sie begeistern für die frohmachende Botschaft Gottes und anstecken, am Reich Gottes auf Erden mit zu wirken. Und gemeinsam mit den Menschen Trost und Kraft im Glauben entdecken als Grundlage für unser Leben im Alltag. Die entscheidende Grundlage dazu ist und bleibt für mich der unmittelbare Kontakt mit "meinem" Herrgott: gestärkt durch die Geschichten und Berichte in der Bibel als tragende Säule meines Glaubens, gestärkt durch das Gebet als innige Zwiesprache mit Gott und gestärkt durch den Gottesdienst. Er ist für mich Dialog zwischen Gemeinde und Gott, getragen durch das Wort, den Tisch des Herrn und die Musik.

Eine weitere wichtige Aufgabe wird die Sanierung unserer Friedenskirche in Neumarkt-St. Veit sein. An dem fast 60 Jahre alten Gebäude nagt der Zahn der Zeit, die Bausubstanz trägt nicht mehr in allen Teilen. Ich hoffe, wir schultern als Gemeinde die Bau- und Sanierungsphase, das betrifft sowohl die Schwierigkeiten, die durch die Bauarbeiten entstehen, als auch die bis jetzt noch nicht gesicherte Finanzierung.

n Ihr Neujahrswunsch?

Wenn ich an das neue Jahr denke, spüre ich die Lust auf das Neue, was kommen mag: neues denken, wagen, zulassen und ausprobieren. Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen weltweit die Möglichkeit haben sagen zu können: Uns geht es gut, wir haben genug zum Leben, wir leben in Frieden, wir haben eine Aufgabe, die uns erfüllt, wir haben Menschen um uns, die uns lieben und die wir lieben.

Lasst uns gemeinsam noch sensibler werden, wo wir selber helfen, anpacken, verändern können, damit auf alle weltweit eine lebenswerte Zukunft wartet, unabhängig von Religion, Nation, Hautfarbe und Kultur.

Ich wünsche allen, die suchend und fragend, zweifelnd und hoffend, voll Neugier und Freude ins neue Jahr gehen, dass sie den befreienden und lebensbejahenden Ruf des Glaubens vernehmen, den Jesus Christus uns durch die Jahrhunderte zuspricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12.9), wie es uns die Jahreslosung für das neue Jahr mitgibt.

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