Streit um Masken eskaliert immer häufiger – eine Mühldorferin muss das fast täglich erleben

In der Pandemie treffen sie hart aufeinander: Maskenverweigerer und diejenigen, die ihren Gebrauch fordern. Die Geschichte von Brigitte Amasreiters aus Mühldorf zeigt, unter welchen Belastungen beide Seiten in der Corona-Krise leiden. Im Streit immer dabei: Fake-News und Verschwörungstheorien.

Mühldorf – Der Schmerz ist Brigitte Amasreiters ständiger Begleiter. Seit sie fünf Jahre alt ist. Bis heute. Gelindert wurde er nie. Sie hat gelernt, damit zu leben. Der Schmerz, den ihr in der Corona-Krise Mitmenschen zufügen, scheint sie mehr zu quälen.

So kennen viele die 72-Jährige: Als hervorragende Zitherspielerin, die im eigenen Musikverlag CDs und Noten veröffentlicht, die bei vielen Volksmusikveranstaltungen auftritt, Preisträgerin des Deutschen Zithermusikbunds ist, eigene Stücke komponiert hat.

Brigitte Amasreiters

Sie sitzt im Wohnzimmer hinter ihrer Lieblingszither, einer Amberger Stern aus dem Jahr 1926 und streicht liebevoll über das Holz des Instruments. Dabei erzählt sie, was kaum jemand weiß: Dass sie seit Kindesbeinen an einer schweren Kieferkrankheit leidet, die ihr Hunderte von Operationen einbrachte, die sie wohl bis ans Lebensende massiv einschränken wird und einen Dauerschmerz beschert, den sie wegen Unverträglichkeiten nicht mit Schmerzmitteln lindern kann.

Die Maske verschärft den Dauerschmerz

Mit Musik schon, mit anderen Menschen, mit ihrer optimistischen Art, die sie auch nicht verlor, als sie monatelang den Mund nicht mehr öffnen konnte, um wenigstens Suppe zu löffeln.

Sie erzählt von den kleinen Dingen, die sie glücklich machen: Kuchen mit der Gabel essen können, mit Menschen im Krankenhaus nach einer Operation Dankeslieder singen, über die Enkel lachen, wenn sie zum Zitherspiel tanzen. „Man muss einfach das Schöne sehen.“ Vor allem in den langen Jahren des Leidens, in denen ihr Leben mehr als einmal auf der Kippe stand.

Operationen gefährden das Leben

Sie sagt auch: „Man sieht es mir nicht an.“ Wie immer trägt Amasreiter Dirndl, wirkt nicht krank, aber ein wenig zerbrechlich. Sie blieb stark, auch wenn sie Ärzte vor möglichen Folgen der nächsten Operation dicht am Gehirn warnten. Ihr Glaube half auch da: „Der Herr Jesus bemisst meine Zeit.“

Und jetzt das: „Ich kämpfe mich durch meine Krankheiten und werde attackiert, weil ich keine Maske trage.“ Das kann sie nicht, der Schmerz wäre – ärztlich bestätigt – zu groß. Die fragile Konstruktion ihres Kiefers ächzt schon unter dem geringsten Druck.

Sie erzählt, dass sie auf dem Wochenmarkt beschimpft worden sei. „Dabei ist das draußen und man kann leicht Abstände einhalten.“ Bei Cafébesuchen oder in Geschäften das gleiche: aggressive Aufforderungen, Mund-Nase-Schutz aufzusetzen, Beschimpfungen. Mit der Bahn fährt sie nicht.

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Am Tag nach dem Gespräch in ihrem Wohnzimmer ruft sie an. Sie war in Wasserburg, ging in ein Café, wollte etwas trinken. „Ich wurde nicht bedient, sondern beschimpft.“ Sie musste gehen.

Deshalb weint sie.

