Warum ausgerechnet Töging? Bürgermeister kritisiert Ministerium für Aus der Landwirtschaftsschule

Bürgermeister Töging Windhorst
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Tögings Bürgermeister Tobias Windhorst kritisiert das Aus der Landwirtschaftsschule.
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Die Landwirtschaftsschule Töging wird ihren Ausbildungszweig Landwirtschaft schließen. Dies hat die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben.

Update 8. Juli, 16.45 Uhr

Windhorst: Kommunikation "kaum gelungen"

Töging – Nach dem ersten Schock kommt die Enttäuschung. Als Tögings Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst am Dienstag von den OVB-Heimatzeitungen erfuhr, dass der klassische Ausbildungszweig an der Landwirtschaftsschule geschlossen wird, hielt er sich mit einer Stellungnahme noch zurück.

Am Mittwoch aber wandte er sich mit klaren Worten an Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Kritik übt Windhorst vor allem an der Informationspolitik der Ministerin: „Die Art und Weise der Kommunikation kann kaum als gelungen bezeichnet werden, um es einmal vorsichtig auszudrücken“, schreibt er.

MInisterin Michaela Kaniber

Schülerzahlen in Töging besser als an anderen Standorten

Erst am Donnerstagvormittag habe er sich gemeinsam mit den Kreisobmännern und dem Geschäftsführer des Bauernverbands vom Leiter des Töginger Landwirtschaftsamts, Georg Kobler, über den Sachstand informieren lassen. Nachvollziehbar sei, dass bei insgesamt zurückgehenden Schülerzahlen auch Schulstandorte fusioniert werden müssten.

Ministerium sieht in Töging andere Zahlen

Kriterium sollte aus der Sicht Windhorsts dann aber die Größe sein. „Dass es ausgerechnet Töging trifft, geben aus meiner Sicht die Schülerzahlen aber gerade nicht her: Nach den offiziellen Schülerzahlen betrug die Schülerstärke in den letzten zehn Jahren in Töging im ersten Semester im Schnitt 20,9. Die Zahlen an den Nachbarstandorten Erding und Pfarrkirchen liegt dagegen niedriger: Erding bei 19,5, Pfarrkirchen bei 18,2. Daher wäre es aus meiner Sicht naheliegend gewesen, zuerst die „kleineren“ Standorte zu schließen.“

Windhorst fordert, Entscheidung zu überdenken

Laut Ministerium lag die durchschnittliche Schülerzahl in Töging zuletzt bei 14,7 Schülern. Immerhin zwei positive Aspekte erkennt Windhorst an: „Das Amt für Landwirtschaft und Forsten in Töging bleibt selbstständig und wird nicht mit anderen Standorten fusioniert, wie dies andernorts in Bayern vielfach geschieht. Angesichts der zentralen Lage für zwei Landkreise und der Anzahl der zu betreuenden Betriebe ist das mit Sicherheit die richtige Entscheidung. Ebenso bleibt die Hauswirtschaftsschule erhalten.“

Abschließend fordert Windhorst die Ministerin auf, die Entscheidung, den Schulstandort zu schließen, nochmals zu überdenken und bei der Entwicklung der Landwirtschaftsverwaltung darauf zu achten, dass es nicht zu weiteren Schwächungen des „Grünen Zentrums“ in Töging kommt. ha

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Update, 7. Juli, 18.15 Uhr

So reagiert die Politik in Region auf die Schließung

Mühldorf/Töging – Die Landwirtschaftsschule in Töging wird bereits zum neuen Schuljahr schließen. Diese überraschende Nachricht gab Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber am Dienstag in München bei einer Pressekonferenz zur Agrarökologie bekannt. 

Die aktuell 27 Schulstandorte der Abteilung Landwirtschaft werden im Zuge der Reform auf 20 reduziert. Laut Kaniber besuchen aktuell nur noch rund 400 Schülerinnen und Schüler in Bayern eine klassische Landwirtschaftsschule. 

Der Trend gehe in andere Richtungen. „Auf der einen Seite haben wir junge Frauen und Männer, die ein Studium beginnen, sich spezifizieren und sofort auf eine Uni gehen. Auf der anderen Seite arbeiten 62 Prozent der Betriebe im Nebenerwerb. Vielen dieser Landwirte genügen diese BiLa-Kurse, also das Bildungsprogramm für Landwirte. Da haben wir ein Potenzial von 18.000 Schülern.“ 

Eine Entwicklung, auf die das Bayerische Landwirtschaftsministerium nun reagiert hat. Um auch in Zukunft schlagkräftig zu bleiben, seien bestimmte Standorte mit rückläufigen Schülerzahlen auf den Prüfstand gestellt worden. Denn rückläufige Zahlen, so begründete es Kaniber, gingen auch mit einer gewissen Unsicherheit für die Schüler, aber auch für die Lehrer einher. 

Eine Erhebung an allen bayerischen Standorten hat gezeigt, dass die Schülerzahlen auch in Töging rückläufig sind. Im Durchschnitt 14,7 Schüler pro Jahr und Klasse besuchen den klassischen Zweig der Schule. Damit ist Töging zusammen mit Weilheim (elf Schüler pro Jahr und Klasse) und Fürstenfeldbruck (13,8) bei der Auslastung am unteren Level angesiedelt. 

