Streit um Corona-Särge in Mühldorf: Haben Klinik und Bestatter Hygieneregeln missachtet?

Nur in Schutzanzügen können Bestatter die Leichen von Corona-Verstorbenen für die Beerdigung fertig machen. Am Alten Friedhof in Mühldorf sollen diese Särge unsachgemäß außerhalb der Kühlung aufbewahrt worden sein.
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Nur in Schutzanzügen können Bestatter die Leichen von Corona-Verstorbenen für die Beerdigung fertig machen. Am Alten Friedhof in Mühldorf sollen diese Särge unsachgemäß außerhalb der Kühlung aufbewahrt worden sein.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Mitten in der Coronakrise ist in Mühldorf ein Streit um Hygieneverstöße im Umgang mit den Särgen von Verstorbenen entbrannt. Im Zentrum stehen Bestatter, die einem Kollegen und der Mühldorfer Klinik schwere Vorwürfe machen.

Mühldorf – Hygieneverstöße oder Futterneid der Konkurrenz: Drei Bestatter werfen dem Krankenhaus Mühldorf und einem anderen Bestattungsunternehmen schwere Verstöße gegen Corona-Hygieneregeln vor. Dabei sollen Särge mit Corona-Toten undesinfiziert und ungekühlt aufbewahrt worden sein.

Die Beschuldigten wehren sich. Die Klinik Mühldorf beruft sich auf die Vertragspartnerschaft des Bestatters mit der Stadt Mühldorf, der Bestatter selbst wirft den anderen Konkurrenzdenken vor und den Versuch, seiner Firma schaden zu wollen.

Zu viele Tote auf dem Höhepunkt der Krise

Es war auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im Landkreis Ende April. Die Zahl der Neuinfektionen in den Landkreisen Mühldorf und Altötting lag zeitweise im zweistelligen Bereich, in der Klinik starben täglich Menschen. So viele, dass die Kühlvorrichtungen zur Aufbewahrung der Leichen im Krankenhaus nicht mehr ausreichten.

Die Klinik beauftragte deshalb das Bestattungsunternehmen Liegl aus Mühldorf, die Särge abzutransportieren und im Leichenhaus am benachbarten Alten Friedhof zu lagern. Am 23. April sah und fotografierte dort Alexander Pechtl, Inhaber des Bestattungshauses Pechtl & Schöppl in Ampfing, Särge mit Corona-Toten, die nach seiner Meinung nicht sachgemäß gelagert wurden: Zwei und drei Särge außerhalb der Kühlung, aufeinandergestapelt, ungekennzeichnet, nicht desinfiziert. Kollegen von den Unternehmen Denk (Mühldorf) und Reisegast (Waldkraiburg) bestätigen die Beobachtungen. Die Bestatter fürchten um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, wenn sie diese Särge mit Corona-Toten übernehmen.

Schwere Vorwürfe: Särge mit Corona-Toten sollen undesinfiziert und ungekühlt aufbewahrt worden sein.

Die Vorwürfe der Bestatter richten sich nicht nur gegen den Mitbewerber, sondern auch gegen die Klinik: „Es kann nicht sein, dass das Krankenhaus ein Vorgehen veranlasst, das einen Verstoß gegen Hygieneregeln darstellt“, sagt Pechtl.

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Das Krankenhaus hätte stattdessen selbst für ausreichende Kühlplätze zum Beispiel durch einen Kühlcontainer sorgen müssen. Das aber lehnt die Klinikleitung bis heute ab. „Aus Pietätsgründen haben wir darauf verzichtet, einen Kühlcontainer zur Aufbewahrung der Verstorbenen anzuschaffen“, heißt es in der Stellungnahme des Inn-Klinikums.

Die Firma Liegl sei gewählt worden, weil „sie einen Schlüssel zur städtischen Leichenhalle besitzt und eine Sieben-Tage-Abholbereitschaft zugesichert habt“. Nach den Protesten der anderen Unternehmer hat die Klinik jetzt auch ihnen die Möglichkeit eingeräumt, Tote direkt in der Klinik abzuholen.

Klinik will an Praxis festhalten

Wie aus einem Schreiben vom 30. April hervorgeht, behält sich die Klinik bei einer möglichen zweiten Welle und einer Kapazitätsüberschreitung der Kühlanlage aber den erneuten Transport in das Leichenhaus am Alten Friedhof vor. „Mit der sachgemäßen Übergabe der Verstorbenen an das jeweilige Bestattungsinstitut endet die Verantwortlichkeit des Inn-Klinikums Mühldorf.“

Die Firma Liegl sieht sich als Opfer einer Neidkampagne, das Gesundheitsamt entlastet Liegl. Die Behörde ist den Vorwürfen zusammen mit Vertretern der Stadt Mühldorf nachgegangen und hat „ keinerlei Mängel und Auffälligkeiten festgestellt“, heißt es auf Anfrage. „Nach bisherigem Erkenntnistand ist das Leichenhaus für eine sachgemäße Lagerung von Verstorbenen, die mit dem Corona-Virus infiziert waren, geeignet.“

Särge außerhalb der Kühlanlage aufbewahrt

Liegl bestreitet nicht, dass er die Särge außerhalb der Kühlanlage in dem Leichenhaus aufbewahrt hat. „Damals war es aber noch relativ kühl“, sagt er. Das sehe das Gesundheitsamt genauso. Hygienevorschriften wie Sargdesinfektion oder Abdeckung der Leichen mit Hygienetuch und Leichensack habe er durchgeführt.

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Grundsätzlich werden im Mühldorfer Leichenhaus Särge in drei Kühlvorrichtungen für drei Särge aufbewahrt. „Die Kühlvorrichtungen sorgen dafür, dass die vorgeschriebenen Aufbewahrungstemperaturen von maximal zehn bis zwölf Grad gewährleistet sind“, heißt es von der Stadt Mühldorf.

Bestatter Pechtl und seinen Kollegen nennen diese Kühlung „Schneewitchenkühlung“, weil die Särge in diese Holzkisten gestellt und mit einem durchsichtigen Deckel geschlossen werden.

Reicht die Kühlung aus?

Die darin durch sogenannte Kondenswandler erreichte Umwandlung von Warm- in Kaltluft halten sie aber in Corona-Zeiten für nicht ausreichend. Sie fordern zwei Grad, wie sie sie in ihren firmeneigenen Kühlungen garantieren könnten.

Bestatter Liegl sieht sich mit „Konkurrenzdenken“ und „Futterneid“ konfrontiert. Den anderen gehe es nur darum, ihm zu schaden, weil er Verträge mit dem Krankenhaus und der Stadt Mühldorf habe. Es sei schade, dass man in dieser Zeit so miteinander umgehe.

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