Corona – oder genauer: Das Verhalten mancher Mitmenschen, verletzt sie offensichtlich mehr als ihre Krankheit. „Warum reden wir nicht miteinander, gehen nicht auf einander zu?“

Die gleichen Erfahrungen macht Nicole Bugl von der Bäckerei Bergmeister in Wasserburg – nur umgekehrt. Sie arbeitet für das Geschäft, in dem Amasreiter nicht bedient wurde. Bugl sieht die Not von Kunden, die tatsächlich krank sind, glaubt aber auch: „Bei uns trägt man die Maske höchstens zwei oder drei Minuten, das sollte schon gehen.“

Gefälschte Atteste und Fake-News

Sie erzählt, wie Maskenverweigerern beinahe täglich aggressiver würden, Menschen aus organisierten Facebook-Gruppen mit gefälschten Schreiben und Attesten ins Café kämen, die von Ärzten per Internet ausgestell würden.

Wie sich Kunden fälschlicherweise auf ein vermeintliches Recht auf Grundversorgung beriefen, das aber so nicht gelte. Angebliche Anwälte behaupten in Internetforen, Bäckereien oder Lebensmittelgeschäfte dürften Kunden nicht abweisen. „Eine Kollegin wurde bespuckt“, sagt Bugl.

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Die Bäckereikette habe „aus der Aggression und den Attacken“ die Konsequenz gezogen, Kunden ohne Masken nicht mehr zu bedienen. „Damit schützen wir auch unsere Mitarbeiter und andere Kunden und vermeiden lange Diskussionen. „Wie sollen unsere Mitarbeiter denn ein echtes von einem gefälschten Attest unterscheiden?“, fragt sie.

Verweigerer müssen draußen bleiben

Diese Einschränkung verbreitet sich wie das Virus. Auch andere Wirtshäuser oder Geschäfte in der Region haben diese Regelung getroffen. Schilder weisen darauf hin, dass Maskenpflicht gilt – auch mit Attest. Wer keine Maske tragen will, muss draußen bleiben. Was aber Geschäftsinhabern als Schutzmaßnahme vor Bußgeld und Aggression dient, macht für Patienten wie Brigitte Amasreiter das tägliche Leben noch ein wenig schwieriger.

Das rät der Psychologe: Nachfragen statt zu attackieren

Ulrich Schmidt-Blechta ist Psychologe und Berater bei der Caritas. Er sagt: „Die Gereiztheit ist ein Zeichen der Verunsicherung und Angst.“ Damit haben nach seiner Erfahrung Maskenverweigerer und Maskenforderer das selbe Motiv: Die Angst vor dem Coronavirus und seinen möglichen Folgen. Über all diese Sorgen sagt er: „Das ist verständlich.“

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Die einen fürchten sich vor einer Infektion, fürchten die Lockerheit anderer im Umgang mit dem Virus. Andere, wie die Mitarbeiter in Geschäften oder Gaststätten, treibt die Sorge um ein Bußgeld um, um den Arbeitsplatz, sie spüren Hilflosigkeit gegenüber hartnäckigen Maskenverweigerern. Menschen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen wollen, die unter Angstattacken leiden, fürchten sich vor den Reaktionen der anderen, manchmal treibt sie die Sorge um, andere zu gefährden. „In der Corona-Krise prallen diese Ängste direkt und persönlich aufeinander.“

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Schmid-Blechta nennt zwei Strategien, wie Menschen mit Beunruhigungen umgehen: Sie vermeiden sie, reden die Gefahr klein, lassen sie nicht an sich heran. Oder sie werden aggressiv, gehen andere möglichst hart und direkt an. Die allgemeine Verunsicherung angesichts des noch so unerforschten Virus, die stets neuen Erkenntnisse der Wissenschaft und das sich verändernde politische Vorgehen verschärfen nach Ansicht des Psychologen die Situation.

Fragen statt attackieren

Eine allgemeine Zunahme der Aggression in der Gesellschaft, den Verlust vernünftiger Umgangsformen durch Corona, wie sie Brigitte Amasreiters fürchtet, sieht er nicht. Schmid-Blechta nennt als Beispiel den Autoverkehr, in dem es seit jeher aggressives Verhalten gebe, wenn Regeln und individuelles Vorgehen auf einandern prallten. Auch die Empörungskultur in den sozialen Netzwerken habe es schon lange vor der Pandemie gegeben.

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Seine Empfehlung in Coronazeiten: Die Situation offen erklären, fragen statt zu attackieren: „Es geht darum, zu verstehen, wie es dem anderen geht, warum er so handelt, wie er es tut.“

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