Berlin - München - Buchbach: Ein Stadtmädchen wird Bio-Bäuerin auf dem Land

Ungewöhnliche Karriereeiner Einser-Abiturientin: Judith Blättler bei der Fütterung der Kälber. Rampl
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Ungewöhnliche Karriereeiner Einser-Abiturientin: Judith Blättler bei der Fütterung der Kälber. Rampl

Die Einserabiturientin Judith Blättler erhält den Staatspreis für ihren herausragenden Lehrabschluss. Bleibt die Frage, was eine junge Frau, die aus Berlin kommt und in München gelebt hat, aufs Land treibt.

Buchbach – Grund zum Feiern gab es auf den Bio-Hof von Rainer und Alexandra Hundmeyer und ihrer Familie in Kagen bei Buchbach. Ihre Auszubildende Judith Blätter aus München-Neuperlach ist für ihre hervorragenden Leistungen in der Berufsschule mit dem Notendurchschnitt 1,1 nicht nur mit dem bayerischen Staatspreis ausgezeichnet worden. Die Abschlussprüfung zur Landwirtin hat sie mit einem Notendurchschnitt von 1,14 abgelegt.

Mit Einserabitur in die Landwirtschaft

Judith Blättler hatte sich mit einem Einser-Abiturzeugnis bei Rainer Hundmeyer beworben. In Berlin geboren und in München aufgewachsen hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei direkten Kontakt zur Landwirtschaft.

Ihre künftigen Stationen sind ab 6. Januar 2020 der 3-monatige Grundkurs an der Jungbauernschule in Grainau und anschließend ein Auslandspraktikum in Frankreich. Danach folgt das Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen.

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In der verbleibenden Zeit bis zum Jahresende bleibt sie Rainer Hundmeyer und seiner Familie auf ihrem Bio-Hof als tatkräftige Unterstützung erhalten. Ihre wichtigste Aufgabe in dieser Zeit wird der Aufbau einer „Neuen Landwirtschaft“ auf seinem Hof sein.

Judith Blättler (Mitte mit Geschenk) im Rahmen ihrer Familie und derAusbildungsfamilie Hundmeyer

Ziel sei dabei, so Hofinhaber Rainer Hundmeyer, mit Mitbürgern aus Buchbach und darüber hinaus, eine partnerschaftliche Form der Landwirtschaft zu entwickeln, in der jeder Einblick und die Möglichkeit zur Mitgestaltung habe, um so Verantwortung für die eigenen Nahrungsmittel übernehmen zu können. Lehrherr und Bio-Bauer Rainer Hundmeyer ehrte sie mit einem kleinen Empfang.

Selbstständig und strukturiert

Hundmeyer sprach nicht nur seine Anerkennung für die schulischen Leistungen von Judith Blättler aus, sondern hob ihre freundliche Art, das selbstständige und strukturiertes Arbeiten und ihr großes Geschick im Umgang mit den Tieren und Maschinen während ihrer praktischen Ausbildung auf seinem Hof hervor.

Judith Blättler im Interview

Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet Landwirtin zu lernen?

Judith Blättler: Ich bin in einem umweltbewussten Umfeld aufgewachsen, in dem Tier-, Natur- und Klimaschutz diskutiert und auch gelebt wurden. Daher hatte ich schon als Grundschülerin diesen Berufswunsch und habe mich schon am Gymnasium intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Bei meinem Interesse am Regenwald, Afrika oder Nordpol war mir klar geworden, dass ich mich für den Umweltschutz in Deutschland einsetzen will. Da Deutschland keine Wüste oder Regenwald besitzt, landete ich bei der Landwirtschaft, habe mich über die unterschiedlichen Möglichkeiten informiert. Meine Eltern haben mich schließlich auf diese Ausbildung zur Landwirtin gebracht.

Was hat Sie nach Buchbach verschlagen, vor allem auf einen Biohof?

Blättler: Ich habe lange nach einer passenden Lehrstelle für mein letztes Lehrjahr gesucht. Mein Wunsch war, nach dem ersten Lehrjahr auf einem konventionellen Betrieb, auch die Biowirtschaft kennenzulernen. Entscheidend war für mich die Bio-Herstellung neben der Kreislaufwirtschaft, Extensivierung, vor allem die Wertschätzung, die dem Landwirt für seine Arbeit entgegengebracht wird.

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Blättler: Auf den Betrieb von Rainer Hundmeyer in Kagen bin ich über Kontakte im Freundeskreis gekommen. Das Wichtigste für mich war, einen Hof zu finden, auf dem ich als Mensch aufgenommen werde und mich wohlfühle.

Wie hat Ihre Familie und Ihr Freundeskreis Ihre Berufswahl aufgenommen?

Blättler: Meine Familie hat mich immer unterstützt und stand hinter mir. Sie haben sich für meine Arbeit interessiert, mich besucht, sich ein Bild gemacht, ausgetauscht. Dafür und für den Rückhalt bin ich dankbar. Im Umfeld gab es auch Personen, die sich unter diesem Beruf wenig vorstellen konnten oder skeptisch waren. Ehrlich gesagt, mir sind diesbezüglich mehr Skeptiker aus der Landwirtschaft begegnet, als in meinem städtischen Umfeld. Aber, meine Familie freut sich über meine Berufswahl, der eine so große Bedeutung für die Menschheit mit der Lebensmittelherstellung, Rohstoffproduzent und Landschaftspflege hat. Sie haben und hatten schon immer eine große Achtung vor allen Landwirten, die ihr Leben diesen Aufgaben widmen. Sie stehen, trotz Städter, voll hinter der Ausbildung zur Landwirtin und sind stolz auf den erfolgreichen Abschluss einer so anspruchsvollen und fordernden Ausbildung.

Wie sieht Ihr Freund Ihre Berufswahl?

Blättler: Er kennt mich schon sehr lange und sieht mich als reifen, zielstrebigen sowie eigenständigen Menschen mit einer grünen Ader, der überlegte und vor allem bewusste Entscheidungen trifft. Die Berufswahl zur Landwirtin war aus seiner Sicht von diesen Merkmalen geprägt. Für ihn bin ich jemand, der neue Wege öffnen und damit etwas bewegen kann. Dies wird begünstigt durch die ganzheitliche Erfahrung des Berufsfelds, indem die Ausbildung mit dem Studium der Agrarwissenschaft sowie verschiedenen Praktika und Fortbildungen kombiniert wird.

Wie ist Ihre weitere berufliche und privaten Lebensplanung?

Blättler: Das Studium dient vor allem der Wissenserweiterung, damit ich die vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten, die die Landwirtschaft bietet, voll ausnutzen kann. Welche konkrete Tätigkeit ich mal ausüben werde, weiß ich noch nicht. Die praktische Arbeit in der landwirtschaftlichen Realität bleibt hoffentlich erhalten, auch in meinem späteren Beruf. Meine Arbeit und Karriere sehe ich ganz unabhängig von meiner privaten Lebensplanung. Dabei ist es egal, aus welchem Berufsfeld mein Partner kommt, da zählen andere.

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