Taxifahrer in Marktl brutal misshandelt: Gericht verhängt hohe Haftstrafen

Staatsanwaltschaften leiten weniger Verfahren ein
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Staatsanwaltschaften leiten weniger Verfahren ein
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Nach einem Diskobesuch bis zur Sperrstunde nahmen vier junge Männer von Töging ein Taxi nach Marktl am Inn, wollten bei der Ankunft jedoch die vereinbarten 45 Euro nicht bezahlen. Als der Taxler (52) die Polizei rufen wollte, schlugen und traten ihn zwei Männer bis zur Bewusstlosigkeit.

Traunstein/Töging – Die Jugendkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann verurteilte beide wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung zu hohen Freiheitsstrafen. Einen mehrfach einschlägig vorbestraften 24-Jährigen, zur Tatzeit auch noch unter offener Bewährung, schickte das Gericht für sechs Jahre und acht Monate hinter Gitter. Ein 17-Jähriger bekam drei Jahre und vier Monate Jugendstrafe. Der erwachsene Täter muss – im Gegensatz zu dem Jugendlichen – zudem für alle materiellen und immateriellen Schäden, auch künftige, des bis heute schwer beeinträchtigten Opfers aufkommen.

Nach dem Vorglühen in Marktl und der Zugfahrt nach Töging hatte das Quartett bis in die Morgenstunden im Lokal „Silo“ gefeiert und getrunken. Nach der Rückkehr mit dem Taxi entfernten sich drei der Männer, der vierte blieb zurück. Von ihm wollte der 52-Jährige die 45 Euro. Angesichts der Weigerung eines wieder eingetrudelten zweiten Mannes beharrte der 52-jährige Taxifahrer: „Ich bin nicht die Caritas.“ Weil keiner der zwei jetzigen Angeklagten den Fahrpreis begleichen wollte, griff der Taxifahrer zum Handy.

Den Notruf wählen konnte er allerdings nicht mehr. Nach Schlägen beider Männer fiel er zu Boden. Beim letzten von mehreren Tritten war er bereits bewusstlos. Als er blutüberströmt aus der Ohnmacht erwachte und nach seinem Handy suchte, entdeckte ihn ein Spaziergänger. Der Passant informierte Rettungsdienst und Polizei. In einer Klinik in München musste der Verletzte, der zwei Kieferbrüche und eine Nasenfraktur, dazu Prellungen und starke Schmerzen davon getragen hatte, operiert werden. Eine weitere OP ist erforderlich.

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Der 52-Jährige mit Opferanwalt Olav Mitter aus Mühldorf zur Seite schilderte in dem Prozess, neben anhaltenden körperlichen Beschwerden leide er noch immer unter psychischen Folgen. Nach Stopp einer stationären Behandlung wegen Corona sei er bis dato in ambulanter Psychotherapie. Bis heute könne er nicht wieder Autofahren.

Die Angeklagten beriefen sich in der Verhandlung zum Teil auf Erinnerungslücken durch den Alkoholkonsum, versuchten auch, ihre Tatbeiträge zu leugnen oder herunterzuspielen. Sogar von „Notwehr“ wegen eines Angriffs des 52-Jährigen war die Rede. Die Verteidiger – Axel Reiter aus Mühldorf für den 24-Jährigen und Erhard Frank aus Burghausen für den 17-Jährigen – gingen denn auch in den Plädoyers jeweils von gefährlicher Körperverletzung in Mittäterschaft aus, während Staatsanwältin Verena Erlacher und Nebenklagevertreter Olav Mitter die Anklage in vollem Umfang bestätigt sahen.

Dem Opfer die Schuld zu geben, ist übel

In der eineinhalbstündigen Urteilsbegründung bezeichnete der Vorsitzende Richter die Einlassungen der Angeklagten als „nicht begeisternd“, die Aussage des 52-Jährigen hingegen als „beeindruckend“: „Er war sehr authentisch, sehr ehrlich, hat nichts dramatisiert. Ohne eigenes Verschulden ist ihm großes Unrecht geschehen.“ Der im Vergleich mit den großen, durchtrainierten Angeklagten eher kleine Taxifahrer habe „keinen ersten Schlag gesetzt und nicht provoziert“. Dr. Klaus Weidmann weiter: „Es ist ein übler Schachzug, wenn man behauptet, das Opfer ist selber schuld. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es so war.“ Nach dem rechtsmedizinischen Sachverständigen habe der Geschädigte „sechs Treffer ins Gesicht, darunter die Fußtritte mit beschuhtem Fuß“ erhalten. An den Schuhen der Täter seien DNA-Spuren des Opfers sowie Faserspuren nachgewiesen worden.

Zu den Hintergründen stellte der Vorsitzende Richter fest, der Fahrer habe lediglich sein ihm zustehendes Geld haben wollen. Um Hilfe zu erhalten, habe er die Polizei rufen wollen: „Er wurde daran gehindert – unter Anwendung von Gewalt. Das Opfer wurde kampfunfähig und mundtot gemacht.“

Eine besonders schwere räuberische Erpressung zähle zur Schwerstkriminalität mit einem Strafrahmen für Erwachsene von fünf bis 15 Jahren. Bei dem 24-Jährigen schloss das Gericht einen minderschweren Fall wegen der massiven Gewalt, der brutalen Mittel und der Vorstrafen aus. Die Entschuldigung sei spät erfolgt und von dem Opfer nicht akzeptiert worden. Ein wirksamer Täter-Opfer-Ausgleich mit Übernahme der Verantwortung verneinte die Kammer für beide Angeklagte.

Bei dem 17-Jährigen sei Jugendrecht anzuwenden. Ein minderschwerer Fall sei wegen nicht ausschließbarer verminderter Steuerungsfähigkeit zu bejahen. Der Jugendliche sei durch den 24-Jährigen in die Eskalation hineingezogen worden. Dieser Vorfall habe schmerzhafte Folgen – nicht nur für Familie des 17-Jährigen, sondern auch für die des Opfers. Dr. Weidmann erinnerte: „Der 52-Jährige wird vielleicht nie mehr ganz gesund. Sein Leben hat einen schweren Einschnitt bekommen. Er ist ein gebrochener Mann. Seine Familie muss das mittragen.

Und: Er ist unschuldig hineingeraten.“

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