Der Tag, an dem die Kette zerbrach - Häftlinge schildern die letzten Tage im KZ-Außenlager Mühldorf

Zwei Symbole für das Leiden im KZ-Außenlager Mühldorf: Der ehemalige Gefangene Max Mannheimer bei einer Gedenkfeier unter dem letzten verbliebenen Bunkerbogen. Vor 75 Jahren wurde das Lager geräumt, Mannheimer ist inzwischen gestorben, eine Gedenkstätte gibt es noch immer nicht. Sie ist aber zumindest im Aufbau. Honervogt
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Zwei Symbole für das Leiden im KZ-Außenlager Mühldorf: Der ehemalige Gefangene Max Mannheimer bei einer Gedenkfeier unter dem letzten verbliebenen Bunkerbogen. Vor 75 Jahren wurde das Lager geräumt, Mannheimer ist inzwischen gestorben, eine Gedenkstätte gibt es noch immer nicht. Sie ist aber zumindest im Aufbau. Honervogt

Vor 75 Jahren wurde die Bunkerbaustelle im Mühldorfer Hart geräumt, dort sollten KZ-Häftlinge aus dem Lager Dachau eine Fabrik zum Bau des Kampfflugzeugs Messerschmid Me 262 bauen. Bis zuletzt mussten die Männer unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit verrichten.

Mühldorf – Auf der Hauptbaustelle des KZ-Außenlagers im Mühldorfer Hart fand in den letzten Aprilwochen 1945 keine regelmäßige Arbeit mehr statt, da es an Material mangelte und Häftlinge zu Aufräumungsarbeiten am Mühldorfer Bahnhof eingesetzt waren. Der war durch zwei Angriffe der amerikanischen Luftstreitkräfte am 19. März und 20. April zerstört worden.

Der Tod lauert nach der Freilassung

Benno Wolf, Lagerschreiber im Waldlager, berichtet in seinen Aufzeichnungen sehr ausführlich über die letzten Tage und die Stimmung im Lager. „Es ist der 21. April 1945, nachmittags 6 Uhr. Lange, graue Häftlingskolonnen marschieren nach Arbeitsschluss in das Lager zurück. Es geht heute verhältnismäßig schnell, der Zählappell stimmt und eine halbe Stunde später ist alles in den Erdbunkern. Wie weit sind die Alliierten noch von unserem Lager entfernt?“

Am 24. April wurde Wolf zum Kommandanten des Wachpersonals Anton Ostermann gerufen. „In der vorgeschriebenen Haltung stehe ich vor ihm und warte auf seine Erklärung, die für uns wichtig ist, denn sie kann unter Umständen lebensentscheidend sein. Er sagt nur kurz ,Wolf, sämtliche Insassen des Lagers werden morgen früh abtransportiert. Das Ganze soll nach Möglichkeit geheim bleiben, um jede Aufregung zu vermeiden‘. Auf meine Frage, wohin man uns transportieren wird, antwortet er. ,Nach dem Ötztal, in Tirol‘.“

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Wolf erreicht Kommandanten, dass 600 kranke Häftlinge im Krankenrevier zurückbleiben dürfen. Zusammen mit anderen Häftlingen konnte Benno Wolf noch 150 Häftlinge im Lager verstecken. Die übrigen 3640 Männer wurden am 25. April zu 60 bis 90 Mann in 63 Güterwaggons gepfercht. Die Verpflegung bestand aus 200 Gramm Brot, 125 Gramm Käse und 20 Gramm Margarine. Wasser war rationiert, so dass die Häftlinge das Regenwasser, das durch die Waggondecke rann, tranken.

Max Mannheimer schrieb später in seinen Erinnerungen: „Ich bin sehr abgemagert und muss direkt aus der Krankenhausbaracke in den Wagen geführt werden. Fünf Wochen Typhus haben mich sehr geschwächt. Auf meinem Bruder gestützt erreiche ich den Wagen. Ich fühle mich in Sicherheit“.

Nach einer Irrfahrt durch Oberbayern wurde der Mühldorfer Evakuierungszug am 30. April in Seeshaupt und Tutzing durch die 36. Infanteriedivsion der 7. US-Armee befreit.

Mindestens 155 Menschen starben auf diesem Transport. Überlebende bezeichneten den Zug später als „Todeszug“. Drei Tag zuvor hatte die Wachmannschaft die Häftlinge bei Poing freigelassen, wenig später trieben Angehörige einer Luftwaffeneinheit, SS-Angehörige und Zivilisten die Gefangenen zurück in die Züge. Mindestens 50 wurden erschossen.

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Obwohl Hauptmann Ostermann das Lager kampflos übergeben wollte, hatte Walter Langleist, Kommandant des KZ-Außenlagers mehrfach die Liquidierung angeordnet. Ostermann weigerte sich, den Befehl ausführen zu lassen.

Am 2. Mai um zwei Uhr befreiten die Amerikaner dann das Waldlager. Die Gefangenen schwach und eingeschüchtert. Ein amerikanisches Sanitätsteam in Ampfing inspizierte das Waldlager und organisierte die rasche Verpflegung der entkräfteten Häftlinge an. Die Pflege übernahmen Ampfinger Frauen. Auch ein Stützpunkt in Ecksberg wurde in ein Lazarett umgewandelt. Trotzdem starben noch viele der Befreiten.

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Häftling Coen Rood hat später in seinen Erinnerungen die Stunde der Befreiung eindrucksvoll geschildert. „Die Tür geht auf, ich sehe einen Cowboy, braun gebrannt, gesund mit einem Helm, Gewehr und tausend Taschen für Munition. Seine Ärmel sind hochgekrempelt und er hat starke, gesunde Arme, die sich nach mir austrecken. Ich schaffe es, mich zu erheben, mit kleinen Schritten und schwankend gehe ich auf ihn zu. Ich falle ihm entgegen. Er hebt mich auf und lächelt. Wie stark er ist. Und plötzlich kann ich weinen und umarme ihn und er mich. Er küsst mich, mich den ausgestoßenen, sterbenden, schmutzigen, stinkenden Paria. Er nimmt eine Flasche aus seiner Tasche und mir etwas Kognak. Und ich Abstinenzler trinke ihn, huste und bin glücklich. Wir beide weinen. Er hält mich und hilft mir bis zum Lagertor. Das Tor ist offen, die Kette ist zerbrochen. Sie ist für immer zerbrochen. Wir sind endlich frei.“

Der Autor ist Stadtarchivar in Mühldorf

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