Zum Vergleich: In Erding sind es 19,1 Schüler, Rosenheim hat 23,0, Pfaffenhofen 17,9 und Traunstein 19,9. Als Konsequenz daraus hat das Kabinett deswegen beschlossen zur Konzentration der Schülerzahlen insgesamt sieben Standorte zu schließen – darunter auch den landwirtschaftlichen Zweig in Töging. 

Dies gelte allerdings nur für den klassischen Bereich, betonte Kaniber, die BiLa-Kurse blieben erhalten. Die hiesigen Politiker traf diese Nachricht am Dienstagnachmittag aus heiterem Himmel. „Ich weiß zu wenig über die Hintergründe, nichts Konkretes, kann mich also nicht dazu äußern, was das für Töging bedeutet“, sagte Dr. Tobias Windhorst, Bürgermeister in Töging, auf Anfrage der OVB-Heimatzeitung.  Er habe bislang lediglich mit Altöttings Landrat Erwin Schneider darüber gesprochen. Auch dort seien die Informationen am Dienstagnachmittag nur spärlich gewesen. 

So reagiert der Kreisobmann des Bauernverbandes

Landtagsabgeordneter Dr. Marcel Huber (CSU) hat die Nachricht ebenfalls überrascht. Dr. Huber: „Die rückgängigen Schülerzahlen sind auch ein Ausdruck, dass der Beruf des Landwirts in unserer Gesellschaft immer mehr an Ansehen verliert. Agrarpolitik ist Gesellschaftspolitik. Nur wenn es gelingt, die sich fortlaufend verändernden Belange der Landwirtschaft, der Ernährungswirtschaft und der Gesellschaft zeitnah zu erkennen und unter Berücksichtigung regionaler Anforderungen miteinander in Einklang zu bringen, kann die bayerische Landwirtschaft auch zukünftig erfolgreich positioniert werden.“ 

Ab dann würden auch wieder steigende Schülerzahlen zu verzeichnen sein. „Ich bedauere es sehr, dass die Landwirtschaftsschule in Töging geschlossen werden muss.“ „Für diese Entscheidung habe ich überhaupt kein Verständnis“, zeigt sich BBV-Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer verärgert. Er kann den Kabinettsbeschluss nicht nachvollziehen. 

„Natürlich wissen wir, dass die Schülerzahlen rückläufig sind. Aber einem landwirtschaftlich so stark aufgestellten Bereich wie es die Landkreise Altötting und Mühldorf sind, die Schule zu nehmen, verstehe ich nicht.“ 

Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Töging behält das überregional zuständige Sachgebiet L 2.3 T und die überregionale Aufgaben der Nutztierhaltung. Für die Studierenden der Landwirtschaftsschule (LWS), Abteilung Landwirtschaft, stehen nach der Schließung in erreichbarer Nähe die Schulen Erding, Pfarrkirchen und Traunstein zur Verfügung. Für die Studierenden der LWS, Abteilung Hauswirtschaft, bleibt die Schule am Standort Töging erhalten. Leitender Landwirtschaftsdirektor Josef Kobler war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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Erstmeldung, 7. Juli, 14. 20 Uhr

Dabei wurde das weitere Vorgehen während der Corona-Pandemie in Bayern bekanntgegeben. Landwirtschaft war im Zusammenhang mit vielen Corona-Infektionen in Schlachthöfen in Nordrhein-Westfahlen ebenfalls Thema der Pressekonferenz. Die Schließung in Töging geschehe in einem größeren Zusammenhang. Die Ämter für Landwirtschaft in Bayern sollen umgebaut werden. Kaniber sagte, es sei wichtig, dass Landwirtschaft das Vertrauen der Menschen genieße.

Die Zahl der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF) wird insgesamt um circa ein Drittel reduziert. Lediglich 17 ÄELF bleiben in ihrer Struktur unverändert, 30 Ämter werden zu 15 neuen Verbundämtern zusammengelegt.

In Oberbayern gibt es aktuell zehn Landwirtschaftsschulen mit einem Ausbildungszweig Landwirtschaft. Davon müssen diesen nun drei schließen. Neben Töging sind dies Fürstenfeldbruck und Weilheim. In Töging waren zuletzt im Schnitt in diesem Ausbildungszweig nur 14,7 Studierende pro Jahr und Klasse. Als Ausweichschulen für Töging stehen die Standorte Erding, Pfaffenhofen oder Traunstein zur Verfügung.

Die Landwirtschaftsschule, Abteilung Landwirtschaft, vermittelt laut Homepage angehenden Unternehmern „Handlungs- und Entscheidungskompetenz sowie Grundlagen der Mitarbeiterführung“. In der umwelt- und tiergerechten Produktions- und Verfahrenstechnik vertieft sie vorhandenes Wissen. Fachliche Schwerpunkte in Töging sind im Pflanzenbau, Marktfruchtbau und Futterbau, im Bereich Tiere die Rinderhaltung.

Studierende der Landwirtschaftsschule, die vor Schulbeginn eine mindestens einjährige Berufspraxis abgeleistet haben, können zusammen mit der Abschlussprüfung der Landwirtschaftsschule Teile der Meisterprüfung ablegen. Die weiteren Teile der Meisterprüfung werden im Anschluss an die Landwirtschaftsschule abgelegt.

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